Marcel Reif

DIE MARCEL-REIF-KOLUMNE:
Das Phänomen RB Leipzig

TEXT: MARCEL REIF
ILLUSTRATION: BLAGOVESTA BAKARDJIEVA

Fußball-Experte Marcel Reif schaut diesmal auf das kleine Leipziger Fußball-Wunder – und hängt sich weit aus dem Fenster.
Marcel Reif

Sportjournalist, TV-Kommentator, Buchautor: Der Fußballspezialist hat dank seiner Leidenschaft und Präzision eine Fangemeinde, und doch spalten seine scharfen Analysen bisweilen das Publikum.

Das Gejammere und Heucheln ­angeblicher Traditions­klubs der Fußball-Bundesliga, die sich jahrelang in der Kultur des Ver­sagens und Scheiterns geübt und gegenseitig übertroffen haben, kann ich nicht mehr hören.

Wir haben in Deutschland zwar eine freie Marktwirtschaft, aber noch lange keine Chancengleichheit. Auch im Privatleben können sich viele Menschen bestimmte Dinge nicht leisten, und genauso ist es im Fußball. Die Großen spielen ihr eigenes Spiel, die Romantik hat keinen Platz mehr, und mit dem Verliererstolz der Traditionsvereine kann ich schon gar nichts ­anfangen. Punkt.

Natürlich hat ein Verein wie RB ­Leipzig ganz andere Möglichkeiten als der SC Freiburg, und selbstverständlich schießt Geld Tore. Aber man kann mit viel Geld auch viel Unsinn anrichten, wie Manchester City oder Paris Saint-Germain eindrucksvoll demonstrieren. Oder 1860 München, um ein noch übleres Beispiel zu bemühen.

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Dietrich Mateschitz hingegen ist das Projekt RB Leipzig sehr pragmatisch angegangen: Ich muss mir jemanden ­suchen, der mein Geld vernünftig ausgibt. Er hat den Fußball-Professor Ralf Rangnick gefunden, der gleich mal eine Gehaltsobergrenze eingeführt und seriöse, nachhaltige Strukturen geschaffen hat. Dass Geld keine Rolle spielt, ist und war aber immer ein Märchen. Mittlerweile ­haben sich die Investitionen in Stein und Bein längst amortisiert, und der Klub könnte im Bedarfsfall auch ohne Red Bull weitergeführt werden. Hochbegabte ­junge Spieler werden besser gemacht und bauen Eigenkapital auf – abgetakelte Stars sind prinzipiell kein Thema.

Zu Saisonbeginn war ich sehr gespannt, wie Sportdirektor Rangnick und Trainer Ralph Hasenhüttl miteinander klarkommen. Die ­Ansprüche sind in Leipzig natürlich ganz andere als im beschaulichen Ingolstadt. Aber offensichtlich ticken die beiden Alphatiere mit ihrem sehr breiten Ego ähnlich. Die Dinge werden so geregelt, dass unterm Strich einzig und allein der Erfolg steht. Zur Meisterschaft – und da lege ich mich fest – wird es dennoch nicht reichen. Noch hatten die Leipziger keine Formdellen, und Rückschläge werden kommen. An­gesichts des unglaublichen Laufs halten derzeit alle in Leipzig den Atem an.

Sollte RB aber wirklich den Titel holen, biete ich eine Wette an: Ich ziehe vor diesem Verein nicht nur meinen Hut, sondern laufe ­pudelnackt eine Runde auf dem Leipziger Marktplatz.

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Ich bin bei aller Anerkennung kein ­fanatischer Fan des Leipziger „Pistolero-Fußballs“, wie ich ihn nenne. Dieses ­fiebrige, brachiale Pressing, das auch ­Roger Schmidt in Leverkusen weniger ­erfolgreich praktiziert, ist nicht nach ­meinem Geschmack. Das funktioniert nur mit jungen Spielern – und Tempo ist alles im RB-Imperium. Leipzig ist dann am stärksten, wenn der Gegner den Ball hat. Der Respekt wächst jedoch mit jedem Sieg, und nichts ist so faszinierend wie der Erfolg. Ich bin schon gespannt, wer es schafft, den Leipziger Code zu entschlüsseln. Bisher war ich jedenfalls immer der Meinung, dass für großen Fußball auch große ­Fußballer notwendig sind.

Nochmals zurück zur Debatte um die Tradition: Hat jemand ernsthaft geglaubt, dass ausgerechnet PR-Genie Mateschitz nach Leipzig geht, und niemand soll es erfahren? Häh?

Und es stellt sich zwingend die Frage: Ist es ehrenwerter, wenn ein Investmentfonds aus Katar seine Quellen sprudeln lässt oder Unternehmen wie Gazprom, VW, Wiesenhof, SAP oder Bayer ihre Logos auf der Brust der Stars platzieren oder wie Kühne oder Signal Iduna auf andere Weise präsent sind? Mateschitz ist ja nun wahrlich kein skrupelloser Waffenhändler, und die Verlogenheit, dass der Erfolg gekauft sei, richtet sich angesichts explodierender Umsatzzahlen in München und Dortmund selbst. Es würde mich auch nicht wundern, wenn der eine oder andere aus dem Leipziger Ensemble demnächst an der Säbener Straße aufschlüge.

Und noch etwas: Menschen gehen mit Schals ins Leipziger Stadion, nicht mit Schlagstöcken und Pyrotechnik, in der Kurve sieht man unbeschwerte Kinder in einem friedlichen Umfeld. In welchem Stadion in der Bundesliga ist das noch möglich? Wenn man sich in Leipzig umtut, hört man, wie sehr sich die Fußballfans über die Rückkehr in die Bundesliga gefreut haben. Krawalle sind tabu, der Public Value für die Stadt ist riesig.

„Ich war sehr gespannt, wie Sportdirektor Rangnick und Trainer Hasenhüttl in Leipzig miteinander klarkommen.“
Marcel Reif

Mit RB Leipzig ist die Diaspora des Fußballs im neuen Deutschland endlich beendet. Erstmals wird der Osten nicht mehr mitleidig belächelt, und in den Adern der Fans fließt schon mehr Taurin als Adrenalin.

Dass es bei einem Klub aus der Retorte auch Schattenseiten gibt, bezweifelt ­niemand, aber Rangnick und sein Team haben eben die Chancen der freien Gesellschaft voll genutzt.



Und es ist ja nicht so wie in der englischen Premier League, wo die Dagobert Ducks dieser Welt ihre Geldspeicher für wahnwitzige Trans­aktionen beliebig öffnen. Man hätte im Sommer Claudio Pizarro, Max Kruse oder Mario Gomez kaufen können – doch Rangnick holte die blutjungen Timo ­Werner und Oliver Burke, die Leipzigs Speed Academy noch mehr PS verliehen. Stars wie Kevin Volland oder Breel Embolo standen auf dem Zettel, hätten aber die selbstverordnete finanzielle Obergrenze gesprengt.

Emil Forsberg bei RB Leipzig - Alter Schwede!

Der Star-Spieler des Aufsteigers im winterlichen Interview

In Leverkusen warfen unbelehrbare Chaoten mit Farbbeuteln nach dem RB-Bus, und Hasenhüttl malte daraus in den folgenden 90 Minuten ein buntes Meisterwerk. Der Trainer ist ein ebenso intelligenter wie eloquenter Mann mit einem klaren Plan – von dem ich auch in solch brisanten Situationen noch keinen dummen Spruch gehört habe. Jetzt schauen auch Rummenigge und Hoeneß auf den Österreicher, der gerade in seiner Heimat lange belächelt worden ist.

Rangnick wollte zuerst Thomas Tuchel, den hat er nicht gekriegt. Also Hasenhüttl. Der hat in Ingolstadt genau den radikalen Fußball spielen lassen, den sich Leipzigs Mastermind vorstellt: Ohne Schnörksel, nicht auf Effekthascherei bedacht, allein der Endzweck zählt. 

Die Töne aus der Münchner Chefetage werden noch schärfer werden, je länger die Erfolgsserie anhält. Das ist eigentlich das größte Kompliment, das man einem Aufsteiger machen kann.

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02 2017 The Red Bulletin

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