Simon Anthamatten

Air-Zermatt-Alpinretter Simon Anthamatten im Interview

Foto: Original Media / Red Bull Content Pool

Simon Anthamatten ist einer der besten Bergsteiger der Welt. Und einer der Protagonisten der Extreme-Doku-Serie „The Horn“.

Mit seinen 33 Jahren gehört Simon Anthamatten zu den weltweit besten Bergsteigern und genau darauf setzt das Team von Air Zermatt. Simon ist am Fuße des Matterhorns aufgewachsen und kennt die Berge wie seine Westentasche, was bei der Suche nach Personen, die in unsicheren Gebieten in Not geraten sind, extrem von Vorteil ist.

In der sechs-teiligen Dokureihe „The Horn“, die ab 17. Oktober auf Red Bull TV zu sehen ist, kann man die Bergretter auf ihre schwierigsten Missionen begleiten und bekommt einen Einblick in die Arbeit dieser Helden. Auch Simon, der mit allen Wassern gewaschen ist, kommt bei den Rettungseinsätzen immer wieder an seine Grenzen.

Im Interview verrät er uns wie bei ihm alles angefangen hat, wie sich sein(e) Beruf(ung) auf sein Leben auswirkt und welcher sein schwierigster Einsatz war.

The Horn | Ab 17. Oktober auf Red Bull TV

Air Zermatt ist das beste Luftrettungsteam der Welt. Folge ihren Abenteuern am Matterhorn, wo sie denen helfen, die ihre Hilfe am dringendsten brauchen.

THE RED BULLETIN: Simon, wie lange bist du schon bei Air Zermatt und wolltest du immer Bergretter werden?

SIMON ANTHAMATTEN: Ich habe 2006 die Ausbildung zum Bergführer und zum Rettungsspezialisten abgeschlossen und dann zuerst nur als Bergführer und als Begleiter beim Heliskiing gearbeitet. Wenig später habe ich als Freelancer bei Air Zermatt angefangen. Ich bin in Zermatt aufgewachsen und kenne die Berge hier wie meine Westentasche, da lag es auf der Hand, die lokale Rettungsgruppe zu unterstützen und nach und nach bin ich da hineingewachsen. Nun bin ich seit 10 Jahren dabei. 

Du bist ja primär Bergführer, hast aber auch technisch und vor allem medizinisch eine sehr breite Ausbildung?

Ja, jeder Bergretter wird speziell geschult. Ein Teil wird der medizinischen Versorgung gewidmet, ein anderer der Seiltechnik. Dann lernt man die Aspekte der Helikopterrettung, Spaltenbergung, Lawinenrettung und so weiter. Es gibt rund zehn verschiedene Bereiche, die man beherrschen muss und einer davon ist der medizinische – aber wir Bergführer sind noch lange keine Ärzte. Die Philosophie von Air Zermatt ist, dass jeder sein Spezialgebiet hat. Wenn ein Team ausrückt, dann kommt ein Arzt mit, der für die medizinische Versorgung zuständig ist, ein Bergretter, der professioneller Bergführer ist, und ein Pilot. Die Idee ist, dass drei Profis ihres Gebiets sich besser auf die Sache konzentrieren können. Natürlich wäre es schön, wenn ein Bergführer gleichzeitig auch ein Spitzen-Arzt wäre. Aber ich denke auch, dass du nicht dein Bestes geben kannst, wenn du zwei Disziplinen gleichzeitig ausführen musst. Wir teilen uns die Rollen lieber auf.

Simon Anthamatten und sein Team

Das Team im Einsatz

© Scott Gardner / Red Bull Content Pool

Du hast von dieser sehr vielfältigen Ausbildung gesprochen. Bildest du dich auf deinem Gebiet als Bergführer und -retter noch weiter?

Ja, wir sind rund zehn Bergsteiger bei Air Zermatt und es gibt regelmäßig spezielle Schulungen nur für uns. Dazu kommt noch eine Woche Weiterbildung für die gesamte Region, da kommen die Bergführer der anderen Täler auch noch dazu. Es kann immer passieren, dass wir mal zusammenarbeiten müssen, dann ist es gut, wenn wir diese Leute schon kennen.

Auf welche Situationen musst du vorbereitet sein? Bist du zum Beispiel auch bei Nachteinsätzen dabei?

Ja, es gibt viele Nachteinsätze und man muss das Risiko noch viel genauer analysieren als schon bei Tag. Wenn jemand zum Beispiel nicht lebensbedrohlich verletzt ist, dann ist es besser, wenn wir der Person sagen, sie solle bleiben wo sie ist und wir kommen sie am Morgen holen. Wichtig is es dabei, die Informationen der Person richtig zu filtern und einzuschätzen, wie dringend eine Bergung ist. Oft sind die Leute salopp gesagt „am sterben“, wenn man dann vor Ort ist, ist die Lage halb so schlimm. Natürlich ist so ein Fall trotzdem immer noch besser, als man muss eine Leiche bergen. 

Ob bei Tag oder Nacht, wie schwierig ist es, jemanden in diesem riesigen Gebiet zu finden?

Oft müssen wir es einfach irgendwie herausfinden – manchmal ist es sehr einfach, jemanden zu finden, aber manchmal sind sie verloren und sie wissen selbst nicht, wo sie sind. Dann machen wir uns auf den Weg und versuchen Telefonkontakt herzustellen. Wenn sie den Helikopter hören, rufen sie uns an und wir können sie so relativ gut lokalisieren. Und heutzutage können die Leute mit den Smartphones ihre Koordinaten senden. Sie zu finden ist heute ein wenig einfacher als noch vor ein paar Jahren, geschweige denn vor 50 Jahren.

„Wirklich schwierig wird es, wenn man die Leute kennt und emotional involviert ist. Dann wendet sich das Blatt.“
Simon Anthamatten
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Im Durchschnitt dauert ein Rettungseinsatz von Air Zermatt, vom Start bis zur Rückkehr in den Hangar, eine Stunde. Aber keine zwei Einsätze sind gleich. Wie lange dauerte der längste Einsatz ?

Der längste Einsatz kann mehrere Tage dauern. Wenn du zum Beispiel jemanden suchst und nicht findest. Dann musst du zu Fuss los oder den Berg hochklettern, um sie zu finden. Das kann ein bis zwei Tage dauern.

Also musst du immer alles dabei haben für den Fall, dass es ein längerer Einsatz werden könnte?

Wir haben ein kleines Kit, in dem alles drin sein sollte, was wir brauchen. Auch wenn wir viele Einsätze mit dem Helikopter machen, dürfen wir uns nicht nur darauf verlassen. Die Bedingungen können sich schnell ändern, was bedeutet, dass du zwar mit dem Helikopter hochgeflogen bist, du aber zu Fuss wieder runter musst. Du musst also immer auch die Ausrüstung für eine Rückkehr zu Fuss dabeihaben.

Erlebe den Rundflug um das Matterhorn in 360°

© Youtube // Air Zermatt

Und welcher war dein schwierigster Einsatz?

Schwierige Einsätze gibt es immer wieder, vor allem wenn die Bergung technisch anspruchsvoll ist. Das finde ich besonders interessant. Wirklich schwierig wird es, wenn man die Leute kennt und emotional involviert ist. Dann wendet sich das Blatt, das ist mir auch schon passiert. Aber man versucht am Ende immer sein Bestes zu geben und zu helfen. 

Du bist auf Berge der ganzen Welt gestiegen. Du hast sogar ein paar Erstbesteigungen in Nepal gemacht. Stimmt es, dass es eine Anthamatten-Route an der Nordwand des Matterhorns gibt?

Ja, mein Bruder und ich haben natürlich viel Zeit in Zermatt verbracht und wir haben die neue Route erkundet – wir wussten, dass niemand zuvor dort geklettert ist. Eines Tages gingen wir los und versuchten es. Es ist schön, auf deinem Hausberg eine neue Route zu erklettern, auch wenn dieser erste Aufstieg drei Tage dauerte.

"The Horn" - Interview zum Film

Die Air-Zermatt-Crew im Gespräch

© Romina Amato/Red Bull Content Pool

Profitierst du bei deiner Arbeit bei Air Zermatt von deinen professionellen Klettererfolgen?

Ja, denn jeder Rettungseinsatz ist auf seine Art eine Herausforderung. Meine Karriere ist wie die eines jeden Sportlers: Man kann nicht ewig auf Spitzenebene weitermachen. Man kann also sagen, dass ich mich von dieser Art des Klettersports in den Ruhestand verabschiedet habe. Ich kenne Berge ziemlich gut und ich nutze meine Erfahrungen für die Rettungseinsätze.

Du kommst ja selbst auch aus dem Extremsport, wirkt sich die Arbeit auf deine persönlichen sportlichen Leistungen aus?

Ja, das ganz bestimmt, was natürlich auch mit dem Alter und der Erfahrung zu tun hat. Man sieht, wie viel schief gehen kann und das bremst einen natürlich, man muss aber versuchen gut zu analysieren. Zu unterscheiden, was sind Sachen, die mir auch passieren können oder was sind Dinge, die ich eindeutig nicht so gemacht hätte. Und dann gibt es auch noch Pech.

Schau dir den Trailer zu „The Horn“ an

© Youtube // Red Bull

Noch eine Frage: Nachdem du die Berge aller Welt erklommen hast, was bedeutet es für dich, bei dir zuhause, bei Air Zermatt Bergretter zu sein?

Wir sind ein tolles Team. Wenn du kein gutes Team hast, kannst du all diese Einsätze nicht machen. Und mir persönlich liegt viel an diesem Team, weil ich hier aufgewachsen bin. Du kennst sie alle.

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10 2016 The Red Bulletin

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