Im Techno-Paradies

Im Techno-Paradies

Text: Marco Payán 
Foto (oben): Danilo Lewis

Willkommen beim BPM Festival an Mexikos Karibikküste: Jedes Jahr verwandeln hier die weltbesten DJs das Touristenzentrum Playa del Carmen zehn Tage lang in eine Party-Hochburg.

Jänner ist der Tote-Hose-Monat der Entertainment-Industrie: Studios schicken ihre schwächsten Filme in die Kinos, Zeitschriften und Magazine sind dünner als sonst, Platten-Releases und Live-Gigs seltener. Wir alle schalten nach einem ausgelassenen Dezember einen Gang zurück.

BPM festival

Schauplatz Blue Parrot: Uner und Technasia bei Back-to-back-Sets

© Doug Van Sant

Nun … fast alle. Eine Stadt an der mexikanischen Karibikküste, 70 Kilometer südlich von Cancún, feiert den Jänner zehn Tage und Nächte lang ausgelassen.

„Es ist das Festival für Jetsetter und Trendsetter. Für junge Leute, die das ganze Jahr über hart arbeiten, damit sie im Jänner zehn Tage hierherkommen können.“ BPM, sagt Phillip Pulitano, sei kein Ding für die breite Masse. Auf dem Festival, das er mitbegründet hat, laufe ganz bewusst keine Mainstream-Radio-Musik: Es spiele die Crème de la Crème der elektronischen Musik. „Wir haben auch kein großes Gelände mit vielen ­Bühnen. Das Festival findet überall in ­Playa del Carmen statt. Unsere Bühnen sind die Floors, Clubs und Beach Clubs der ganzen Stadt.“

Festival BPM

Himmlisch gut: Showcase von BPitch Control im Rahmen des BPM Festivals

© Jeff Corrigan

Beats auf dem Beach

Alles begann hier mit einer Konferenz für elektronische Musik, einer PR-Plattform für Showcases der Plattenfirmen. Aber schon nach ein paar Tagen – und einigen fetten Partys – begriff Phillip, dass das hier der Anfang von etwas viel Größerem sein könnte. „Die Musik, die Location, die Atmosphäre hatten diese ganz eigene Energie, alles bekam wie von selbst eine Dynamik.“

2007 startete das Festival mit 21 Events, verteilt auf sieben Tage, und 5000 verkauften Tickets. „Im nächsten Jahr waren es 15.000“, erzählt Phillip im Blue Parrot, einem der Beach Clubs, die das Festival in den letzten Jahren verändert hat: Es geht um mehr als Sandstrand und Wasser­sport. Hier steht – und das mittlerweile ganzjährig – die Musik im Mittelpunkt.

2015 verkaufte das BPM gut 63.000 Tickets, 2016 erwartet man sogar 70.000.

BPM Festival

Blue Parrot Beach Club, das ­Epizentrum des BPM Festivals

© Danilo Lewis

The Sound of the Police

„Verschaff mir ein Foto mit dem DJ, und ich lass ich euch länger spielen.“ Das sagte vor einigen Jahren ein Polizist kurz vor dem offiziell festgelegten Ende einer Party. Noch in derselben Nacht sprach die lokale Polizei gemeinsam mit dem Main-Act tüchtig dem Tequila zu. Und weil so viele Fotos geschossen werden mussten, verschob sich die Sperrstunde immer weiter und weiter in den Morgen.

Das war freilich nicht das einzige Mal, dass die Polizei in den Party-Modus schaltete. Einmal aß Phillip mit Richie Hawtin Tacos in dessen Lieblingsrestaurant. Statt Türen gibt es hier große Metall-Rollläden. Wenn man sie hochzieht, fühlt man sich beinahe so, als würde man auf einer der Hauptstraßen der Stadt sitzen. Beide wussten, dass sie beim Taco-Essen zu­fällig auf die perfekte Location für ein Überraschungsset gestoßen waren. Ein Jahr später waren die Leute zu tausenden im Restaurant – nicht um zu essen, sondern wegen Richie Hawtin und Dubfire.

Sperrstunde? Fehlanzeige. Manchmal feiert hier sogar die Polizei die ganze Nacht.

© Thebpmfestival // YouTube

Der Besitzer tanzte wie ein Verrückter und verlor irgendwann den Überblick darüber, wie viele Tacos er serviert hatte. Die Tische wurden für einen improvisierten Dancefloor weggerückt, und auf der Straße tanzten so viele Menschen, dass der Verkehr komplett zum Erliegen kam.

„Das ist eine der Hauptverkehrsstraßen der Stadt, natürlich kam die Polizei. Zunächst sah alles nach Schwierigkeiten aus. Aber es dauerte nicht lange, bis auch die Polizisten mittanzten.“ 

Während des Festivals schläft Phillip nicht mehr als drei Stunden pro Nacht, zehn Tage lang. Wie übersteht man einen solchen Musik-und-Party-Marathon?

„Für mich funktioniert es am besten, wenn ich mir das Feiern aufteile, ein wenig tagsüber, ein wenig nachts. Ich gehe um sechs Uhr abends zum Strand, höre zwei oder drei Acts. Genieße es. Esse eine ­Kleinigkeit, mache ein Nickerchen und wache um zwei wieder auf, um in die Nacht zu feiern. So machen das viele.“

BPM Festival

The Rumors bei ihrem Showcase im Beach Club Canibal Royal.

© PEARCEY PROPER

Überraschungen

Die Idee hinter BPM ist es, in den Straßen von Playa del Carmen von einem Club zum nächsten zu ziehen und seine Lieblings-DJs zu hören. Und unterwegs trifft man nicht nur andere Gäste, sondern auch ­andere DJs, die genau dasselbe machen. „Hier verschwinden die DJs nicht einfach nach ihrem Set. Wir müssen ständig ihre Flüge verschieben, weil sie nicht heimwollen.“

Das ganze Jahr über wird an diesen zehn Tagen über zwei Wochenenden im Jänner gefeilt und geplant – Phillip und sein Team denken dabei an jedes Detail. Doch am Ende sind es gerade die Überraschungen, die Phillip am meisten schätzt.

Zum Beispiel, als Marco Carola plötzlich aus heiterem Himmel bei einer Party in Phillips Haus auflegte. „Er spielte zehn Stunden am Stück und war kein bisschen fertig!“ Sie beschlossen, am nächsten Abend gemeinsam für Familie und Freunde zu kochen, „in der Küche kam Marco mehr ins Schwitzen als beim Auflegen“.

Das sind die Anekdoten, die Phillip am meisten liebt. „Und es gibt viele Geschichten, die ich nicht erzählen darf“, sagt der Taco-liebende Italo-Kanadier mit einem Lächeln.

BPM Festival

Karibisches ­Lebensgefühl, Techno, Partys – zehn Tage und Nächte lang, rund um die Uhr

© Doug Van Sant

BPM ist „das Festival der Jetsetter und der Trendsetter“, so die Eigendefinition.

BPM festival playa del carmen

Frank & Tony legen im Beach Club Canibal Royal auf.

© Doug Van Sant 

Seth Troxler, einer der Über-DJs, nimmt immer seine Mutter zum Festival mit. „Ich sah ihn zufällig in einem Souvenirladen Sombreros kaufen.“ In der Nacht flippte die Crowd aus, als Seth in seinem DJ-Booth in Mamita’s Beach Club einen der Sombreros aufsetzte. So was kann man nicht planen. 

Es gibt nur eine Sache, die würde Phillip gern ein wenig besser kontrollieren können: das Wetter. Es kann die Ticketverkäufe ­ruinieren, es kann den Ablauf des Festivals durcheinanderbringen.  

Vor einigen Jahren warfen Wind und Regen in Mamita’s Beach Club ein ganzes Zelt um und zerstörten teures Soundequipment. Damit die Party weitergehen konnte, mussten sie Zelt und Anlage inner­halb weniger Stunden neu aufbauen. „Der Regen und alles andere darf die Leute nicht davon abhalten, Spaß zu haben.“

Wachstum

Das Festival in der 200.000-Einwohner-Stadt, die noch vor wenigen Jahrzehnten ein winziges Fischerdorf war, wird auch in Zukunft organisch wachsen. Neben der neuen Dschungel-Location in der Nähe von Playa del Carmen gibt auch ein Kick-off-Event in Südamerika, eine Clubnacht in Europa sowie Tourdaten in Mexiko und anderen Ländern. „Aber nichts lässt sich mit Playa del Carmen vergleichen, wo wir ganze zehn Tage haben.“

Selbst wenn es ein Event ist, das Leute aus der ganzen Welt anzieht, aus Australien, Europa, Afrika und Südamerika, kommt die Mehrzahl der Partygänger weiterhin aus Mexiko. „Sie lieben den Techno-Sound abseits des Mainstreams.“ Vielleicht ist das ja nicht nur Erfolgs­rezept des BPM Festivals, sondern auch sein Verdienst.

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01 2016 The Red Bulletin

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