Christian Graber auf dem Elbrus Gletscher

Captain Graybeards verrückte „As High as Possible“-Tour - Woche 14

Fotos: Christian Graber

Christian Graber aka Captain Graybeard ist auf dem Weg vom niedrigsten zum höchsten Punkt Europas. Wie es ihm bei seinem Abenteuer geht, verrät ein Blick in das (B)Logbuch des Kapitäns.

Nach ein wenig Vorbereitung machte sich unsere Expeditions-Gruppe also auf den Weg zum Mount Elbrus. Vom Hotel auf 2100 Meter Seehöhe ging es zunächst mit dem Bus zur Talstation auf fast 2400 m und dann mit drei verschiedenen Seilbahnen auf 3840 m zum Berghotel „Elbrus Hearts“.

So hatte ich mir meine sportliche Reise natürlich nicht vorgestellt – aber ich war nun Teil des vorgesehenen Reiseprogramms. Dort angekommen war ich überrascht, wie viel Komfort in diesen Höhen überhaupt möglich war. Das Hotel liegt höher als der Großglockner und es gibt Strom, mehr als genügend Plumpsklos und eine permanent zugängliche Küche – ein Paradies ohne Hüttenkoller!

An diesem Tag machten wir auch unseren ersten Akklimatisations-“Spaziergang“ am Elbrus-Gletscher hinauf auf knapp 4200 m.

Christian Graber Blog 21 - Elbrus

Ein echter Captain …

Die Höhenluft dort bereitete mir überhaupt keine Schwierigkeiten. Ab und zu bekam ich zwar aus dem Nichts eine kleine Atemnot – aber die war ebenso schnell wieder überwunden. Gegen Abend suchte mich dann trotzdem ein seichtes Kopfweh heim, sodass ich mich gerne ins Achtbettzimmer schlafen legte.

Und jetzt kommt das Beste: Sieben potentielle SchnarcherInnen und niemand warf die „Motorsäge“ an! Erholung war also garantiert. Doch um halb 2 Uhr nachts musste der erste aufs Plumpsklo. Es stellte sich heraus, dass er ein Pirat war, der fleißig Wasser trank, um seine Atemwege vor dem Austrocknen in der Höhenluft zu schützen. 

Am nächsten Tag hieß es erneut Akklimatisation am Elbrus-Gletscher. Dieses Mal auf 4700 m zu den Pastuchow-Felsen. In der Mittagshitze kamen wir alle ganz schön ins Schwitzen und obwohl die Gegend wunderschön ist, musste ich durch den Sauerstoffmangel stur nach vorne schauen, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Oben angekommen wurden wir dann wieder visuell belohnt.

Nach einer weiteren Nacht mit Klopause gab es einen Ruhetag. Eine willkommene Abwechslung für mich, denn ich konnte meinem Sturkopf einen Gefallen tun … runter mit der Seilbahn zur Talstation und zurück zum Berghotel marschieren! Wenn ich sage, dass ich die ganze Strecke aus eigener Kraft zurücklegen möchte – dann meine ich das auch so!

Christian Graber auf dem Pastuchow-Felsen

Rast auf dem Pastuchow-Felsen - auf 4700 Meter Seehöhe

Apropos aus eigener Kraft: Für den Sportler des 21. Jahrhunderts gibt es hier die Möglichkeit, am Gipfel-Tag für mehr als 100€ mit dem Pistenbully auf 5070 m zu fahren und von dort aus den immer noch anstrengenden Gipfelsturm zu wagen. Anscheinend hat dieses Angebot im Jahr 2016 noch niemand ausgeschlagen, doch dieses Geld sparte ich mir natürlich!

Leider war ich der Einzige im Berghotel, der so „sparsam-sportlich“ unterwegs war, was erneut zu einem kleinen Problem führte. Ein anscheinend notwendiger Extra-Guide würde mich mehr als 200€ kosten, doch ich war nicht bereit für meine Sportlichkeit ein zweites Mal zu bezahlen und so durfte ich nach mehreren Telefonaten mit der Reiseleitung von Elbrustours schließlich einen Zettel unterschreiben, dass ich auf eigenes Risiko alleine um Mitternacht auf dem Gletscher zum Pistenbully-Parkplatz spazieren möchte.

Elbrus bei Nacht

Der Nachthimmel über dem Elbrus, samt großem Wagen

Also packte ich meinen ausgeborgten Rucksack, schnürte meine ausgeborgten Schuhe et cetera, et cetera - das Paket mit meiner Bergsteigerausrüstung war ja schließlich nicht angekommen und ich durfte einiges an Kapital für den Ausrüstungs-Verleih verwenden. Nun noch exakt 20 Zuckerwürfel in meine ausgeborgte 1-Liter-Thermoskanne und um Mitternacht ging es dann los. Für jeden, den das jetzt schockiert: In einem Liter handelsüblicher Limonade sind mehr als 20 Würfelzucker!

Mit viel zu hohem Puls startete ich alleine in die Nacht und suchte meinen Weg zwischen Gletscherspalten. Doch es schien auch andere Sportskanonen ohne Motordoping zu geben, denn ich konnte ein paar Lichter an der Steilwand in der Dunkelheit sehen. Ich sollte meine Expeditions-Gruppe um 04:00 Uhr auf 5070 m treffen und konnte mir daher keine langen Verschnaufpausen leisten. Ein paar „Schnaufpausen“ musste ich dennoch machen.

Sonnenaufgang über dem Elbrus

Der lang ersehnte Sonnenaufgang

Währenddessen konnte ich zusehen, wie sage und schreibe vier Pistenbullies mit Dutzenden von „Sportlern“ den Hügel auf und abfuhren. Dies erschwerte mir zusätzlich meinen Aufstieg, denn das Gletschereis wurde dadurch lose und ich rutschte immer wieder ein bisschen nach hinten weg. Und von 4400 auf 5100 m ist dieser Gletscher verdammt steil!

Aber ich schaffte es – wenn auch um sieben Minuten zu spät – zum vereinbarten Treffpunkt, doch war meine Gruppe schon weitergezogen. Und so folgte ich einfach der Karawane an Bergbegeisterten, die mittlerweile dank der Pistenbullies dort angekommen waren, in Richtung Gipfel. Leider in einem Tempo, welches meinen Körper zum Auskühlen brachte. Viel zu blöd, um mir rechtzeitig etwas Wärmeres anzuziehen, blieb ich stur hinter der Kolonne. Leider gab es auch keine Möglichkeit mehr zu überholen, aber dafür konnte man die Berge in der Umgebung von oben bestaunen, denn mittlerweile war es kurz vor dem Sonnenaufgang.

Allerding ersehnte ich eigentlich nur die wärmenden Sonnenstrahlen. Mein Körper fror anscheinend zu viel, denn ich kam völlig apathisch am Sattel auf knapp 5300 m zwischen West- und Ostgipfel an. Dort fand ich dann meine pausierende Gruppe wieder und zog mir schnell die Daunenjacke an. Obwohl ich etwas essen sollte, war ich einmal appetitlos. Doch keine Zeit zum Sorgenmachen, denn schon ging es auch weiter zum Gipfelsturm.

Still und frierend wurde ich nun endlich von der Sonne aufgetaut, was auch meine Stimmung wieder ein bisschen hob. Während ich den Gipfel immer näher kommen sah, versuchte ich mich an die letzten 14 Wochen zu erinnern – ganz schön viel vorgefallen und noch viel mehr, das ich schon fast vergessen hatte!

Captain Graybeards verrückte „As High as Possible“-Tour

3000 Kilometer quer durch Europa nur mit Rad und Kajak. Captain Graybeards irre Tour.

Doch nun war es ENDLICH soweit … nach 5583 Kilometern mit dem Fahrrad, Kajak und den Bergschuhen kam ich auf dem 5642 m hohen Gipfel des Mount Elbrus an. Meine Reise vom niedrigsten zum höchsten Punkt Europas war somit erfolgreich beendet und ich genoss diesen Moment trotz des kalten Windes bis ins Letzte – doch begriffen hatte ich’s am Gipfel noch nicht wirklich. Ich fühlte mich nach den Anstrengungen der letzten Tage eher kraftlos. Immerhin bin ich innerhalb der letzten 24 Stunden vom Tal bis zum Gipfel gewandert.

Auf diesen Sieg folgte der Abstieg, das Stretching und ein Minimum an passendem Futter, bis ich dann schließlich ins Bett zurückfiel, wo ich dann erst so richtig begriff, was ich mir in diesem Sommer „angetan“ hatte.

Ich hatte einen ganzen Kontinent durchquert und dabei die schönsten Dinge erlebt – einige furchtbare Details gab es natürlich auch, doch wird mir diese Reise mit Fiona und der Black Pearl gut in Erinnerung bleiben. Die Schatzkarte, die ich in den Niederlanden gefunden hatte, begleitete mich auf dieser Reise und nun war ich am roten X angekommen. Was habe ich dort gefunden …?

Ich würde mal sagen, sehr viel! Tausende wichtige Erkenntnisse, viele Freunde, neue Sichtweisen und eine Schatzkiste aus dem ewigen Eis des Elbrus-Gletschers. Hat sich ja doch noch ausgezahlt! Doch diesen Schatz werde ich mir nicht selbst einverleiben - den gibt’s demnächst auf Facebook zu gewinnen.

Zurück im Hotel in Terskol erwartete mich dann meine lang ersehnte Dusche. Jetzt gab es nur noch eines, das ich erledigen musste … Ich stieg auf die Black Pearl und radelte die fünf Kilometer von dort bis zu Talstation, um auch wirklich 100% der Strecke mit Muskelkraft errungen zu haben. Auch wenn es Großteils bergauf ging, radelte ich freihändig – als Training für meinen künftigen Weltrekordversuch, aber eigentlich, um zu jubeln und JA, es sah wirklich so bescheuert aus, wie es klingt …!

Der Captain am Gipfel

Der Captain am Ziel seiner Träume: As high as possible!

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08 2016 The Red Bulletin

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