Das Potenzial unseres Gehirns

Du hast das Potenzial deines Gehirns in deinen eigenen Händen

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Getty Images

Wie leistungsfähig dein Gehirn ist, hängt zu einem großen Teil von dir selbst ab. Erfahre, wie du dein Potenzial optimal nutzen kannst.

Das menschliche Gehirn, Kontrollzentrum unseres Körpers, beeindruckendes Organ von unermesslichem Potenzial. Nur wenige können verstehen, welche Abläufe in ihm vonstattengehen und wie es wirklich funktioniert.

Prof. Dr. Jürgen Sandkühler gehört zu diesen wenigen. Er leitet das Center for Brain Research an der Medizinischen Universität Wien und ist fasziniert von diesem außerordentlichen Organ. „Kein vom Menschen hergestelltes Instrument oder System verfügt auch nur ansatzweise über eine solche Komplexität wie das menschliche Gehirn und sein Nervensystem. Es macht uns als Menschen aus und auch nur einen Teil davon zu verstehen, ist eine fantastische Herausforderung“, erklärt der Neurowissenschaftler.

Wir nehmen die Herausforderung an und wollen mehr erfahren über …

  • das ungenutzte Potenzial unseres Gehirns
  • wie man seine Denkleistung optimieren kann
  • welche Faktoren die Kapazitäten des Gehirns beeinflussen
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THE RED BULLETIN INNOVATOR: Herr Prof. Dr. Sandkühler, man liest immer wieder davon, dass wir nur zehn Prozent unserer Gehirnkapazität nutzen. Fakt oder Mythos?

PROF. DR. JÜRGEN SANDKÜHLER: Ich halte das für eine wilde Spekulation. Das Potenzial des menschlichen Gehirns lässt sich nicht berechnen und nicht jedes menschliche Gehirn hat das gleiche Potenzial. Es gibt Menschen mit herausragenden Begabungen, zum Beispiel in der Mathematik, den Künsten oder im Sport. Das sind aber jeweils Einzelleistungen. Wenn man diese zu einem Gesamtpotenzial hochrechnen würde, liegt der Durchschnittsmensch vermutlich unter zehn Prozent dieses errechneten Potenzials. Es ist jedoch schwierig, die tatsächliche, individuelle Leistungsfähigkeit des Gehirns quantitativ abzuschätzen. Ich bin aber davon überzeugt, dass in uns allen starke Reserven schlummern, die wir noch besser nutzen könnten.

„Soziale Kontakte, ein Freundeskreis in dem Sie sich unterhalten, diskutieren und streiten, in dem Sie argumentieren müssen, tragen dazu bei, Ihre kognitive Leistung zu steigern.“

Was macht Sie da so sicher?

Das Gehirn ist sehr plastisch, sehr trainierbar, sehr abhängig davon, wie wir es benutzen. Nache einer Hirnschädigung können beispielsweise verloren geglaubte Fähigkeiten oft noch in erstaunlichem Umfang zurückgewonnen werden, indem nicht betroffene Hirnareale durch Training neue Aufgaben übernehmen. Außerdem ist für die Leistungsfähigkeit des Gehirns auch der Zustand des Gesamtkörpers relevant.

„Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“ ist also mehr als eine Redensart?

Die Leistungsfähigkeit des Gehirns kann schon durch scheinbar triviale Einflüsse eingeschränkt sein. Nehmen wir zum Beispiel den grippalen Infekt. Dabei kommt es nicht nur zu einer Entzündungreaktion in Gelenken oder Muskeln, sondern auch im Gehirn. Das ist nichts, das das Gehirn zerstören würde, aber eine Entzündung des Nervensystems -  die sogenannte Neuroinflammation – beeinflusst unsere Stimmung und unsere kognitiven und motorischen Fähigkeiten stark. Ein Gehirn, das am Vortag noch uneingeschränkt leistungsfähig war, wird durch einen grippalen Infekt auf einen Bruchteil seines Potenzials beschränkt. Wir fühlen uns dann müde, unkonzentriert und antriebslos.

© Youtube // MedUni Wien

Gegen eine Grippe kann ich aber nicht viel ausrichten.

Jetzt kommt aber das Spannende. Wir wissen heute, dass eine mildere Form der Neuroinflammation durch eine Vielzahl von Umwelteinflüssen begünstigt oder sogar ausgelöst werden kann, beispielsweise durch Bewegungsmangel, unbewältigten Stress, schlechten Schlaf, ungesunde Ernährung, Alkohol oder Übergewicht. Für uns alle besteht also die Gefahr, das Potenzial unseres Gehirns durch einen entzündungsfördernden Lebensstil beträchtlich einzuschränken. Die andere Seite der Medaille: Wir können durch Optimierung unseres Lebensstils an der einen oder anderen Stelle auch viel für unser Gehirn und den Rest unseres Körpers tun.

Durch einen gesunden Lebensstil kann ich also intelligenter werden?

Regelmäßiger, aber dosierter Sport etwa hat tatsächlich eine entzündungshemmende Wirkung auf den ganzen Körper und damit auch auf das Gehirn. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit eine Alzheimersche Erkrankung erleiden. Vermutlich wird sich Ihr IQ nicht alleine durch täglich drei Stunden Workout erhöhen, aber im Gesamtpaket eines gesunden Lebensstils können Sie die Leistungsfähigkeit Ihres Gehirns tatsächlich deutlich und messbar steigern.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, das Gehirn speziell zu trainieren.

Richtig, aber ich würde dennoch der Lebensführung insgesamt eine wichtigere Rolle beimessen. Aufbauend auf ein gut funktionierendes Gehirn können Sie Spezialleistungen trainieren. Aber wenn Sie die grundsätzliche Leistungsfähigkeit des Gehirns nicht optimieren, können Sie auch in Einzelleistungen keine Spitzenergebnisse erwarten. Das ist, als hätten Sie ein gutes Auto, das aber schlecht gewartet ist und bei dem das Getriebe, das Fahrwerk und die Aerodynamik nicht auf die Motorleistung abgestimmt sind. Mit so einem schlecht abgestimmten Auto werden Sie kein Rennen gewinnen, egal wie viel Sie trainieren.

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Nehmen wir also an, ich wäre top in Form und würde einen vorbildlichen Lebensstil pflegen. Wie könnte ich mein Gehirn weiter trainieren?

Es gibt viele Optionen wie man seine Gehirnleistung steigern kann, insbesondere wenn man etwas Neues lernt, eine Sprache, ein Musikinstrument, eine neue Sportart, aber auch wenn man neue Aufgaben übernimmt oder sich für eine Idee aktiv engagiert. Kurzum, beim Gehirn ist es in dieser Hinsicht ähnlich wie beim Muskel: Wenn man es regelmäßig benutzt und dabei seine Komfortzone verlässt, steigert man dessen Leistung. Man muss nur für sich selbst herausfinden, was das jeweils geeignete Training ist. Wenn ich Ihnen sage, lösen Sie täglich ein Sudoku, bringt das nichts wenn es Ihnen keinen Spaß macht. Wählen Sie eine Aktivität die Sie herausfordert oder übernehmen Sie Verantwortung. Lesen Sie nicht nur die Zeitungen mit den großen Lettern und den bunten Bildern, sondern Texte die verstanden werden wollen. Soziale Kontakte, ein Freundeskreis in dem Sie sich unterhalten, diskutieren und streiten, in dem Sie argumentieren müssen, und sei es nur, warum ein bestimmtes Sportteam Meister wird, tragen dazu bei, Ihre kognitive Leistung zu steigern. Ein sozial isolierter Mensch hat dagegen beispielsweise eine höhere Wahrscheinlichkeit an Alzheimer zu erkranken. Im Grunde ist es nicht wichtig, was Sie machen, solange Sie Ihr Gehirn regelmäßig aktiv benutzen.

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Wie bringe ich mich gezielt für eine bestimmte Situation und Herausforderung in Form, etwa für einen Wettkampf, in dem mein Gehirn gefordert wird?

Der Schlüssel ist, auf eine Aufgabe vorbereitet zu sein, indem man ähnliche Aufgaben immer wieder auf verschiedene Arten löst. Das schult das strategisches Vorgehen und die Konzentration, man lernt mit Rückschlägen bei der Bewältigung umzugehen. Gibt es beim Wettkampf ein Zeitlimit oder werden Sie dort beobachtet? Dann gestalten Sie auch die Übungssituation so und simulieren sie bestmöglich. Mental unvorbereitet in einen Wettkampf zu gehen heißt sein Potenzial bei weitem nicht ausschöpfen zu können.

„Unser Gehirn ist heute gefordert wie nie.“

Ich denke da zum Beispiel an die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft, die bei der Heim-WM 2011 als großer Favorit bereits früh scheiterte (im Viertelfinale am späteren Weltmeister Japan, Anm.). Hinterher hieß es, man sei unter anderem diese große Kulisse und die Stadien nicht gewohnt gewesen. Die Mannschaft sei daher mental eingeknickt. Das sollte eigentlich kein Grund sein, in einem Wettbewerb zu versagen, denn hier war der Kontext, in dem die Leistung zu erbringen war, eine vorhersehbare Einflussgröße, auf die man sich gut hätte vorbereiten können. Bei Herausforderungen ist es wichtig, sich nicht nur auf die eigentliche Aufgabe vorzubereiten, sondern auch mental auf die Situation, in der Sie die Aufgabe lösen müssen. Das gilt nicht nur für Wettkämpfe, sondern gleichermaßen für Prüfungen, Karrieregespräche, öffentliche Auftritte und viele andere Situationen.

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Wie merkt sich mein Gehirn eigentlich Dinge bzw. warum will es sich bestimmte Dinge einfach nicht merken?

Die vier entscheidenden Punkte für die Bildung unserer Gedächtnisinhalte sind Motivation, Bedeutung, Wiederholung und Begabung. Die beiden ersten hängen eng zusammen. Wenn etwas für Sie keine Bedeutung hat, fehlt Ihnen auch die nötige Motivation. Das Gehirn zeigt hier eine Lerneffizienz, warum sollte es Inhalte speichern, die keine Bedeutung für Sie haben? Solche Inhalte – jeder Schüler wird sie kennen - merkt man sich mittels Wiederholung, denn je häufiger eine bestimmte Information auftaucht, umso größer ist die mutmaßliche Bedeutung für das Individuum. Im Gehirn bewirken Wiederholungen eine sehr gezielte Stärkung der Erregungsübertragung zwischen den jeweils relevanten Nervenzellen. Das ist übrigens ein Lernmechanismus, mit dem wir nicht nur Gedächtnisinhalte, sondern auch Bewegungsabläufe optimieren. 

Und die Begabungen?

Von denen wissen wir nicht genau, wie sie zustande kommen. Da spielen vererbtes Genmaterial eine Rolle, aber auch sogenannte epigenetische Phänomene – Veränderungen der Genablesung durch Umwelteinflüsse, wie etwa traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder das Verhalten der Mutter in der Schwangerschaft. Dass wir über unterschiedliche kognitive, künstlerische, motorische oder andere Begabungen verfügen zeigt, dass nicht alle Gehirne gleich angelegt sein können.

Wird uns heute durch die vielen technologischen Hilfestellungen im Alltag eigentlich zu viel Gehirn-Training abgenommen? Früher mussten wir uns etwa unzählige Telefonnummern merken.

Das Gegenteil ist der Fall. Auch das Verschwinden der Handschrift wird oft als ein solches Beispiel angeführt, aber die Menschheit hat vor den Telefonnummern und vor der Handschrift existiert und sie wird es auch dann noch tun, wenn diese temporären Errungenschaften wieder verschwunden sein werden. Die Anforderungen an unser Gehirn sind in vielerlei Hinsicht heute höher als vor 100 Jahren, als man einfach nur glauben musste, was einem der Pfarrer, der Bürgermeister oder die Eltern gesagt haben. Jetzt müssen wir uns in der Flut der Informationen selbst zurechtfinden und Fakten von Fake News unterscheiden. Es wird immer herausfordernder, sich eine eigene, fundierte Meinung zu bilden. Jetzt ist unser Gehirn wirklich gefordert, eine gute Leistung zu erbringen.

Prof. Dr. Jürgen Sandkühler

Prof. Dr. Jürgen Sandkühler leitet seit 2007 das Center for Brain Research an der Medizinischen Universität Wien.

Mensch gegen Maschine, Hirn gegen Computer – wer hat da im Moment die Nase vorne?

Die leistungsfähigsten Rechner, die wir in den letzten Jahren hergestellt haben, haben in etwa die vermutete Gesamtrechenleistung eines durchschnittlichen menschlichen Gehirns. Rechner können längst bestimmte Aufgaben besser und schneller lösen als der Mensch. Während die besten  Rechner aber Megawatt an Energie verbrauchen, kommt das Gehirn mit wenigen Watt aus. Es ist also viel effizienter im Energieverbrauch und letztendlich kann es viele Dinge noch immer besser als jeder Rechner.

Zum Beispiel?

Der Vergleich von menschlichen Bewegungsabläufen und den nach wie vor sehr eingeschränkten motorischen Fähigkeit von Robotern verdeutlicht, dass das Gehirn die hierzu nötige Rechenleistung viel besser erbringt als derzeit jeder Rechner. Auch beim Erfassen der Umgebung und dem Erkennen von Lebewesen, Dingen etc. ist der Mensch noch immer klar im Vorteil, ganz zu schweigen von kreativer, künstlerischer oder wissenschaftlicher Arbeit. Die Leistung, auf die das menschliche Gehirn spezialisiert ist, und die Leistung, die ein Rechner erbringt, sind teilweise so verschieden, dass es eigentlich gar keinen Sinn macht sie zu vergleichen. In der Funktionsweise von Gehirn und Rechner gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Das heißt aber keineswegs, dass Rechner nicht immer mehr Aufgaben übernehmen können, die zuvor nur von Menschen bewältigt wurden. Beispiele sind das Schachspielen, das gesprochene Wort oder Gesichter zu erkennen, oder sehr bald auch autonomes Fahren. Mathematische Algorithmen geben schon jetzt Empfehlungen für Kaufentscheidungen an der Börse ab und es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, dass wir den Rechnern Entscheidungen überlassen werden, die aufgrund ethischer Gesichtspunkte nur von Menschen entschieden werden dürften.

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02 2017 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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