Raphael Honigstein über die FIFA-Reformpläne der Fußball-WM

Die wahnsinnigen WM-Reformpläne der FIFA

Text: Raphael Honigstein
Foto: Wikimedia Commons/Montage

48 Teams? 16 Dreiergruppen? Elfmeterschießen bei Unentschieden in der Vorrunde? Raphael Honigstein analysiert die Pläne, die Fußball-WM zu revolutionieren, und verrät, wer als einziger die Macht hat, diesen „Wahnsinn“ zu stoppen.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Vier Reformideen für eine runderneuerte Weltmeisterschaft wurden am 8. Dezember in Singapur präsentiert und, wie sollte es anders sein, die Vertreter der Nationalverbände Asiens, Ozeaniens und Europas befürworteten die schlechteste aller Alternativen: Ein Fußball-Turnier mit 48 Mannschaften in 16 Gruppen mit jeweils drei Ländern. „Eine sehr, sehr große Mehrheit ist für die Regelung mit 48 Mannschaften in 16 Dreiergruppen,“ sagte Gianni Infantino zufrieden.

Der FIFA-Präsident dürfte ein solches Votum erwartet haben. Die Expansion auf 48 Teams und ein Modus, der jedem Teilnehmerland mindestens zwei Spiele garantiert, würden stets auf offene Ohren treffen. Mehr Mannschaften bedeutet eine bessere Aussicht auf Qualifikation, auf Teilnahme und auf Profitabilität. Emotionslos betrachtet könnte man sagen, die Vertreter der Landesverbände waren nahezu verplichtet, dieses Format zu unterstützen. Es ist ihr ureigenes Interesse, die sportlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten auszureizen.

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Man kann durchaus für eine Ausweitung des Teilnehmerfeldes argumentieren. Die Mitgliedszahl der FIFA hat sich von 85 Ländern 1954 auf aktuell 201 Länder aufgebläht. Und nachdem die Mitglieder immer mehr wurden, haben mehr und mehr Länder ob des WM-Formats mit 32 Teilnehmern zurückstehen müssen. Es ist nur verständlich, dass sie gerne dabei wären, vor allem nachdem die UEFA ihre Europameisterschaft in diesem Jahr auf 24 Teilnehmer aufgestockt hat.

Unter dem Druck beider Seiten, von Verbänden die teilhaben wollen und Vereinen, die keine längeren Turniere wünschen, wurde die Idee der 16 Gruppen ins Leben gerufen, um alle zufrieden zu stellen. Das neue Turnier, so Infantino, wäre immer noch nach 32 Tagen abgeschlossen und Spieler hätten immer noch maximal sieben Spiele zu absolvieren, wenn sie für einen der vier Halbfinalisten auflaufen.

Paddy Power on Twitter

Gianni Infantino wants the World Cup to have 16 three-team groups. 48 countries, which means more average teams will qualify. GET IN! https://t.co/XhXgizlnaz

Trotzdem ist es ein Vorschlag von beinahe unverschämter Dummheit. Nie endende Korruptionsskandale und ausufernder Kommerzialismus haben es nicht geschafft, den Leuten die Lust auf die WM zu verderben, aber ein System, das gegebenenfalls die sportliche Integrität des Wettbewerbs ad absurdum führt, könnte das durchaus schaffen.

„Es ist ein Vorschlag von beinahe unverschämter Dummheit.“
Raphael Honigstein über die Reformidee

 

Denn hier ist das Problem. Infantinos Vorschlag folgend sähe eine typische Dreiergruppe bei der WM 2026 in etwa so aus:

  • Argentinien (Platz in der FIFA Weltrangliste: 1)
  • Niederlande (22)
  • Senegal (33)

Im ersten Gruppenspiel, trennen sich Argentinien und Senegal 1:1 unentschieden.

Im zweiten Spiel schlagen die Niederlande Senegal 2:0. 

Im dritten Spiel brauchen Argentinien und die Niederlande jeweils nur einen Punkt, damit beide weiterkommen und Senegal zum Opfer wird. Wie dürfte so ein Spiel aller Voraussicht nach ausgehen?

Die FIFA hat die Möglichkeiten der Wettbewerbsverzerrung merklich gesenkt, seit sie von 1986 an den letzten Spieltag der (Vierer-)Gruppenphase zeitgleich angesetzt hat. Seitdem gab es, mit Ausnahme der WM 2002, ruhige Turniere ohne wirkliche Schiebung auf dem Feld, in jedem Fall keine Wiederholung des Nichtangriffspakts von Gijon zwischen der Bundesrepublik und Österreich 1982.

Wenn die FIFA die Uhren wieder zurückdreht, riskiert sie die Gruppenphase zu einem Stimmungskiller zu machen. Es ist eine Sache, wenn die Vorrunden langweilig sind, weil so gut wie jeder weiter kommt (siehe EM 2016), aber noch mal eine ganz andere, wenn Spiele keinen Wettbewerbscharakter mehr haben, weil das Wissen um das perfekte Ergebnis den Siegeswillen eindämmt.

Am Freitag berichtete Martyn Ziegler von der Englischen „Times“, die FIFA überlege Elfmeterschießen in den Gruppenphasen einzuführen, um das oben geschilderte Szenario zu vermeiden. Es gäbe keine Remis mehr. Aber was passiert, wenn alle drei Teams jeweils ein Elfmeterschießen für sich entscheiden? Oder wenn sie jeweils ein Spiel 1:0 gewinnen? Die Gruppenphase würde zur Lachnummer.

Solch rein sportliche Bedenken werden sehr wahrscheinlich keinen großen Eindruck bei Infantino und den Verbänden hinterlassen. Die FIFA hört nur hin, wenn es um Geld geht. Also ruht die Hoffnung auf den Fernsehanstalten. Sie sollten in Zürich vorstellig werden, und zwar vor dem FIFA-Rat am 9. Januar, wenn das neue Format beschlossen wird. Die Sender müssen klar machen, dass sie diesen Wahnsinn nicht mitmachen.

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12 2016 The Red Bulletin

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