Raphael Honigstein über den Aufstieg von Scouting-Apps

Der Aufstieg von “Scouting Apps“ und wie auch du entdeckt wirst

Text: Raphael Honigstein
Foto: Wikimedia Commons/Montage

Traditionelles Scouting bekommt Konkurrenz. Dank Apps wie „Dream Football“ kann jeder in weit entfernten Ecken der Welt nach Talenten Ausschau halten. Und auch dein Durchbruch als nächster Ronaldo ist nur einen Klick entfernt.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Als digitales Werkzeug für die Demokratisierung des Scoutings im Fußball könnte man „Dream Football“, eine neue App zum Entdecken von Talenten, bezeichnen. Ironischerweise stand dann allerdings doch zunächst die analoge Strahlkraft der Prominenz im Vordergrund, als Luis Figo das Projekt letzte Woche beim Web Summit in Lissabon vorstellte. Bei seinem kurzen Gang vom Vorbereitungsraum zum Rednerpult wurde der 44-jährige frühere portugiesische Nationalspieler und Star von Barcelona, Real Madrid und Inter Mailand von Dutzenden von Fans belagert, die alle ein schnelles Selfie verlangten.

Auf der Bühne war Figo so geschmeidig wie als Aktiver, als er die Idee hinter der App erklärte, die er zusammen mit João Guerra begründet hatte. Sie solle sicher stellen, „dass kein Talent, egal auf welchem Niveau und in welcher Gegend es spielt, zurückgelassen wird.“ Spieler jeden Levels und Alters können Videos mit eigenen Highlights hochladen, mit Hilfe von Klicks auf der Seite Fuß fassen und schließlich die Aufmerksamkeit von Scouts und Vereinen auf sich ziehen. Und das alles kostenlos.

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„Für die am höchsten bewerteten Spieler werden wir zusätzlich eine Einschätzung von Figo und Dream Footballs Expertenteam anbieten,“ erklärte Guerra. Anscheinend gibt es bereits einen ersten Erfolgsfall zu vermelden.

Matias Antonini Lui, ein brasilianischer U17-Nationalspieler der aktuell für die U19 von Cagliari in Italien spielt, wurde gescoutet, nachdem er Videos von sich selbst auf der „Dream Football“-Website hochgeladen hatte. Diese war bereits einige Jahre vor der App gelauncht worden, gab Guerra zu Protokoll.

Spieler in abgelegenen, klassischerweise wenig von Scouts beobachteten Märkten wie Asien, Afrika oder Australien sollten theoretisch am meisten von dieser Chance auf Publikum profitieren. Guerra nannte das Beispiel von Rhain Davis aus Brisbane, Australien, den Manchester United 2007 als Wunderkind unter Vertrag genommen hatte, nachdem man Videos von ihm auf YouTube fand. „Der nächste Wayne Rooney“, wie die „New York Times“ damals ausrief, war zuletzt nur höchst selten auf dem Platz zu sehen - er spielt inzwischen für Altrincham FC in der fünften englischen Liga.

„Spieler in abgelegenen Märkten wie Asien, Afrika oder Australien sollten theoretisch am meisten von dieser Chance auf ein Publikum profitieren.“

Spätentwickler wie Leicester Citys Jamie Vardy, der bis zu seinem 23. Lebensjahr für die achtklassigen Stocksbridge Park Steelers auf Torejagd ging, oder Borussia Mönchengladbachs Andre Hahn, der sich in seinen frühen Zwanzigern den Weg von der vierten Liga in die Bundesliga bahnte, könnte man mit Hilfe der neuen Technologie ebenfalls früher identifizieren.

Ob „Dream Football“ die entscheidende Plattform für Scouting wird, wird sich zeigen müssen, aber es besteht kein Zweifel, dass sich der Prozess der Talentfindung dank Seiten wie WyScout weiter in Richtung Internet verschieben wird.

Schalke 04 trennte sich kürzlich von einem Großteil seines traditionellen Scoutingnetzwerks und engagierte stattdessen eine Armada von Sportwissenschaftsstudenten. Sie sind speziell darauf trainiert, Spieler, die zum Verein passen könnten, herauszufiltern, wenn sie Spiele aus allen relevanten Ligen studieren. Sie erhalten einen kleinen Obolus für ihre Arbeit, werden aber mit hohen Bonuszahlungen bedacht, wenn der Klub auf eine ihrer Empfehlungen hin aktiv wird. Es sei ein viel effizienterer Einsatz von Ressourcen, erklärt jemand aus dem Vereinsumfeld der Königsblauen, weil man nicht mehr Dutzende von Spähern quer über den Globus fliegen muss, um Spiele vor Ort zu beobachten.

 

When Luis figo and Ronaldinho Gaúcho take the ...

When Luis figo and Ronaldinho Gaúcho take the stage! "Do footballers make good entrepreneurs?". Yes...they definitely do! #DreamFootball #WebSummit

Der verbesserte Informationsfluss wird die Internationalisierung des Fußballs voranbringen, wobei sich interessanterweise auch eine kleine Gegenbewegung in Gang gesetzt hat. Der deutsche Rekordmeister Bayern München hat seine Scoutingaktivitäten deglobalisiert, der neue Schwerpunkt liegt auf München, anliegenden Ortschaften und dem Freistaat Bayern. Der Talentpool in der Nachbarschaft wird als so stark erachtet, dass vierzehn Scouts ausschließlich damit beschäftigt sind, die Stars von Morgen vor der eigenen Haustür zu finden.

Natürlich macht diese extrem lokale Herangehensweise nur in bestimmten Regionen Sinn, da wo viele qualitativ starke Talente produziert werden, und auch nur für einige wenige Klubs der Elite. Um lokal einkaufen zu können braucht es Geld und Schlagkraft. Für die überwältigende Mehrzahl von weniger gut betuchten Vereinen wird die neue Technologie die Jagd nach ausländischen Hoffnungsträgern sowohl einfacher als auch schwerer machen. Die größere Sichtweite erhöht das Angebot, aber damit auch den Konkurrenzkampf. Schnäppchen werden somit in Zukunft noch seltener.

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10 2016 The Red Bulletin

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