Peter Henke

„Ihr sollt schreien!“

Interview: Manuel Kurzmann 
Bilder: Norman Konrad

Die Top Ten sind das Ziel: Deutschlands bester Freeride-Mountainbiker Peter Henke fordert beim Red Bull District Ride in Nürnberg die Weltspitze. Vorbereitet hat er sich unter anderem mit Mario Kart.

Peter Henke ist 21 Jahre alt und stammt aus Ingelheim. Als Neunjähriger versuchte er sich erstmals an Dirtjumps. Im Freeride Mountainbike World Tour-Gesamtranking 2013 landete er auf Platz zehn.

Vorbereitung auf den Saison-Höhepunkt:

Peter Henke mit einem Flatspin 360 beim Training in Terre Rouge, Frankreich.

Beim Red Bull District Ride in Nürnberg trägt er am 5. und 6. September die deutschen Hoffnungen – vor allem freuen sich die Fans auf seinen Double Backflip. „Technisch ist der gar nicht so tricky“, sagt Henke im ­Interview, „dafür umso gefährlicher.“

THE RED BULLETIN: Darf man Peter Henke vor dem Start zu einem Run ­ansprechen?

Peter Henke: Besser nicht. Da bin ich dann doch ein wenig aufgeregt und lieber in mich gekehrt. Ich wäre auch kein guter Gesprächspartner. Gedanklich bin ich da schon auf der Strecke.

Beim Red Bull District Ride wird das mit der Ruhe ein wenig kompliziert: Da flippen 50.000 Fans aus, wenn du am Start stehst. Sollen wir die Leute um Ruhe bitten? Quiet, please?

Haha, nee, die sollen ruhig schreien. Ich kenn die Situation schon von den X Games 2013 in München. Damals hat der Heimvorteil geholfen, ich wurde Neunter.

Bist du vor dem Start gar nicht aus der Ruhe zu bringen?

Doch. Einmal ist mir ein Gedanke durch den Kopf geschossen: „Mist, wo hast du dein iPhone hingelegt?“ Dabei war’s noch in meiner Hosentasche.

Und du hast einen Sicherheitslauf hingelegt, dass dem Handy nichts passiert?

Neeein, natürlich nicht. Der Lauf war dann auch ziemlich gut.

Was ist der schwierigste Trick in deinem Repertoire?

Der Double Backflip. Also, um genau zu sein, ist er technisch gar nicht so tricky. Dafür umso gefährlicher. Und braucht richtig viel Überwindung. Wenn du zögerst oder den Bewegungsablauf vermasselst, stürzt du böse. Das Wichtigste: nicht nachdenken, einfach machen.

Magst du den ersten oder den zweiten Run lieber?

Hm. Der zweite wird heftig, wenn du den ersten Lauf verbockt hast. Der erste dient dazu, Sicherheit zu gewinnen und mit einfacheren Tricks einen soliden Score vorzulegen. Klappt das nicht, hast du im zweiten Lauf massiv Druck. Vor allem in der Quali: Da fliegst du raus, wenn du nach einen Durchschnitts-Run beim ­letzten Sprung nicht noch mal einen auspackst. Der Gedanke daran kann dich ­völlig aus dem Konzept bringen.

Klingt nicht sehr angenehm, wenn man sich auf den letzten Sprung vorbereitet und dann nachzudenken beginnt … Kann man das nicht ausschalten?

Die einzige Möglichkeit ist: trainieren, trainieren, trainieren. Bis die Sprünge so sitzen, dass alles wie im Film abläuft. Nur: Die Wettkampfsituation ist nervlich halt noch einmal eine andere Nummer. Und manchmal hat man einfach Pech – das Bike kann Probleme machen, oder du kannst wegrutschen.

„Druck spürst du schon in der Quali: Ein Durchschnitts-Run reicht nicht.“


Beim Red Bull District Ride sind Allrounder-Qualitäten gefragt. Es gibt Hangpassagen, große Sprünge, kleinere Kicker aus Erdhügeln und Park-Elemente mit einer Quarterpipe. Ist da ­irgendwo ein mulmiges Gefühl?


Das wird wohl der Skatepark sein, weil ich Sprünge lieber habe. Da sollte ich mir noch was überlegen. Im Moment muss ich aber ohnehin erst einmal wieder in Topform kommen.

Noch wegen der vor vier Monaten ­gebrochenen Rippe?

Ja. Und Anfang Juli bin ich beim Crankworx in Les Deux Alpes wieder gestürzt. Das war für den Heilungsprozess nicht eben optimal. Ich hätte dort noch nicht an den Start gehen sollen – aber du weißt ja: Wichtiger Wettkampf, will man nicht auslassen, und die paar Schmerzen blendet man aus. Hat man ja gelernt.

Deutschlands Beitrag zur Freestyle-MTB-Weltklasse: Peter ­Henke, 21, Spezialist für „Mario Kart“ und Double Backflips.


Du bist seit elf Jahren Mountainbiker. Was hat sich da denn schon an Ver­letzungen angesammelt?


Diverse Brüche, eben die Rippe, dann zweimal der Arm, der linke Mittelhandknochen, Kreuzbandeinriss, zertrümmerte Kniescheibe. Kleinigkeiten wie Prellungen, Bänderzerrungen und leichte Gehirn­erschütterungen zählt man nicht.

Nie Lust gekriegt auf ­einen weniger riskanten Sport?

Ach, so wild ist es ja nicht. Mein Bruder Felix spielt Handball und war schon ­wesentlich schlimmer verletzt als ich.

… die Henke-Brüder bei gemeinsamer Reha auf der Wohnzimmercouch?

Hehe, genau. Wir hatten so eine Situation erst vor ein paar Monaten: Er hatte sich beim Snowboarden die Schulter komplett zerstört, und ich hatte ein geprelltes Knie, das höllisch wehtat.

Wie habt ihr die Zeit totgeschlagen?

Wochenlang „Mario Kart“ zocken auf der Wii. Im Nachhinein eigentlich eine superlustige Zeit.

Mit welcher Platzierung wärst du beim Red Bull District Ride zufrieden?

Alles unter den Top Ten wäre perfekt. Und das habe ich auch drauf.

Wer ist der Topfavorit?

Der Kanadier Brandon Semenuk fährt im Moment unfassbar konstant. Und Thomas Genon aus Belgien kann alles, auch Skateparks. Das ist grad beim Red Bull District Ride, wo es um die Vielfalt des Freeride-Mountainbikens geht, ein Riesenvorteil.

Red Bull District Ride

Event:
Vorletzter Stopp der FMB Diamond Series, der Champions League der Freeride-Mountainbiker. Schauplatz: die Nürnberger Innenstadt von 5.-6.September.

Kurs:
Extrem herausfordernd. Mit Slopestyle, Big Air, Park und Dirt Jump werden gleich vier Disziplinen vereint. Allrounder-Qualitäten sind also gefragt!

Programm:  
Freitag, 16.45 Uhr: Quali 1;
18 Uhr: Best Trick Contest;
Samstag, 11 bis 12.30 Uhr: Quali 2;
15 bis 17 Uhr: Finale.

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09 2014 The Red Bulletin

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