Freeskier Bene Mayr im Interview

Bene Mayr im Interview: 
„Wer keine Fehler macht, macht etwas falsch“

Text: Andreas Rottenschlager
Foto: Marco Justus Schöler

Bene Mayr ist Deutschlands bester Freeskier. Er weiß, wie man gut aussieht. Auch wenn man bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt.

THE RED BULLETIN: Bene, auf der Freeride World Tour bretterst du durch extrem steile Tiefschneehänge, in die sich kein normaler Skifahrer traut. Woran denkst du in den letzten Sekunden vor dem Start?

BENE MAYR: An nichts.

Aha.

Klingt komisch, ich weiß. Aber ein freier Kopf ist der ­Schlüssel für einen guten Run.

Wir hätten geglaubt, dass du dir noch einmal Mut zusprichst. Immerhin beträgt das Gefälle der Contest-Hänge bis zu 70 Prozent.

Den Mut spreche ich mir früher zu. Ich sage: „Das kannst du. Das schaffst du. Das packst du.“ Dann fahre ich zum Startgate. Atme durch. Irgendwann gibt der Typ mit dem Funkgerät das Kommando: „Drei – zwo – eins – drop!“

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Bei den Contests sind nur Start und Ziel vorgegeben. Dazwischen liegen Schneewechten, Felsrinnen und haushohe Kliffs. Vor welchen Hindernissen hast du am meisten Respekt? 

Vor der Schneesituation, die du richtig einschätzen musst. Kann ich Vollgas fahren? Oder muss ich aufpassen, weil sich unter einer dünnen Schneeschicht Felsen verstecken? Beim Freeskiing musst du auf Gefahren reagieren, die in anderen Bewerben vom Veranstalter eliminiert werden. Es gibt weder Pistenarbeiter noch Schutzzäune. 

Wie gewinnt man so einen Contest?

Indem du einen Fuck gibst.

Kannst du das etwas präziser erklären?

Am Start blendest du die Gefahr aus. Das meinte ich vorher mit „freiem Kopf“. Wir alle sind uns der Gefahr unseres Sports bewusst, sonst wären wir lebensmüde. Aber wenn du da oben stehst, haben diese Gedanken keinen Platz. Du willst einen geilen Run zeigen, nur das zählt. 

Für die Punkterichter zählen hingegen die Bewertungskriterien. Eines der wichtigs­ten heißt „Control“. Wie fährt man kontrolliert auf einer Strecke, die sich kaum kontrollieren lässt?

Genau das ist die Frage. Du kannst die spektakulärsten Tricks zeigen. Aber wenn es so aussieht, als würdest du bei jeder Landung sterben, gewinnst du nicht. Es ist genau andersrum: Du musst gut aussehen, selbst wenn du während des Runs in Schwierigkeiten steckst.

Wie funktioniert das?

Geistige Flexibilität ist am wichtigsten. Damit fährst du in jeder Lebenslage gut. Ich kann zum Beispiel nicht an den Mont Blanc fahren und sagen: „Diesen Run ziehe ich zu hundert Prozent durch.“ Die Realität sieht eher so aus, dass ich vor Ort meinen Plan ändern muss. Etwa, weil der Wind stärker wird. Im Wettkampf sieht die Strecke dann wieder anders aus. Felsen verschwinden unter Neuschnee, natürliche Kicker wachsen höher. Es ist wie beim Surfen: Man muss die Welle nehmen, wie sie kommt.

Und wenn dich die Welle abwirft?

Nicht verzweifeln. Wer keine Fehler macht, macht etwas falsch. Weil du dich nur weiterentwickelst, wenn du die Komfortzone verlässt. Das gilt nicht nur fürs Freeskiing.

„Im Freeskiing und im Leben ist geistige Flexibilität wichtig. Es hilft, wenn du Pläne neu entwerfen kannst.“

War das der Grund, dass du 2016 an der TV-Show „Dance Dance Dance“ teilgenommen hast? Du ­hattest null Tanz­erfahrung und bist vor einem Millionen­publikum live im Fernsehen aufgetreten.

Genau darum ging es. Natür­lich kannst du in so einer Show deinen Ruf ruinieren. Aber ich habe mir gedacht: „Jå mei! Wird schon nix passieren.“


Und dann habe ich trainiert, richtig hart. Ich habe das Tanzen so ernst genommen wie einen Contest. (Mayr und sein Tanzpartner, der frühere Turner Philipp Boy, gewannen die Show; Anm.).

Bene tanzt „Thriller“ von Michael Jackson

© Youtube // Dance Dance Dance

Dein nächstes Fernseh­projekt „Generations of Freeskiing“ hat jedenfalls wieder mit Wintersport zu tun.

Ich stelle mit anderen Athleten­ die Evolutionsstufen von Freeskiing vor. Vom Aerial Jumping über das Snow­bladen in den Neunzigern bis zu ­modernem Park Riding.

Dein bester Auftritt im Film?

Ich übernehme zusammen mit Vicky Rebensburg den Buckel­pisten-Part. In einem Skianzug aus den achtziger Jahren.

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02 2017 The Red Bulletin

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