Estrella Navarro und Walhai

Estrella Navarro: Das Model, das 69 Meter tief ohne Sauerstoff taucht

Text: Alejandro Serrano 
Fotos: Miko Lim

Estrella Navarro ist Meeresbiologin, Model und Freediving-Champion. Sie taucht 69 Meter tief. Ohne Sauerstoff. Möglich wurde das, weil sie ihrem Selbstbewusstsein zu folgen lernte.

Die allerfrühesten Erfahrungen, heißt es, stellen die Weichen fürs ganze Leben – Estrella Navarro ist ein guter Beleg dafür: Die Tochter eines Schwimmlehrers sprang ins Wasser, noch bevor sie laufen konnte. Heute ist die 30-jährige Meeresbiologin aus La Paz auf der Halbinsel Baja California mexikanischer Freedive-Champion, kann die Luft ­minutenlang anhalten und an die 70 Meter in die ­Tiefe tauchen. 

Dafür lernte sie spezielle Atemtechniken, dafür trainierte sie jahrelang ihren Körper und ihren Geist. Entscheidend war jedoch am Ende eines, sagt sie: Selbstvertrauen. „Du kannst die beste Technik haben, ohne Selbstvertrauen hilft sie dir nichts“, sagt sie. „Erfolgreich wird nur, wer seinen Möglichkeiten und seinen Fähigkeiten, wer seinem Potential voll vertraut.“

Estrella Navarro im Neoprenanzug

Navarro schlüpft im Hafen von La Paz in ihren Neoprenanzug.

Die Kraft des Glaubens

„Eigentlich war ich schon als Baby eine Freediverin“, erzählt sie. „Ich konnte früher schwimmen als laufen, schon mit ein paar Monaten nahm mich mein Vater mit ins Wasser.“

Estrella Navarro buceo libre

„Nichts pusht dich so sehr, wie wenn jemand an dich und deine Fähigkeiten glaubt.“

Bevor sie sprechen konnte, konnte Navarro ihren Atem anhalten, der Vater ließ die Kleine in spielerischen Wettkämpfen gegen ihren großen Bruder antreten. „Schon damals schaffte sie drei Minuten“, erzählt er stolz. 

Zwanzig Jahre später war es wieder ein Mann, der Navarro auf dem Weg zur zukünftigen Freitauch-Meisterin prägte. „Eines Tages, ich war 25, tauchte ich einfach so vor mich hin. Aharon Solomons, einer der besten Freitauch-Trainer der Welt, sah mich zufällig. Und meinte, ich hätte das Zeug zum ­Champion.“ Solomons war von ihrer Schwimmtechnik ebenso begeistert wie von ihren Fähigkeiten beim Druckausgleich (Taucher müssen den Druck ausgleichen, der sich unter Wasser im Inneren der Ohren aufbaut). „Ich fand das schräg, dass ausgerechnet Aharon einfach so auf mich zukommt und so etwas sagt. Aber statt mich zu wundern, fragte ich: ‚Wann beginnen wir?‘ Und er sagte: ‚Morgen.‘“

Free diving

Vor der Isla Espíritu Santo, einer kleinen Insel zwischen Baja California und mexikanischem Festland.

Navarro hatte Solomons schon von der Universität her gekannt, dort hatte sie als Studentin einen Kurs bei ihm belegt. Und: „Er hatte mich schon damals sehr beeindruckt.“ 

Diesen besonderen Experten – der gebürtige Brite hatte unter anderem die Freedive-Legende Francisco „Pipin“ Ferreras trainiert – an ihrer Seite zu wissen beflügelte ihr Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten. „Als er mir sagte, ich könnte die Beste in Mexiko sein, große Wettkämpfe gewinnen, machte es klick. Und ich begann selbst daran zu glauben.“

„Angst spüre ich schon noch, ja, aber an der Oberfläche. Wenn ich entspanne und mein Gesicht unter Wasser tauche, verschwindet die Angst“
Estrella Navarro

Bemerkenswerte Resultate folgten schnell. „Wie Aharon es vorhergesagt hatte: Nach nur drei Monaten gemeinsamer Arbeit brach ich bereits den mexikanischen Rekord“, sagt Navarro. Sie legte nach und gewann mit Bronze als erste mexikanische Frau eine Medaille bei den Weltmeisterschaften im Freitauchen – den AIDA Individual Depth World Championships – in der Kategorie „Tieftauchen mit konstantem ­Gewicht ohne Flossen“ (CNF/Constant Weight No Fins), im Kampf gegen 150 andere Freitaucher. „An jenem Tag tauchte ich 50 Meter tief“, sagt sie. 

Bis heute brach Navarro den mexikanischen ­Rekord im Freitauchen 21-mal und gewann zwei ­internationale Medaillen. Sie ist sich sicher, dass ­Solomons’ Vertrauen in ihre Fähigkeiten den Ausschlag gab: „Ich konnte über meine Grenzen gehen. Mehr denn je zuvor.“

Und das war auch nötig. Denn der Weg zu den ­Erfolgen war alles andere als leicht. 

Buceo con tiburón ballena

„Man schwimmt tiefer und tiefer, es wird immer dunkler, bis man nur noch ein ­Schatten ist.“

Sprung in die Dunkelheit

Zuerst musste Navarro ihren Körper neu kennen­lernen. „Ich musste genau verstehen, wie er funktioniert. Bevor ich in Entspannungstechniken im Freitauchen unterrichtet wurde, konnte ich drei Minuten und 20 Sekunden die Luft anhalten“, erzählt sie. ­„Aharon zeigte mir, wie ich mit dem Sauerstoff ­effizienter umgehe. Effizienz ist der Schlüssel – eine gute Atemtechnik verbindet Körper, Geist und Emotionen. Als ich sie zur Entspannung einsetzte, konnte ich meinen Sauerstoffverbrauch optimieren. Nur so hatte ich eine Chance, vier Minuten zu schaffen.“ 

Navarro lernte bald, dass jede Entwicklung auch Risiken mit sich bringt. Um sich weiter zu verbessern, musste sie wortwörtlich einen Sprung in die Dunkelheit wagen. „Zuerst hatte ich Angst“, sagt sie. „Man schwimmt tiefer und tiefer, es wird immer dunkler, bis man selbst nur noch ein Schatten ist.“ Aber allmählich gelang es Navarro, die finsteren Tiefen in ­ihren Spielplatz zu verwandeln. „Angst spüre ich schon noch, ja, aber an der Oberfläche“, sagt sie. „Wenn ich entspanne und mein Gesicht unter Wasser tauche, verschwindet die Angst. Mittlerweile fühle ich mich im Wasser sogar schon wohler als an Land. Es ist wie ein Zuhause für mich geworden.“

„Ich lernte schwimmen, bevor ich ­gehen konnte.“
Estrella Navarro

60 Meter Tiefe, Dunkelheit, Kälte, keine Sauerstoffflaschen: Für Außenstehende ist da ein Gefühl des Heimkommens nicht leicht nachvollziehbar. „Ich kann das sogar erklären“, sagt Navarro, „physisch und ­psychisch. Dort unten ist die Bewegungsfreiheit viel größer. Sobald ich im Wasser bin, entspannen sich die Muskeln in meinem gesamten Körper, sogar mein ­Rücken gibt nach. Ich bin schwerelos, kann mich frei in alle Richtungen bewegen. Es ist wie fliegen.“

Um diesen Grad an Freiheit im Wasser zu erreichen, trainiert die Freitaucherin fünf Tage die Woche im Meer, in Swimmingpools, an Land – und sie meditiert täglich. „Du musst lernen, nicht zu denken“, sagt sie, „ein völlig beruhigter Geist verbraucht wesentlich weniger Sauerstoff.“ 

Estrella Navarro buceo libre

Navarro ist Free­diverin, Meeresbiologin, Model: „Im Meer fühle ich mich zu Hause.“

Den Geist vorbereiten

„Die Wurzel des Selbstvertrauens wurde schon ­gelegt, als ich noch ein Kind war“, sagt sie. „Man traute mir Dinge zu, man ermutigte mich, vertraute mir. So lernte ich von klein auf mir selbst zu vertrauen. Für Trainer ist es wichtig, genau das ihren ­Schülern mitzugeben. Die Technik mag sich nicht groß von der anderer Taucher unterscheiden, aber wenn man nicht wirklich an sich selbst glaubt, kann man es vergessen. Das macht den Unterschied.“

Für Navarro brauchte es den Glauben ihres Vaters und den von Solomons, um ihr endgültig vor Augen zu führen, wozu sie in der Lage ist. „Davon habe ich gelernt. Wenn ich heute andere unterrichte, arbeite ich zuerst daran, ihren Geist vorzubereiten. Wenn ­jemand an dich glaubt, wenn jemand sagt, du schaffst das, dann öffnen sich Türen. Und wenn der Geist glaubt, folgt auch der Körper. Ich weiß das jetzt.“

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05 2016 The Red Bulletin

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