Red Bull Tri Islands

Crashkurs für Triathleten: So bewältigst du Red Bull Tri Islands

Foto: Flo Hagena/Red Bull Content Pool
Text: Alex Lisetz

Wie du durchhältst, wenn dich Strömung und Gegenwind quälen: ein Crashkurs mit den Champions von Red Bull Tri Islands, dem ­härtesten Triathlon der Nordsee.

Die Muscheln rund um Amrum, Föhr und Sylt brauchen zwei Wochen, um das komplette Wasservolumen des Wattenmeers zu filtern. Jonas Schomburg, 22, filterte in den letzten zweidreiviertel Stunden allen Sauerstoff aus der Luft über Amrum, Föhr und Sylt. Zumindest fühlt es sich in diesem Moment für Sebastian Kienle, 32, so an. Seine Lungen brennen vor Sauer­stoffnot, während er mit dem letzten Abschnitt der Laufstrecke des Red Bull Tri Islands kämpft, drei Kilometer auf Sand am Hörnumer Strand.

Der muskulöse Welt- und Europameister sinkt bei jedem Schritt auf dem unebenen Untergrund tief ein, verliert bei jedem Abstoß Schwung. Anders Jonas Schomburg, ein Leichtgewicht, langbeinig, zehn Jahre jünger. Der hat extra für heute Strandläufe trainiert. Auf den letzten hundert Metern legt er noch einmal zu und gewinnt Red Bull Tri Islands, genau wie beim Debüt des Events im Vorjahr.

Red Bull Tri Islands - Landkarte

Ein Triathlon wie kein anderer

Vier Stunden vorher lauscht Sebi Kienle inmitten einer Traube von Hobby-Athleten der Vorbesprechung des Bewerbs.

Auf dem Papier sieht alles einfach aus:

  • 2,5 Kilo­meter Schwimmen
  • 40 Kilometer Radfahren
  • 10 Kilometer Laufen

… so was spult ein Langdistanz-Spezialist wie er nor­malerweise vor dem Frühstück runter.


Aber Red Bull Tri Islands ist ein Triathlon, bei dem herkömmliche Triathlon-Regeln außer Kraft gesetzt sind. Daran erinnert Jan Regenfuß, der Sportliche Leiter des Wettkampfes, noch einmal bei seinem Briefing vor dem Start. 

„Beim Schwimmen müsst ihr mit den Prielen klarkommen, den unterirdischen Strömungen im offenen Meer“, brüllt er in sein Megaphon, „beim Radfahren mit dem steifen Nordseewind. Und beim Laufen müsst ihr zweimal durch tiefen Sand und einmal über eine steile Düne.“

Red Bull Tri Islands

Amrum, 14 Uhr: 600 Athleten stürzen sich in die Nordsee. Es wäre klug, jetzt noch Kräfte zu sparen. Doch da sind die Wellen, die Strömung und der Knockout-Modus.

© Phil Pham/Red Bull Content Pool

Gerade ist Regenfuß mit den Athleten bei schlammigem Niedrigwasser von Föhr nach Amrum gewandert, drei Stunden lang. Nicht gerade die ideale Vorbereitung für einen Triathlon. Trotzdem verpflichtend für jeden, der heute von Insel zu Insel zu Insel, von Amrum über Föhr nach Sylt, will. 

„Der Sand, der Wind und die Strömung sind aber nicht euer größtes Problem“, fährt Regenfuß fort. Kurze dramatische Pause, dann: „Um von der Radstrecke auf Föhr zur Laufstrecke nach Sylt zu kommen, müsst ihr eines unserer Boote kriegen. In jedes Boot passen aber nur zwölf Leute. Und das letzte Boot fährt um 17 Uhr.“ 

Im Klartext: Wer als Erster in ein Boot steigt, muss warten, bis ihn elf Athleten eingeholt haben, ehe er übersetzen darf. Und wer nach 17 Uhr am Steg ankommt, ist raus.

Taktieren oder immer am Anschlag?

Dieser natürliche Knockout teilt das Teilnehmerfeld in zwei Leistungsgruppen. Die Top-Leute, die beim Schwimmen und Radfahren nur einen Top-12-Platz anpeilen müssen und erst nach der Überfahrt in den roten Bereich gehen. Und alle anderen, die beim Schwimmen und Radfahren alles geben müssen, weil sie ein 13., 25., 37. Platz am Bootssteg Minuten kosten kann. „Vollgas bis zum Kotzen“, formuliert die Ulmerin Zuzka Bernhardt, 27, später Fünfte bei den Damen, diese Taktik. Viele folgen ihrem Beispiel, denken: „Am Boot kann man sich ohnehin ausruhen.“ 

Überraschenderweise verzichtet auch Jonas Schomburg aufs Taktieren. Er steigt als Erster aus dem Wasser, als Erster vom Rad, als Erster ins Boot. Dort muss er minutenlang warten, bis das Boot voll ist.

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„Aber wenn ich erst mal im Wettkampfmodus bin“, sagt er, „kann ich nicht weniger als hundert Prozent geben.“ 

Als er ins Ziel läuft, sind drüben in Amrum gerade die letzten Boote unterwegs. An Bord herrscht Klassenfahrt­stimmung. „Ich wollte nur das Zeitlimit für das Boot schaffen, jetzt kann ich ganz locker ins Ziel laufen“, sagt ein Geschäftsmann aus Kiel. Ein gebürtiger Friese freut sich, seinen Jugendtraum wahr gemacht zu haben. „Ich wollte schon immer mal von einer unserer Inseln zur nächsten schwimmen“, sagt er. Und überhaupt sei es toll, sich bei diesem Event mit einem Weltstar wie Kienle messen zu dürfen. „Mit Ronaldo kannst du nicht einfach mal kicken gehen.“

Red Bull Tri Islands

© Ingo Kutsche/Red Bull Content Pool

Auch im Ziel sind Stars und Jeder­männer unmittelbar nach der Siegerehrung nicht mehr unterscheidbar. „Wir sind alle vom gleichen Schlag, auch wenn manche früher und manche später ins Ziel kommen“, sagt Sebastian Kienle bei der Feier. 

Jonas Schomburg ist da schon zurück in seiner Zwei-Quadratmeter-Suite. „Wir konnten kein Zimmer mehr finden“, sagt er, „darum haben mein Bruder und ich vor dem Rennen im Autokofferraum gepennt.“ Er startet das Auto, heute warten noch ein paar hundert Kilometer Fahrt. Doch wenn er eines kann, ist es das: weitermachen, bis er am Ziel ist.

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10 2016 The Red Bulletin

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