Fun, Fairness, Federer: Dominic Thiem im Interview

Fun, Fairness, Federer: Dominic Thiem im Interview

Text: Stefan Wagner
Fotos: Jürgen Skarwan 

Mit 23 ist Dominic Thiem Österreichs bester Tennis­spieler seit Thomas Muster, der beste Tennisspieler der Welt unter 25 Jahren. Sein Erfolgsrezept: Er spielt einfach wahnsinnig gern Tennis. Ein Gespräch über den Erfolgsfaktor Spaß, übers Pinkeln, über Sucht und Paris.

Zwischen Miami und Monte Carlo liegt die Südstadt, zumindest im Kalender. Es ist Anfang April, Dominic Thiem bereitet sich hier auf der wenig mondänen Trainingsanlage gleich südlich von Wien auf die Sandplatz-Saison vor. Experten trauen ihm gerade auf diesem Belag Großes zu, beim Grand-Slam-Turnier in Paris – im Vorjahr erreichte er dort das Halbfinale und damit einen Platz in den Top Ten der Weltrangliste – zählt er zum erweiterten Favoritenkreis. 

Das Interview beginnt zwei Stunden später als geplant, denn Thiem musste zur Dopingkontrolle – die findet routinemäßig unangekündigt statt und hat kein Zeit-, sondern ein Mengenlimit: Fertig ist man erst nach 100 Millilitern.

Roger Federer: Bester Tennisspieler aller Zeiten?

Roger Federer weiß, dass die Frage kommen wird. Sie kommt jedes Mal, und natürlich muss sie auch ­dieses Mal gestellt werden. „Jeder will wissen, wieso ich auch mit Mitte dreißig noch spiele. Freunde, Fans, die Medien", sagt Federer und lacht. „Der Einzige, für den sich diese ­Frage nicht stellt, bin offenbar ich selbst.

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DOMINIC THIEM: Dopingtests dauern bei mir eine Ewigkeit, sorry, da hilft auch vier Liter Wasser trinken nix. Kannst du pinkeln, wenn einer zuschaut?

THE RED BULLETIN: Der Kontrollor geht mit aufs Klo?

Natürlich. Ganz egal was du machst: Der muss bei dir bleiben, bis sein Becher voll ist. Und er muss natürlich hundertprozentig sicher sein, dass im Becher wirklich dein Harn ist, dass du nicht manipulierst. Ist ja alles schon vorgekommen, dass Leute irgendwas anderes reinschwindeln wollten. Das heißt, er schaut beim Pinkeln ganz genau hin.

Wie oft wird man kontrolliert?

Du musst im Internet immer schon ein paar Wochen im Vorhinein ganz genau angeben, wann du wo sein wirst, und heute ist er eben in der Südstadt beim Training aufgetaucht. Vor drei Tagen war er bei mir zu Hause, als ich gerade aus Amerika zurückgekommen bin, voll im Jetlag, war am Abend noch in der Therme, dass ich einigermaßen schlafen kann. Geh noch aufs Klo, freu mich aufs Bett, da läutet’s an der Tür, und das war’s dann natürlich mit Schlafengehen.


Aber jetzt zum eigentlichen Thema dieses Interviews: Spaß als Erfolgsfaktor. Günter Bresnik, seit 15 Jahren dein Trainer, sagt, du warst als Kind gar nicht schneller oder geschickter als andere. Du hast einfach lieber Tennis gespielt. Deswegen konntest du mehr und intensiver trainieren als alle anderen, und deswegen hast du es am Ende auch in die Weltspitze geschafft. Die Liebe zum Tennis, sagt Bresnik, war und ist dein größtes Talent. Wie sehr nützt sich eine Liebe ab, wenn sie zum Beruf geworden ist? Wie sehr wurde aus Spaß mittlerweile Routine?

„So ein Gefühl wie nach einem gewonnenen Match, das kann dir das normale Leben nicht bieten.“

Gar nicht. Manchmal ist das Drumherum natürlich nervig, wie gesagt, aber im Prinzip, sobald ich auf dem Platz bin, ist alles wie früher. Rechts-links wetzen, den Ball schlagen, einen Punkt gewinnen, das taugt mir genauso wie vor 15 Jahren. Und es ist immer noch ein genauso geiles Gefühl wie damals, wenn du am Ende eines Trainings etwas kannst, das du am Anfang nicht gekonnt hast.

Aber wenn man seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten im Prinzip ein und dieselbe Sache macht, das muss sich doch irgendwie abnützen.

Nein. Der größte Unterschied zu früher ist, dass ich mich über Siege viel mehr freue. Ich meine damit auch Siege, die andere als selbstverständlich sehen, in der ersten Runde von einem kleineren Turnier gegen die Nummer 100 oder 120 der Welt. Denn solche Siege sind alles andere als selbst­verständlich. Wenn du auf 120 stehst, bist du extrem gut in dem, was du tust – stell dir vor, du bist unter den Architekten oder Rechtsanwälten oder Ärzten weltweit Nummer 120. Einer, der in der Tennis-Weltrangliste auf 120 steht, hat genauso viel in seinen Sport investiert wie ich. Da braucht nur eine Kleinigkeit in meiner Leistung nicht passen, und ich verlier garantiert gegen den. Auf ATP-Level ist jeder Sieg eine Bestätigung dafür, was du in deiner Karriere alles richtig gemacht hast.

Das gilt, vermute ich jetzt, aber auch umgekehrt. Jede Nieder­lage stellt alles ein bisschen in Frage?

Auf jeden Fall. Dein Selbstwert, wie du dich fühlst, alles steht in jedem Match auf dem Spiel. Das gilt im Positiven genauso wie im Negativen. 

Hat man Angst vor einer Niederlage?

Vor jedem Match. Das gehört dazu.

Voriges Jahr hast du 80 Matches gespielt, 56 gewonnen, 24 verloren. Das klingt nach ziemlich viel emotionalem Auf und Ab. 

Ist es auch.

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Du musst dir doch sagen können: Hey, ich bin ja nicht zu­fällig Nummer 8 der Welt. Hab ich halt einen schlechten Tag gehabt, morgen ist ein neuer Tag, nächste Woche ein neues Turnier.

Ich glaube, wenn du so denkst, wirst du keinen Erfolg haben. Nur wenn jedes Match ein Gradmesser fürs Ganze ist, hast du auch die Intensität, die es braucht. Wenn du nicht alles reinlegst, kannst du nicht alles leisten, und dann reicht’s eben nicht. Du musst All-in gehen. Das macht’s vielleicht manchmal grausam, aber das macht auch den Reiz aus. Ich hab einen Spieler, der lange Zeit verletzt war, nach seiner Rückkehr auf die Tour gefragt, was ihm abgegangen ist. Gar nichts, hat er gesagt, das Reisen nicht, die Leute nicht, aber das Gefühl nach einem gewonnenen Match, das hat ihm wahnsinnig gefehlt. So ein Gefühl kann dir das normale Leben nicht bieten.

Junkies reden auch ungefähr so.

Bis zu einem gewissen Grad wirst du wahrscheinlich wirklich süchtig nach diesem Gefühl, ja. Man kann es jemandem, der keinen Spitzensport macht, auch nicht ­erklären. Der würde das nicht verstehen.

Das beste Gefühl, das du kennst, kannst du nur mit ein paar wenigen Leuten auf der Welt teilen. 

Ja.

Und zwar mit denjenigen, die du besiegen musst, um dieses Gefühl zu kriegen.

(Lacht.)

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Dein Start ins Jahr 2017 war nicht überragend. Was aufgefallen ist: Du hast unzufrieden gewirkt, warst sichtbar schlecht gelaunt, auch bei Siegen. Wo war denn da der Spaß?

Ich weiß, was ich kann, und das hab ich eben oft nicht gebracht. Dann werde ich unrund, dann fühle ich mich komplett unwohl. Dazugekommen ist, dass mir mein Knie weh getan hat. Der Grund dafür ist eigentlich lächerlich: Im August, in der Woche vor den US Open letztes Jahr, hab ich mir beim Rückhand-Slice-Training den Griff aufs rechte Knie gerammt. Seither tut das Knie weh, im Prinzip bei jedem Schritt, beim Rennen, bei jeder Richtungsänderung, sogar wenn du nicht spielst, wenn du dich nur hinknien möchtest. Dann wird’s ­irgendwann schwer mit Spaßhaben. 

Von welcher Verletzung reden wir?

Es ist nichts Dramatisches, eine Knochenprellung, aber halt schmerzhaft und vor allem extrem langwierig. Kann theoretisch sein, dass mir das mein Leben lang bleibt, dass mir das Knie immer weh tut, wenn das Wetter umschlägt. Aber zurzeit ist es eh besser.

Vor zwei, drei Jahren haben dich gerade mal Insider gekannt. Jetzt bist du einer der prominentesten Sportler Österreichs – und stehst unter den besten zehn einer Weltsportart. Was macht Prominenz mit einem?

Solange man sich davon nicht deppert ­machen lässt, nicht viel. 

Aber du stehst unter Beobachtung, du wirst beurteilt. Immer mehr Sportler erzählen, wie sehr sie darunter leiden, wie sie auf Facebook beschimpft und bedroht werden.

Wenn das, was andere Leute über mich ­sagen, Einfluss darauf hätte, wie es mir geht, würde ich auch jedes Mal durch­drehen, wenn ich ins Internet schau. Wichtig ist die Meinung der Leute, die mich kennen: Günter, meine Familie, meine Freunde. Und am besten weiß ich sowieso selber, was ich gut oder nicht gut gemacht hab. Wenn es darum geht, den Dominic Thiem zu beurteilen, bin schon ich selber die höchste Instanz. Solange das so bleibt, mach ich mir keine Sorgen.

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Stellt sich irgendwann so was wie eine Grundzufriedenheit mit sich selbst ein? Nach der fünften Preisgeld-Million? Wenn man die Top 50 erreicht hat, Top 20, Top 10?

Komischerweise gar nicht. Was du erreicht hast, wird sehr schnell zur Normalität. Und aus dieser Normalität möchtest du wieder raus. 

Man lebt in einer permanenten Un­zufriedenheit?

Ich würde es anders formulieren: Ich würde sagen, du schaust einfach immer, was du verbessern kannst. Was du Neues lernen kannst.

„Nur wenn jedes einzelne Match ein Gradmesser fürs Ganze ist, für alles, hast du die Intensität, die es braucht.“
Dominic Thiem, 23

Was war das Wichtigste, was du zuletzt gelernt hast?

Dass dich Anspannung auf Dauer leer macht. 

Weil du voriges Jahr zu viele Turniere gespielt hast? 

Mir sind nicht die vielen Turniere zum Verhängnis geworden, sondern die an­dauernde Grundspannung, die du hast, ­solange du in einem Turnier bist. Das hab ich unterschätzt.

Egal ob du gerade ein Match spielst oder am Frühstückstisch sitzt, im Turniermodus bist du 24 Stunden am Tag unter Spannung. Das ist es, was am Ende viel mehr zehrt als die Matches selbst. Jetzt zum Beispiel, nach dieser Trainingswoche zu Hause in der Südstadt, die wirklich hart war, bin ich körperlich völlig erledigt. Aber ich bin geistig voll da, ich schlafe gut, ich gehe nicht fünfmal am Tag aufs Klo, ich habe Appetit. Nicht zu vergleichen mit einer Turnierwoche. Die ist körperlich bei weitem nicht so anstrengend, du hast vielleicht ein Match pro Tag, das dauert zwei, drei Stunden. Aber diese Grundspannung rund um die Uhr ist es, die laugt dich aus. Du kannst nicht gescheit schlafen, nicht gescheit essen, kriegst nix runter. Du hast auch so eine Grundgereiztheit. Du musst dich richtig zusammenreißen, dass du anderen Leuten gegenüber nicht ­ungeduldig wirst oder unhöflich.

Life is beautiful

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Der Weltranglistenerste Andy Murray beschimpft seine ­eigenen Betreuer während seiner Matches regelmäßig ziemlich derb. 

Das ist genau, was ich meine. Murray ist abseits vom Platz der netteste Mensch, den du dir vorstellen kannst, aber auf dem Platz ist er eine Katastrophe. Und ich kann auch komplett nachvollziehen, wie er sich verhält. Jeder Spieler würde das am liebsten genauso machen wie er: einfach ohne Rücksicht den Druck rauslassen, irgendwen anschreien und verantwortlich machen für die eigenen Fehler. Im Endeffekt ist Tennis ein grässlicher Sport, weil man so viele Fehler, so viele Dummheiten macht, selbst wenn man gewinnt, es ist wahnsinnig frustrierend. Es sind so viele Situationen da, in denen man innerlich am liebsten komplett ­ausrasten würde.

Was wäre, wenn du’s dir erlaubtest? Wenn du Dampf abließest? Du wärst nicht der Erste, der hin und wieder ausrastet.

Wenn’s gar nicht anders geht, Schläger zerhacken, okay, aber dass ich jemand anderen anfahre oder beschimpfe? Nein. Der kann ja nichts dafür.

Kann man nach sechs Millionen Dollar Preisgeld wirklich nicht alles gelassener sehen?

Es bleibt dir vom Preisgeld nur ein Bruchteil, aber das ist immer noch viel. Und das Geld ist super. Wirklich. Ich kann mir kaufen, was ich will, ich kann in einem ­Restaurant bestellen, was ich will, und nicht so wie vor ein paar Jahren noch bei Reisen zu kleinen Future-Turnieren eine halbe Stunde in der Speisekarte schauen, was am billigsten ist. Aber es spielt für mich als Tennisspieler, für meine Zufrieden­heit oder Unzufriedenheit oder auch für die Verzweiflung, die du manchmal hast, überhaupt keine Rolle. Und das darf es auch nicht. Wenn das so wäre, dann wäre es wahrscheinlich besser, ich hörte auf. 

Quälst du dich da jetzt nicht unnötig?

Nein. Wenn das Geld, das du verdient hast, wichtig wird, fehlt dir der Biss. Ohne eine gewisse Unzufriedenheit gibt es keine Entwicklung. Ich erklär dir das. 2016 war ich total euphorisch, da war alles eine Sensation. 2017 fühlt sich total anders an. Ich bin wirklich oft schlecht gelaunt, unzufrieden. Und das, obwohl ich gerade einmal lächerliche 100 Punkte weniger gemacht hab als zur gleichen Zeit letztes Jahr. Das heißt, die Erfolge sind ungefähr gleich. Auch die spielerischen Leistungen sind ungefähr gleich, manches ist besser, manches schlechter. Der große Unterschied: Wenn ich letztes Jahr in einem Game vier gute Punkte und zwei Fehler gemacht habe, war ich total happy über die vier Winner. Jetzt ärgern mich die zwei Fehler. Ich seh mich selber viel kritischer als letztes Jahr. Und das muss auch so sein, das ist eben meine neue Erwartungshaltung. Natürlich könnte ich jetzt alles schönreden, aber mein Anspruch ist eben nicht, dass ich gleich bleibe, sondern dass ich mich verbessere. Ist das nicht normal, dass man sich immer weiter verbessern will? Dass man unzufrieden wird mit dem, was man schon erreicht hat?

„Wenn ich letztes Jahr in einem Game vier gute Punkte und zwei Fehler gemacht hab, war ich happy über die vier Winner. Jetzt Ärgern mich die zwei Fehler.“
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Wie unzufrieden wärst du, wenn deine Karriere ohne Grand-Slam-Titel bliebe, ohne Nummer eins der Weltrangliste zu werden?

Nummer eins, das waren vielleicht 25 Spieler seit 1970, die das geschafft haben. Das kann man sich nicht als Ziel setzen. Da gehört zu viel dazu. Aber ein Grand-Slam-Turnier, das ist ein realistisches Ziel. Ich habe auch das Gefühl, dass jetzt viel mehr Spieler als noch vor zwei, drei Jahren ein richtig großes Turnier gewinnen können. 

Wer könnte heuer Paris gewinnen? (Das größte Sandplatzturnier der Welt, ausgetragen im Stade Roland Garros; Anm.)

Vier, fünf Leute. 

„Vier, fünf Leute können heuer in Paris gewinnen. Und ich bin einer von ihnen.“

Also Novak Djokovic, Andy Murray, Rafael Nadal, Stan Wawrinka …

… und Dominic Thiem. Das ist für mich der Favoritenkreis. Natür­lich, Federer gehört immer dazu, auch wenn ich es auf Sand nicht glaube. Natürlich können auch andere gefährlich sein, ein Sascha Zverev, ein Jack Sock. Und natürlich kann ich früh ausscheiden, ein nicht so guter Tag gegen die Nummer 100, und du bist weg, wie gesagt. Aber wenn ich jetzt sagen würde, ich hab keine Chance, Paris zu gewinnen, das wäre einfach falsch. 

Der erwähnte Alexander Zverev (der beste deutsche Spieler, erst 20-jährig; Anm.) ist ein richtig guter Freund von dir. In ein paar Jahren könntet ihr gegeneinander um die großen ­Titel spielen. Wie geht sich da eine Freundschaft aus? Hat man nicht dauernd die Rivalität im Hinterkopf? 

Wenn ich mit ihm in Miami in der Players’ Lounge „Stadt, Land, Fluss“ spiele? Nein, da denke ich nicht daran. (Lacht.) Das kann ich schon gut unterscheiden, was auf dem Platz stattfindet und was daneben. Das ist mir auch extrem wichtig. Ich bin wirklich froh, dass ich nicht auf der Frauentour spiele, da gibt es gar keine Freundschaften, da geht jede allein essen, totale Eifersüchteleien. Die können „auf dem Court“ und „neben dem Court“ nicht trennen. Ein Horror.

Auf dem Platz machst du alles, um gegen ihn zu gewinnen, und nachher spielt ihr „Stadt, Land, Fluss“?

Na sicher. Es gewinnt einfach der Bessere an diesem Tag. Das ist ganz einfach.

Aber Tennis hat doch auch eine Psycho-Komponente. Man kann den Gegner reizen, aus der Konzentration bringen, ihn dadurch schwächen. Thomas Muster war darin Meister.

Das mache ich nicht. Im Tennis ist es ­möglich, den Gegner nur mit spielerischen Mitteln zu besiegen.

Was war das Unfairste, was du jemals auf einem Tennisplatz gemacht hast?

Da fällt mir nichts ein, echt. Ich würde mich auch total beschissen dabei fühlen.

Vergangenes Jahr bei den Australian Open hast du den Schiedsrichter in einem Match gegen den Belgier David­ Goffin sogar zu deinen Ungunsten ­korrigiert. Geht das nicht ein bisschen zu weit?

So was mache ich alle paar Wochen. Wenn der Schiedsrichter einen Ball von meinem Gegner out gibt, obwohl er im Feld war, kann ich doch nicht sagen, ich habe den nicht gesehen!

Aber du schadest dir damit. Und es ist doch nicht unfair, den Schiedsrichter einfach seinen Job machen zu lassen. Korrigieren alle deine Gegner zu deinen Gunsten die Fehler der Schiedsrichter?

Nein, die allerwenigsten.

Na bitte.

Aber ich würde mir selber schaden, würde ich so tun, als hätte ich es nicht gesehen. Darum geht’s. Wenn ich nicht ehrlich bin, denke ich die nächsten zehn Minuten an nichts anderes als daran, was für ein un­fairer Arsch ich bin. Da ist es doch besser, ich geb den Ball gut, die Sache ist erledigt, und ich kann mich wieder aufs Spielen konzentrieren.

© Youtube // Ténis Portugal

Wie fühlt man sich als 23-Jähriger in einem Sport, der von einem 35-jährigen vierfachen Familienvater dominiert wird?

(Lacht.) Normalerweise wäre das eine Katastrophe. Aber Federer ist halt in allem eine Ausnahme.

Kann man was von ihm lernen? Oder ist er einfach nur begnadet?

Man kann von ihm lernen, dass er dauernd lernt. Schau dir das einmal an, er spielt komplett anders als noch vor drei, vier ­Jahren. Und als er so jung war wie ich und – so kam’s einem vor – alles gewonnen hat, spielte er überhaupt komplett anders, lange Rallyes von der Grundlinie. Da findest du Dutzende alte Matches auf YouTube. Wie er das alles anpasst und lernt, wie er sein Spiel adaptiert, das ist unfassbar. Dass du nicht zufrieden bist mit dem, was du hast. Dass du dich immer weiterentwickelst, auch wenn du alles erreicht hast. Das kann man von ihm lernen. Das ist genial.

Du schaust dir wirklich alte Federer-Matches auf YouTube an?

Natürlich. Stundenlang. Ich schau wahnsinnig gern Tennis.

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06 2017 The Red Bulletin

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