Christian Grabers (B)Logbuch 19

Captain Graybeards verrückte „As High as Possible“-Tour - Woche 12

Fotos: Christian Graber

Christian Graber aka Captain Graybeard ist auf dem Weg vom niedrigsten zum höchsten Punkt Europas. Nur mit Rad und Kajak. Wie es ihm bei seinem Abenteuer geht, verrät ein Blick in das (B)Logbuch des Kapitäns.

Nach den zuletzt überstandenen Widrigkeiten setzte ich meine Reise also fort. Um zum Mount Elbrus zu gelangen, musste ich zunächst dieses Gebirge von Süden nach Norden überqueren, um dann etwa 150 Kilometer weiter nordwestlich – nochmals auf der russischen Seite – wieder in den Kaukasus zu radeln. Das nenne ich Mal mit der Kirche um’s Kreuz fahren. Aber dafür wurde ich mit schöner Aussicht belohnt!

Auf der Heerstraße schien zunächst alles in gewohnter Manier abzulaufen: Die georgischen Autos hupten wie verrückt, um nicht die Bremse verwenden zu müssen, der Straßenbelag wurde wieder suboptimal – weil ich die Autobahn verlassen hatte - und ich stopfte mir mein Trikot mit Obst und Gemüse von den Straßenständen voll. Denn scheinbar bei jedem landestypischen Frühstück kommen Vitamine viel zu kurz! Es dauerte nicht lange, da begann auch schon der Anstieg – ein ewig langer nebenbei bemerkt. Innerhalb von knapp 90 Kilometern sollte ich von 520 Metern Seehöhe auf den auf 2400 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Jvari Pass gelangen. Reisegepäck mutiert hierbei zu einer unsichtbaren Hand, die einen zurückhält, sobald es bergauf geht. 

Die Mühe lohnte sich auf jeden Fall, denn das erste Highlight war der Stausee in Zhinvali.

Der Stausee von Zhinvali

Staunen am Stausee.

Immer weiter bergauf, dem Fluss Aragwi entlang, wurde mir ein schöner Ausblick nach dem anderen geboten, doch ich konnte nicht jedes Mal nach fünf Minuten absteigen und mit meiner GoPro spielen.

Es fiel mir nicht schwer die Gegend zu genießen, da ich ohnehin nicht sehr schnell bergauf radelte. Nach meiner Mittagspause fuhr ich dann auf Serpentinen in Richtung Gudauri – einem Wintersportdörfchen, wo wir Alpenbewohner uns sicherlich sehr wohl fühlen würden.

Mittlerweile auf über 2200 Metern angekommen sah ich von der Straße aus den Spruch „Carpe Diem“ und begann zu grübeln …

Mich trennten nur mehr wenige hundert Kilometer von meinem Zielort und ich hatte noch mehr als genug Zeit – also beendete ich meinen Tag hier. Ich wollte die schöne Aussicht genießen und mit der Höhenluft einen ersten Schritt für die Akklimatisation einleiten.

Ich war zwar noch nicht einmal in der Nähe der 5642 Meter des Elbrus, aber ich merkte, dass Puls und Atmung ein bisschen beschleunigt waren. Dabei musste ich immer wieder an Jacob Zurl denken, der mit dem Fahrrad den Himalaya durchquerte.

Radtour extrem: Nonstop über den Himalaya

Wie man als erster Mensch dieses Abenteuer schafft? Einfach probieren. Jacob Zurl hat es getan.

„Wenn’s nur um die Ecke wäre, würde ich auch gern mal auf diesen Pässen herumkurven“, dachte ich, setzte mich faul mit breitem Grinsen auf den Balkon des Hotels und genoss den Nachthimmel mit Blick auf die beleuchtete Passstraße.

Der Nachthimmel über Georgien

Dieser Nachthimmel beruhigt sogar einen Piraten.

Als Krönung gönnte ich mir einen Milchkaffee, denn meine Verdauung hat sich endlich erholt. Der Pirat ist wieder Allesfresser!

Der nächste Tag wurde aufgrund der Aussicht und der Akklimatisation pausiert. Der einzige Supermarkt des Dorfes war vier Kilometer entfernt und da ich meine Beinmuskulatur zumindest ein bisschen auf die bevorstehende Expedition vorbereiten wollte, entschied ich mich für einen kleinen Berglauf.

In der Höhenluft sollte man genug trinken, damit die Atemwege nicht austrocknen und Bakterien sich nicht ansiedeln können – weiß man doch als Diätologe … Aber ich weigerte mich gegen den Kauf von in Plastik gepacktem Leitungswasser und so lief ich ohne Wasser zum Hotel zurück. „Wird schon Nichts passieren!“

Die letzten Höhenmeter auf den Pass

Der Captain meldet: On Top!

Einen Tag darauf ging es dann die letzten Höhenmeter über den Pass, hin zur russischen Grenze.

Tierischer Stau an der Grenze

Wieder mal tiiiiiierischer Stau.

Als Radfahrer kam ich wieder am schnellsten voran - vorbei beim typischen LKW-Stau und vorbei an allem, was sich dort sonst noch so staut.

Stolz konnte ich meinen Reisepass samt Visum den Grenzbeamten präsentieren und ich wurde gebeten ein bisschen zu warten. Auf meine Frage, worauf ich denn warten solle, wurde mir Folgendes geantwortet: „Welcome to Russia!“. Daraufhin fingen wir beide an zu lachen und wir unterhielten uns noch ein bisschen über das Übliche … Sport, Essen, den Preis sowie das Material meines Fahrrads und so weiter – dann durfte ich auch schon weiterfahren.

Schlagartig wurde der Verkehr ruhiger, denn für Georgier ist es schwierig an ein russisches Visum zu kommen und dementsprechend sind auch kaum welche auf den Straßen unterwegs.

Auch der Regen wollte mich in Russland willkommen heißen und so entschied ich mich abermals in einem kleinen Dorf zu pausieren. Jetzt waren‘s noch 217 Kilometer und ich hatte noch viereinhalb Tage bis die Expedition starten würde. Ab jetzt nenn‘ ich es mal Urlaub!

Am nächsten Morgen war der Regen wieder verschwunden und ich setzte meine Reise fort. Vorbei an einem 40 km/h-Intervalltrainings-Hund, sage und schreibe DREI Polizeikontrollen hintereinander und einem klassischen Linksabbieger, der Radfahrer übersieht, bis hin zur Stadt Naltschik.

Polizeikontrolle im Dreierpack

Kontrolle muss sein. Aber gleich drei Mal?

Dort angekommen durfte ich dann auch die Konsequenzen meiner „Wird schon Nichts passieren“–Mentalität erfahren. Gelber „Rotz“ bahnte sich durch meine Nase in die Taschentücher. Ein Zeichen, dass Bakterien eine kleine Party in meinen Nebenhöhlen feiern.

Ich werde wohl etwas länger pausieren, denn ich fiebere dem Ende entgegen … 37,4°C ist zwar nur minimalst erhöhte Temperatur – doch für einen ECHTEN Mann eine Nahtoderfahrung!

Spaß bei Seite, ich will kein weiteres Risiko eingehen, bevor ich die letzten Kilometer nach Terskol fahre und den Feinstaub der russischen Uralt-LKWs gegen Bergluft eintausche. Ich muss nur so schnell wie möglich meinen Kopf frei bekommen!

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08 2016 The Red Bulletin

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