Freeride World Tour

Freeride World Tour:
Spielwiese für Senkrechtstarter

Text: Alex Lisetz
Foto: JEREMY BERNARD/freerideworldtour

Ein paar Flecken Schnee zwischen Felsgraten. 60 Grad Gefälle. Kälte, Sturm. Die Freeride World Tour ist der extremste Ski- und Snowboard-Contest der Welt. Seine Botschaft gilt auch im Alltag: Erfolgreich ist, wer seinen eigenen Weg sucht.

Nach zwei Metern gibt es keinen Plan B mehr. Du springst in die Rinne und nimmst so schnell Fahrt auf wie im freien Fall, 80, 90, 100 km/h. Die Schlüsselstelle ist viel schneller da, als du dachtest, ein Felszacken schnappt zentimeterdicht an dir vorbei.

Jetzt übernimmt dein Stammhirn die Kontrolle. Du schießt über die Kante. Three-sixty, leichte Rückenlage, geht sich das noch aus? Die Landung drückt dich tief in den Schnee, aber du stehst sie. Jetzt stauben die Endorphine. Und du weißt: Der Rest des Runs wird ein einziger Genuss sein.

Jeder Teilnehmer der Freeride World Tour kann Geschichten wie diese erzählen: Erlebnisse zwischen Rausch und Klarheit, Flow und Konzentration. Denn bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft der Freerider geht es nur vordergründig um den Sieg gegen die anderen. „Wir wollen Grenzen sprengen“, sagt Jérémie Heitz, „die Grenzen unseres Sports und die Grenzen in uns selber.“

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Seit 2008 haben die besten Freeskierinnen und Freeskier, Snowboarderinnen und Snowboarder fünf bis sechsmal jährlich dazu Gelegenheit. Auf Hängen, an denen andere nicht im Traum an Skifahren denken, messen sie sich in den Disziplinen Line, Air & Style, Flow, Kontrolle und Technik. Definiert sind nur Start und Ziel: Wie und auf welchem Weg man die Strecke dazwischen zurücklegt, ist jedem und jeder selbst überlassen.

Der Wahnsinn beginnt mit dem offiziellen Trailer zur FWT 2017

© Youtube // FreerideWorldTourTV

Erfolgsrezept Individualität

„Und genau das“, sagt Doppelweltmeisterin Nadine Wallner, „ist das Tolle an der Freeride World Tour.“ Denn am Schluss gewinnt nicht, wer die vorgegebene Aufgabe am bravsten erfüllt hat. Sondern der, der Können und Fantasie den freiesten Lauf gelassen hat.

Wallner ist gerade von einer Tour auf ihrem Hausberg zurück. Sie ist heute ein paar Abschnitte gefahren, die sie vor drei, vier Jahren noch für unfahrbar gehalten hatte. Nicht nur für sie selbst, für jeden. Hier am Arlberg kennt sie jeden Felsen, bei einem Contest ist dagegen alles neu: Die Rider dürfen nicht am Wettkampfhang trainieren, das Gelände studiert man erst beim sogenannten „Face-Check“ am Tag vor dem Wettkampf – mit Fernglas und Handykamera vom Gegenhang aus.

Die GoPro- und Heli-Videos der Rides machen auch im warmen Wohnzimmer Gänsehaut.

© Christoffer Sjostrom/freerideworldtour

An diesem Tag sieht jeder Rider einen anderen Berg: Jérémie Heitz, der Schweizer Steepski-Draufgänger, sieht „schnelle Turns“, in denen sich „vielleicht 120, 130 km/h ausgehen“. Felix Wiemers, der beste Deutsche in der Tour, hat ein paar Stellen entdeckt, die für Freestyle-Tricks prädestiniert wären. Und Léo Slemett, der junge Franzose, findet das wechselhafte Gelände gut, „weil es meiner Vielseitigkeit entgegenkommt“.

Der perfekte Run gelingt am Ende jenem Fahrer, der seine Persönlichkeit und sein Können bestmöglich in Skifahren (oder Snowboarden) übersetzt. Doch wie geht das, wenn man weiß, dass eine Jury jeden deiner Moves kritisch unter die Lupe nimmt?

„Ich fahre genauso, als ob ich für mich allein wäre“, sagt Nadine Wallner. Später, beim Event, wird jeder Zuschauer so viele unterschiedliche Contests wie Rider sehen. Denn jeder fährt zuallererst gegen den hartnäckigsten Gegner: sich selbst. „Klar will man besser sein als die anderen“, sagt Felix Wiemers, „aber vor allem will man den Rider übertreffen, der man gestern noch war.“

Vielleicht ist das Feiern der individuellen Stärken bei der Tour auch das Geheimnis ihrer harmonischen Gemeinschaft. „Man freut sich auch, wenn einer Konkurrentin ein guter Run gelingt“, sagt Nadine Wallner, „das ist bei meinen Freundinnen im Rennskilauf definitiv nicht so.“

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04 2017 The Red Bulletin

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