White Maze: Der Film zur Erstbefahrung des Gora Pobeda

The White Maze: Ski-Abenteuer im sibirischen Nirgendwo

Fotos: Jonas Blum
Text: Werner Jessner

Willst du neues Terrain erobern, vertraue auf das Wissen der Einheimischen: was wir von der Story hinter der Erstbefahrung des höchsten Berges Ostsibiriens für den nächsten Urlaub lernen können.

Es verspricht nicht nur einer der spektakulärsten, sondern auch einer der menschlich feinsten Bergabenteuer-Filme dieses Winters zu werden: Zwei Alpinisten, nämlich der (noch immer) erfolgreichste österreichische Freeride-Pro Matthias „Hauni“ Haunholder und sein Kompagnon Matthias Mayr, wagen den Trip auf den Gora Pobeda („Berg des Sieges“), einen Gipfel im Nirgendwo: 3003 Meter hoch, 1300 Kilometer vom nächsten Flughafen entfernt. 

Warum ein so fernes Ziel, Matthias Mayr? „Wir waren auf dem Rückflug von einer früheren Expedition, als wir über Sibirien nach Hause flogen. Sibirien: Da hat wohl jeder Europäer das Bild von ewig weiten verschneiten Ebenen vor sich. Und dann siehst du aus deinem Fenster stundenlang nur Berge, ein weißes Labyrinth.

Daher auch der Filmtitel ‚White Maze‘. Da müsste man doch Ski fahren können, haben wir mehr im Spaß zueinander gesagt. Als wir im Jahr darauf tatsächlich dort waren, hatten wir noch immer keine Ahnung, was uns in dieser Fremde erwarten würde.“

Die „The White Maze“ feierte am 8. Oktober in Los Angeles Weltpremiere.

© youtube // Outside Television

Schauen wir uns den Begriff „keine Ahnung“ ein wenig genauer an. Dass sich der kälteste bewohnte Ort der Erde in der Region befindet, ist schnell herausgefunden, genau wie Jakutsk als nächstgelegener Flughafen, schlanke 1300 Kilometer entfernt.

Die Helden des Pobeda

Die österreichischen Sportwissenschaftler und Freeride-Pros Matthias „Hauni“ Haunholder und Matthias Mayr, gehören zu den renommiertesten Filmemachern unter den Berg-Abenteurern.

Ihre Filme, deren Hauptdarsteller sie sind und die sie auch selbst konzipieren, promoten und produzieren, sind keine klassischen Ski-Pornos, sondern fokussieren auf das Entdecken neuer, noch nicht mit Skiern eroberter Regionen sowie auf das Zwischenmenschliche am Berg.

Gemeinsame Werke sind etwa „Onekotan – the Lost Island“ über eine unbewohnte Insel im Niemandsland zwischen Japan und Russland oder „Aotearoa“ über Freeskiing in Neuseeland. 

Schwieriger ist es mit detailgetreuen Karten von Ostsibirien, weil es zwischen den hunderte, oft tausende Kilometer entfernten Städten nichts Kartografiewürdiges zu finden gibt außer Flüsse, Gebirgszüge und die eine oder andere Straße.

Bevölkerungsdichte: etwa ein Mensch pro Quadratkilometer. In Summe keine Voraussetzungen, um eine Erstbefahrung seriös planen zu können. Auch die vermeintliche Wohnzimmer-Wunderwaffe Google Earth liefert von Ostsibirien nur grobe Auflösungen.

Einzige Lösung also: „Wir mussten vorab lokales Wissen aufstöbern – und mit viel Glück eine alte Militärkarte der UdSSR.“

Erste Anlaufstation war ein Ein-Mann-Reiseunternehmen mit einem englisch sprechenden Ostsibirier, aufgestöbert über Facebook. „Gewohnt freundlich, aber von Bergen null Ahnung.“ 

Matthias „Hauni“ Haunholder, 36, und Matthias Mayr, 35

Matthias „Hauni“ Haunholder, 36, und Matthias Mayr, 35 in Sibirien

Aber er stellte den Kontakt zu einem Landsmann her, der neben Russisch und Englisch auch perfekt Deutsch und Jakutisch sprach und von einer Nomadenfamilie gehört hatte, die in der Nähe des Gebirgszuges ihr Winterlager aufgeschlagen hatte. 

Was die Sache noch besser machte: Er hatte jenen Mann gefunden, der mit seinem russischen Kleinbus regelmäßig die 1300 Kilometer zu den Nomaden zurücklegte, um sie mit dem Notwendigsten zu versorgen und hie und da Menschen in die Großstadt zu bringen, etwa wenn diese einen Arzt benötigten.

Mayr und Haunholder mit Kontaktmann

Fragen, beraten, entscheiden: Gemeinsam mit den Einheimischen und Kontaktmann Bolot suchen Hauni und Matthias Wege auf den majestätischen Berg, den kein Einheimischer je bezwungen hat. 

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Matthias: „Damit wussten wir immerhin, wie wir in die Nähe des Berges kommen könnten. Unser nächster Schritt war nun, einen jener mystischen Typen aufzutreiben, die in den 1980er Jahren tatsächlich am Gora Pobeda gewesen waren.

Auch das ist uns schließlich gelungen. In der Sowjet-Zeit sind in Summe um die 50 Soldaten mit Transport-Hubschraubern an den Berg geflogen, die dabei mehrfach aufgetankt wurden. Das war die ‚Erstbesteigung‘.“

Die Faktenlage war trotzdem noch dünn. Man musste mit den Nomaden sprechen, die 1300 Kilometer entfernt in ihrer Blockhütte überwinterten. 

Die weiße Wüste Sibiriens

„Wer gesehen hat, wie die Russen ihren Alltag meistern, wird sich nie wieder über einen Stau auf der Autobahn aufregen.“

Also rein in den Kleinbus, und kaum 42 Stunden später, in denen unsere Freunde nicht mehr wussten, wie sie sitzen oder liegen sollten, der Fahrer in Summe nur zwei Stunden über das Lenkrad gebeugt schlief und der Dolmetsch stoisch wie ein Mönch blieb, nach mehrmaligem Steckenbleiben im Schnee und der Bergung eines Straßenkameraden, der ansonsten wohl erfroren wäre, weil ihm zuerst das Benzin und dann die Wärme ausgegangen wäre (bei einer Außentemperatur von 68 Grad unter dem Gefrierpunkt), war man auch schon da. 

„Wie hart die Russen zu sich selbst sind, vor allem jene, die noch die Sowjet-Zeit erlebt haben, konnten wir uns vorher nicht vorstellen. Wer gesehen hat, wie die ihren Alltag meistern, wird sich nie wieder über einen Stau auf der Autobahn aufregen.“

Gute Kameradschaft

Kameradschaft ist ein hoher Wert in der Eiswüste Sibiriens. „Bei durchschnittlich einem Menschen pro Quadratkilometer gibt man ganz anders aufeinander acht als in einer vollen U‑Bahn oder einer anonymen Großstadt“, sagt Matthias Mayr.

Die Nomadenfamilie – drei Generationen und 15 Personen stark – wunderte sich zwar über die Europäer, die einen Berg besteigen wollten, auf dem noch nie einer von ihnen gewesen war, noch dazu mit Skiern, aber sie waren freundlich und versprachen Unterstützung in Form ihrer Rentierschlitten, um den Anmarsch zum Berg zu verkürzen:

Schlittenfahrt

„Wahrscheinlich waren wir ihnen sympathisch. Reisenden wird überall auf der Welt gern geholfen, wenn sie um Hilfe bitten, das ist unsere Erfahrung.“ 

Kleinere Auffassungsunterschiede gab es hauptsächlich bezüglich der Definition von Skifahren: „Hermann Maier kannten sie nicht, dafür aber Dominik Landertinger, den österreichischen Biathleten.“ Wie das? „Sie mögen zwar in der Ostecke von Sibirien wohnen, aber nicht hinterm Mond. Und Biathlon ist in Jakutien deutlich populärer als Alpinskilauf.“

Letzter Tipp der Nomaden: Spätestens am 9. Mai müsste die Expedition wieder vom Berg retour sein, denn andernfalls würden die Flüsse, die natürlichen Verkehrswege im Winter, aufzutauen beginnen, womit sie für die nächsten Monate unpassierbar wären. Matthias Mayr: „Ohne diese Information wären wir hoffnungslos gescheitert.“

„Reisenden wird überall auf der Welt gern geholfen, wenn sie um Hilfe bitten, das ist unsere Erfahrung.“
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Als erprobten Alpinisten war Mayr und Haunholder klar, dass man möglichst spät im Frühjahr aufbrechen wollte, um dem extrem trockenen, bodenlosen Schnee eine Chance zu geben, sich zu setzen.

„Es gibt Gebiete, in denen wir besser Bescheid wissen als alle anderen. Schnee. Hänge. Lawinen. Was ist fahrbar, was nicht. Das ist unser Metier. Hier lassen wir uns nichts dreinreden. Diese Entscheidungen treffen Hauni und ich, sonst keiner. Bei den anderen Entscheidungen verlassen wir uns auf Einheimische, auf Profis ihres Fachs.“

„Bei Sibirien denkt der Europäer an endlose verschneite Ebenen. Das zeigt, wie wenig wir eigentlich Bescheid wissen und wie viel es zu entdecken gibt.“
Aufstieg

350 km vom Gora Pobeda entfernt endet die letzte Straße. Das Tscherski-Gebirge, zu dem der Pobeda gehört, ist mit 1200 Kilometern länger als die Alpen. Der Flughafen von Jakutsk ist 1300 Kilometer entfernt. Jeder Fehltritt hätte also fatale Folgen.

Dazu bringt er folgendes Beispiel: „Natürlich haben alle Jakutier, die wir getroffen haben, gesagt, dass das, was wir machen wollen, unmöglich ist. Man kann nicht auf diesen Berg steigen, man kann nicht mit Skiern runterfahren. Das hat uns nicht interessiert. 

Vielmehr: Gibt es Wind, der den Schnee presst? Über welches Tal müssen wir uns der Flanke des Berges nähern? Wie sieht es mit Sonneneinstrahlung aus? Wie viel Schnee liegt? Wie sieht der Untergrund im Sommer aus: Steine, Felsen, Bewuchs?

Diese objektiven Fakten liefern uns die Entscheidungsgrundlage für unser Tun. Wir können nicht wie die Nomaden Jahrzehnte in der Region verbringen, um die Fakten selbst zu sammeln. Unser Job ist, sie korrekt zusammenzusetzen.“

Ewiger Aufstieg

„Erst am vergletscherten Teil wurden die Bedingungen besser. Weiter unten ist der Schnee so trocken und pulvrig, dass wir im Biwak auf unseren umgedrehten Skiern schlafen mussten, um nicht zu versinken.“

Als der Trupp Ende April zur tatsächlichen Expedition aufbrach, machte sich die penible Recherche bezahlt. Alles lief nach Plan – bis man bei den Nomaden ankam: „Die Rentiere fehlten. Offensichtlich waren sie aufgrund der Klimaerwärmung früher als in den letzten Jahrzehnten munter geworden, die Herde war bereits in Bewegung, erste Kühe waren bereits trächtig. Unser im Jänner geschlossener Deal war hinfällig. Doch mit ihren alten Motorschlitten haben sie uns so weit gebracht, wie es eben ging.“

Für die zwei Kilometer, die dem Absteigen folgten, brauchte die Expedition sechs Stunden und geriet dabei an den Rand der Erschöpfung. Der Schnee war wie Schaum, boden- und konturlos. Nur Rentiere kommen mit solchen Bedingungen klar – wenn sie eben noch da sind.

Die Südseite des Berges

Die Abfahrt vom Gipfel über die Südseite war kein reines Vergnügen. „Der Schnee war eine Katastrophe“, sagt Matthias Mayr. Daran änderten auch die vorsorglich eingesetzten extrabreiten Powder-Ski wenig.

Lernen wir daraus, dass man auf Reisen, im Gebirge und in kritischen Situationen selbst langjähriges Einheimischen-Wissen hinterfragen muss, Matthias Mayr?

„Hinterfragen muss man alles, selbstverständlich. Aber ohne das alte Wissen der Einheimischen wären wir unserem Ziel – das wir schließlich ja auch erreicht haben – nicht einmal nahe gekommen. Man muss nicht alles selbst erfinden. Es ist keine Schande, Fragen zu stellen. Nicht am Gora Pobeda und nicht im Leben. Das ist es, was ich aus Jakutien für mich mitgenommen habe.“

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11 2016 The Red Bulletin

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