Fernsehen ist mehr als ein Medium

Was das Fernsehen unsterblich macht

Foto: Flickr/BiblioArchives/LibraryArchives/Getty Images

Der technologische Fortschritt hätte das Fernsehen eigentlich längst in den Ruhestand schicken müssen. Aber das Fernsehen ist mittlerweile mehr als ein bloßes Medium.

Das Fernsehen ist eine seltsame Konstante. Warum gibt’s das eigentlich noch? Warum glotzen wir noch immer TV? Warum reden wir noch über dieses Medium? Obwohl es doch hundertmal vom technologischen Fortschritt überholt und abgeschafft sein müsste. Warum also?

Weil sich das Fernsehen verwandelt hat in eine Idee. Eine Idee, die von uns allen geliebt wird. Die so sehr zu unsererm täglichen Leben gehört, dass man sie sich nicht wegdenken könnte. Und die damit unsterblich geworden ist.

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Es ist keine Kathodenstrahl­geburt, um Gottes willen, so ­etwas gibt es doch nur noch im Technikmuseum. Wo es noch grobkörnige Bilder zu ­bestaunen gibt. Und Inter­ferenzen, Störungen, Ver­zerrungen – ­Infektionen der Mattscheibe quasi. Nein, es ist etwas anderes: Zwei Wolken, zwei Clouds, begegnen sich in der weltweiten Datensphäre; gar nicht leise finden und befruchten sie sich in 4K, wie die Channel-Abonnentin Nina gleich am Morgen danach broadcastet.

Sie und ihr Frank sind stolz darauf, wie gut ihnen das virtuelle Kleine geglückt ist. Ein Content ist es geworden. In Cloud Nine können wir ihm beim Aufwachsen zusehen. Ninas und Franks Avatare umsorgen Content-Kid, das nach zwei Tagen schon 14 Jahre alt ist und in einer Community-Soap die Hauptrolle des pubertierenden Helden spielt. Den Followern, für die er schon mehr als einen Geheimtipp darstellt, ist er ans Herz gewachsen – an weltweit 42 Millionen Herzen um genau zu sein. Sie verfolgen das Leben des Next-Generation-Tamagotchis täglich.

TV-Testbild

Das Testbild begleitete Fernsehzuschauer über Jahrzehnte hinweg.

© Pixabay

Innerhalb von knapp vier Wochen haben Nina und Frank ein kleines Vermögen durch Behavioral Advertising in ihrer Un-Reality-Show gemacht. Platinum-Abonnenten können die virtuelle Welt, in der Content-Kid aufwächst, mittels Virtual-Reality-Headsets persönlich besuchen – und dort durch eine Einkaufsstraße schlendern, in der sie genau die Produkte finden, die sie immer schon mal ausprobieren wollten. Hier sind alle Produkte, alle Werbeflächen und selbst alle Follower, denen man unterwegs potentiell begegnen kann, vollkommen personalisiert.

Content-Kid ­hingegen ist nach einigen Wochen Realzeit schon ­ziemlich alt geworden, im Zeitraffer der Daten­banken war sein Leben jedoch lang genug; er hat ein bewegendes Leben auf tausenden von Screens unterschiedlichster Größe hinter sich gebracht. Die Abonnenten des Community-Kanals mochten ihn mehrheitlich. Sonst hätte er nicht so lange überlebt. Schließlich aber erlischt seine aktive Existenz, und als Datensatz wird er Teil des ewigen Archivs.

Ein Blinzeln später – und ein neues Programm, eine neue Serie, eine neue Sendung, ein neuer Film, wie auch immer wir den Content nennen wollen, schält sich aus dem unaufhaltsamen Datenstrom und presst sich eine Aufmerksamkeitsspanne lang an Ninas, Franks und unser aller Bildschirme.

Das TV des 20. Jahrhunderts war eine eigenständige Technologie, die ihre eigene, fest umgrenzte Wirklichkeit erzeugte.

Manches in diesem kurzen Szenario mag nach Zukunftsroman klingen, nach Aldous Huxley auf Gras, doch vieles davon ist längst Realität oder zumindest technologisch auf Schiene. Was aber ziemlich wahrscheinlich ist: Auch unsere Zukunfts-Nina wird ihre Mediennutzung wohl noch immer als eine Art „Fernsehen“ begreifen. Wir hängen nun mal an diesem alten Begriff.

Schauen wir in die Jetztzeit: Was heute als Fernsehen bezeichnet wird, hat eigent­lich nichts mehr mit dem ursprünglichen Medium dieses Namens zu tun. Das TV des 20. Jahrhunderts war eine eigenständige Technologie, die ihre eigene, fest umgrenzte Wirklichkeit erzeugte und ihre eigene Bildsprache entwickelte.

Mit seinen „Studiokameras“ und „Interviews“, mit seinen „Nachrichten“ und „Samstagabendshows“, mit seinen „Programm­ansagerinnen“ und seinem „Testbild“. Und natürlich auch mit seinen „Serien“. Heute, wo wir statt von 576 Rasterzeilen (wie beim alten PAL-Format) bereits von 7680 Pixelreihen (8K-Fernseher) sprechen und jeden Content digital codiert aus dem Internet saugen, statt analoge Signale über Funkantennen aus dem Äther zu fischen, heute also müsste das Fern­sehen doch schon hunderte Male abgeschafft worden sein. Und ganz neuen Formen der Mediennutzung Platz gemacht haben.

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Zum Teil ist das auch passiert, wenn man an die Omnipräsenz von YouTube und unsere diversifizierte Handhabung von allen mög­lichen ins Netz hochgeladenen Kurzclips denkt. Doch viel auffälliger ist es, wie viele von uns die ­neuen Bild- und Netzwerktechnologien dazu nutzen, um alte Fernsehgewohnheiten zu reproduzieren. ­Immer aufs Neue. Nur noch besser, vielleicht. Man montiert sich Smart-TVs an die Wand – im Grunde genommen vernetzte Computer mit Riesenscreens – und müht sich nun dabei ab, diese Wand-Computer mit Fernbedienungen (!) anzusteuern.

Doch die Programme selbst sind rundum digital, sie kommen alle aus der Cloud, und sie schimmern verlustfrei auf dem Plasma­schirm. Das Fernsehen lebt weiter. Nicht als Medium, sondern als pure Idee, als Konzept. Und anscheinend lebendiger denn je zuvor.

Im Zentrum des Fernsehens scheint also nicht die Technik zu ­stehen, auch die Inhalte und die Produktionsweisen haben sich im Lauf der Zeit immer wieder verändert. Was dem Fernsehen sein Leben einhaucht, ist vielmehr noch immer die alte Kunst des Erzählens. Wir wollen Geschichten hören und sehen. Von Menschen, die so sind wie wir und doch ganz anders.

Was wir Menschen – auch im Jahr 2016 – in Wahrheit wollen, sind Storys in Bildern und Tönen. Die Technik da­hinter kümmert uns viel weniger, als man glaubt. In vielen Formen erblüht schimmernd und ewiglich aufs Neue unsere Liebe zum sich bewegenden Bild, das uns aus der Welt fortreißt und uns gleichzeitig mit ihr vereint.

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