Yann Eliès - Französischer Segler in der Vendée Globe

Yann Eliès: „In akuter Gefahr wirst du zum Tier“

Text: Alexander Macheck, Arek Piatek und Pierre-Henri Camy
Foto: ALEXIS COURCOUX

Der französische Segler Yann Eliès erlebte bei der Vendée Globe, der härtesten Regatta der Welt, die dramatischsten Stunden ­seines Lebens. Im Interview erinnert er sich.

THE RED BULLETIN: Vendée Globe 2008: Vor Australien prallte Ihr Boot so heftig gegen eine Welle, dass Sie über Bord gingen – ein Albtraum für jeden Segler.

YANN ELIÈS: Ich hatte den Wellengang unterschätzt, war mit 20 Knoten (ca. 37 km/h; Anm.) unterwegs, zu schnell. Der Aufprall ließ mir keine Chance zum Reagieren, er kickte mich ins Wasser. Zum Glück war ich am Schiff angeseilt. Wäre ich das nicht gewesen, würde ich jetzt nicht mit Ihnen sprechen.

Was war Ihr erster Gedanke beim Auftauchen?

Du denkst nur: „Zurück aufs Boot.“ Doch ich hatte mir beim Sturz den Oberschenkel gebrochen. Das machte die Rückkehr auf die Yacht immens schwierig, die Schmerzen waren unsagbar. 

Vendée Globe Yacht Racing

Die Véende Globe ist die extremste Hochsee-Regatta der Welt. Wer bestehen will, muss Stürme, Wellengebirge, eisige Kälte, Einsamkeit und Schlafmangel überleben

© OLIVIER BLANCHET/DPPI

Wie gelang es Ihnen, dennoch ins Cockpit zu klettern? 

In Lebensgefahr entwickelst du Kräfte, von ­denen du nichts wusstest. Das ist wirklich so. Ein Urinstinkt, der dich packt, du wirst zum Tier. Und du willst nur eins: überleben. Irgendwie zog ich mich, vor Schmerz schreiend, an der Reling an Bord. Ich kroch ins Cockpit und orderte Hilfe übers Satellitenhandy.

„In Lebensgefahr entwickelst du Kräfte, von ­denen du nichts wusstest. Ein Urinstinkt, der dich packt, du wirst zum Tier.“

Es folgten 36 Stunden qualvollen Wartens, bis ein Marineschiff Sie bergen konnte. Wie hält man das durch?

Ich telefonierte mit dem Renn-Arzt, und er half mir aus der Ferne, das Bein zu schienen. Dann pumpte ich mich mit Schmerztabletten voll. Trotzdem war das Warten die Hölle. Jede kleinste Bewegung war eine Tortur. Mut machte mir nur Skipperkollege Marc (Guillemot, der damals ebenfalls an der Vendée Globe teilnahm; Anm.), mit dem ich per Funk kommunizierte. Seine Worte hielten mich bei Kräften.

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11 2016 The Red Bulletin

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