Raphael Honigstein

Warum Fans manchmal mitschuldig an der Erfolglosigkeit ihrer Teams sind

Text: Raphael Honigstein
Foto: Wikimedia Commons/Montage

Fußball-Experte Raphael Honigstein blickt auf das Konzept des „emotionalen Investors“ und die fatalen Folgen von zu geringen Erwartungen.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Sollten Sie jemals das „Vergnügen“ gehabt haben, einer Telefonkonferenz zwischen Firmenvorständen, Analysten und Aktionären beigewohnt zu haben, dürften Sie die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten Studie, die letzte Woche in den „Financial Times“ zitiert wurde, nicht großartig überraschen. Forscher von vier amerikanischen Universitäten fanden heraus, dass diese Frage-und-Antwort-Spiele häufig inszeniert sind.

Aber die Studie („Managing the Narrative: Investor Relations Offices and Corporate Disclosure“) legte auch unerwartete Beweise für eine heimliche Zusammenarbeit  zwischen Firmen und institutionellen Anlegern vor, die auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheint. Viele Großaktionäre, so das Papier, erledigten die Arbeit der Direktoren, indem sie Gewinnerwartungen selbst herunterspielen.

Sogenannte Investor Relation Officer gaben zu Protokoll, dass die institutionellen Anleger sogar in unmittelbarem persönlichen Kontakt Druck auf Analysten ausübten, deren Prognosen zu senken. „Sie machen sie am Telefon fertig“, offenbarte ein Teilnehmer der Studie. Resultat dieser PR-Arbeit ist, dass einfachere Ziele gesetzt, erfüllt oder übertroffen werden, und dass alle sich gut darin gefielen, Teil einer solchen Erfolgsgeschichte zu sein.

Klicken zum Weiterlesen

Kommt uns das bekannt vor? In Zeiten von Social Media und Blogs sind viele Fans - nennen wir sie „emotionale Anleger“ - schnell dabei, Journalisten/Analysten öffentlich dafür zu attackieren, dass sie von den Führungsabteilungen der Vereine zuviel verlangen und fordern, dass die Erwartungen heruntergeschraubt werden. Die Neuausrichtung von Erwartungen - in Form von langen Essays zu “Netto-Transfersummen“, zum Beispiel - macht Stillstand verträglicher und das Erringen von „Erfolg“ weit weniger anstrengend.

This is what it means...#whuswa #pl

A post shared by Premier League (@premierleague) on

So oder so handelt es sich um eine rationale Art des Umgangs mit dem Problem, auf irrationale Weise mit einem Unternehmen verbunden zu sein, auf das man wenig bis gar keinen Einfluss hat.

 Man könnte das als emotionale Versicherungspolizze bezeichnen, oder als Bewältigungsmechanismus. Die militantere Fraktion der Fans im Netz versteht die Ausweitung der „Verteidigung“ ihres Vereins von den Tribünen auf die Diskursebene schlicht als Pflicht. So oder so handelt es sich um eine rationale Art des Umgangs mit dem Problem, auf irrationale Weise mit einem Unternehmen verbunden zu sein, auf das man wenig bis gar keinen Einfluss hat.

Natürlich hat es etwas für sich, wenn das Geschick oder Unvermögen eines Vereins im Kontext gesehen und ein sorgfältiger, differenzierter Blickwinkel eingenommen wird, der über die Dichotomie von „fantastisch“ und „erbärmlich“ hinausgeht, die den Äther dominieren. Ein großes Problem kommt jedoch auf, wenn die Bereitschaft der emotionalen Anleger, Ansprüche aus eigenem Antrieb zu senken, auf ausufernde Inkompetenz und/oder einen Mangel an Ambitionen in der Führungsebene von Vereinen trifft.

Arsène Wengers Arsenal hat seinen (imaginären) Anteilseignern den Stillstand so erfolgreich als Stabilität verkauft, dass es dreizehn Jahre gedauert hat, bis diese der Masche auf die Schliche kamen. Die Gunners geben ein Paradebeispiel dafür ab, wie sich die Vereinsführung eine niedrige Erwartungshaltung zu Nutzen macht.  Aber bei gewöhnlicheren, weniger glamourösen Vereinen richtet diese unausgesprochene Komplizenschaft zwischen Fans und dem Vorstand am meisten Schaden an.

Außerhalb der Top-Sechs der Premier League (mit Ausnahme von Everton, vielleicht) werden Fans andauernd von Vorständen, Trainern und Experten vor den Gefahren zu hoher Ansprüche gewarnt und darauf getrimmt, jedes „Anspruchsdenken“ fallen zu lassen. (An dieser Stelle lohnt es sich, an Tottenham Hotspur-Präsident Daniel Levy zu erinnern, der vor zehn Jahren weithin verspottet wurde, weil er sich weigerte, den Status Quo der „Top Four“ zu akzeptieren.) 

Fans sollen im Grunde genommen ins Stadion kommen und den Verein unterstützen, komme was wolle, was für zwei Drittel der reichsten Liga der Welt bestenfalls Langeweile im Tabellenmittelfeld bedeutet. 

Premier League: Die entscheidenden Trainer-Duelle

Es war in den letzten Jahren häufig einfach, die übertriebene Eigenwerbung der Premier League zu belächeln, aber die erste Hälfte der aktuellen Spielzeit zeigt, wie nah Realität und Hype doch sein können.

Fans dahin zu bekommen, dass sie so wenig für so viel (Zeit, Leidenschaft und Geld für Tickets und TV-Abonnements) akzeptieren, ist ein Trick, der Vereinen nur deshalb gelingt, weil zu viele “Anleger“ sich selbst dazu erzogen haben, sich mit einfach zu erreichenden Zielen zu begnügen, ähnlich den Großinvestoren in der Studie.

Leider profitieren emotionale Investoren aber im Gegensatz zu echten Anlegern nicht von handfesten Vergütungen. Und sie könne ihre Anteile nicht einfach verkaufen und anderswo investieren. Sie sind untrennbar an dieses eine, unglaublich wichtige Investment gebunden - und schulden es sich daher selbst, das Klub-Management nicht vorauseilend für schnöden Dienst nach Vorschrift zu entlasten.

 

Klicken zum Weiterlesen
04 2017 The Red Bulletin

Nächste Story