Michael Strassers Reisetagebuch: Mit dem Fahrrad 11.000km durch Afrika

Michael Strasser: Mein Afrika

Text: Werner Jessner
Fotos: Chris Wisser 

In 34 Tagen, 11 Stunden und 10 Minuten mit dem Fahrrad von der Nord- zur Südspitze Afrikas: Michael Strassers Reisetagebuch über seine 11.000 Kilometer Leid, Freude, Verzweiflung und Euphorie.

Der Rekord für die Durchquerung Afrikas mit dem Fahrrad von Kairo nach Kapstadt lag für Teams bei 37, für Einzelstarter bei 41 Tagen.

Der Niederösterreicher Michael Strasser wollte den Rekord schlagen, obwohl er statt in Kairo in Alexandria startete, eine Fleißaufgabe von 300 Kilometern. Der Grund: „Von Küste zu Küste fühlt sich einfach richtiger an.“

„Immer wieder denkst du dir, dass es völlig unmöglich ist, zu schaffen, was du dir vorgenommen hast.“

© Michael Strasser // youtube

 

Tag 1: Alexandria, Ägypten

Michael Strasser: Start in Alexandria

30.1.2016

Nach einem Jahr Vorbereitung: Start! 

Endlich geht es los. Nichts mehr ­organisieren müssen, Lenker statt Laptop. Drei Tage hatte es allein gedauert, um das Begleitauto aus dem Zoll zu kriegen. Danach wurden wir ausgeraubt und mussten Equipment nachkaufen. Alles egal, ab jetzt wird gefahren. Im Schnitt 320 Kilometer pro Tag, das ist der Plan. 

Tag 8: Nubische Wüste, Sudan 

Michael Strasser fährt durch die Nubische Wüste

6.2.2016

Das erste Tief

Ich sitze 18 Stunden pro Tag am Bike und verbrenne 16.000 Kalorien. Die Straßen sind gerade und flach, bis zu 400 Kilometer spule ich täglich ab. Meine Sehnen schmerzen. Immer wieder kommt aus den unmöglichsten Richtungen Sand, und das Gefühl, nicht weiterzukommen, stellt sich ein. Ich kotze, weil ich die Malaria-Prophylaxe nicht vertrage. Ich weine täglich. Nein, ich schäme mich nicht dafür.

Tag 12: Gonder, Äthiopien

Strasser macht ein Selfie mit Einwohnern in Gonder, Äthiopien

10.2.2016

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Tag 16: Moyale, Äthiopien

Schotterwege in Moyale, Äthiopien

14.2.2016

Strenges Sturzverbot

Immer wieder wechselt Asphalt ansatzlos zu Schotter. Nur nicht die Konzentration verlieren! Das nächste Krankenhaus ist Stunden entfernt. Wir haben unser eigenes Operationsbesteck mit, sicherheitshalber. Was ich auch gelernt habe: Rennräder sind weit robuster, als man glaubt.

Tag 19: Nanyuki, Kenia

Am Äquator in Nanyuki, Kenia

17.2.2016 

Ab jetzt geht’s bergab

Psychologisch hilft die Überquerung des Äquators. Mein Kameramann ist 30 Minuten ohne Sonnencreme im Freien und holt sich den Sonnenbrand seines Lebens. Hie und da gibt es ­wieder Touristen, abgeschirmt und ängstlich. Von den Einheimischen, so kommt’s einem wenigstens vor, trägt jeder dritte ein Gewehr und jeder zehnte ein Maschinengewehr.

Tag 22: Dodoma, Tansania

Strasser im Regen in Dodoma, Tansania

20.2.2016

Dünne Haut

Wenn du ohnehin schon schlecht sitzt, bekommt dir Regen gar nicht. Die emotionale Achterbahn geht ­weiter. Wenn du etwas nicht ändern kannst, mach kein Problem daraus, sage ich mir vor. Ich will die Zeit des 5-Mann-Teams schlagen, das Kapstadt am 38. Tag erreicht hat. Hie und da würde ich gern reden, aber da ist niemand. 

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Tag 26: Kabwe, Sambia 

Strasser setzt Teil seines Bikes wieder zusammen in Kabwe, Sambia

24.2.2016

Material am Limit

15 platte Reifen, alle Lager abgenutzt, aber die elektronische Schaltung funktioniert: Ein Knopfdruck, und der Gang sitzt. Ein Segen, denn inzwischen machen mir nicht nur Knie und Sitzfleisch, sondern vor allem die Hände Probleme.

Tag 28: Lusaka, Sambia

Junger Einwohner am Fahrrad in Lusaka, Sambia

26.2.2016

Der Wert eines Bikes

Reich ist, wer ein Fahrrad hat und damit in die Schule fahren kann, zum Arzt oder auf den Markt. Ein Fahrrad lässt die Welt schrumpfen und vervielfacht die Möglichkeiten. Die Einheimischen schätzten den Preis meines Rennrades auf 100 Dollar, für sie eine unvorstellbar hohe Summe.

Tag 30: Serule, Botswana

Einwohner haben eine schwarze Mamba gefangen

28.2.2016

Schwarze Mamba

Zu Gast in der Wildnis: Zebras und Elefanten sind hier so alltäglich wie bei uns Hasen und Rehe. Die vier ­Meter lange Schwarze Mamba, gefährlicher und aggressiver als ihre prominente grüne Schwester, zuckt noch. Ich esse, was ich kriegen kann, hauptsächlich Reis mit Ketchup und Nudeln mit Salz und Öl, dazu Eiweißshakes mit Vitaminen und Mineralien. Mein Blutbild ist nicht so schlecht. Meine Oberschenkel werden dünn. Der Körper zehrt alles auf, was er nicht unbedingt braucht.

Tag 35: Kapstadt, Südafrika

Strasser hat das Kap der guten Hoffnung erreicht

4.3.2016

Zu früh zur Party

Noch schneller als ­gedacht erreiche ich das Ziel. Warten? Nein, durchfahren. Ein Autobahntunnel mit unfreiwilliger Polizeieskorte als letztes Highlight, kurz nach Mitternacht stehe ich an der Waterfront. Emotionaler Zustand? Überforderung. Ich schlafe nicht im ­Hotel, sondern im Bus wie die 34 Nächte zuvor.

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10 2016 The Red Bulletin

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