Rado Ceramica by Konstantin Grcic

Rado Ceramica - Gelobt sei, was kratzfest macht

Text und Interview: Gisbert L. Brunner
Foto oben: Rado/Gisbert L. Brunner/Montage

Nach 26 Jahren hat der Münchner Industriedesigner Konstantin Grcic der 1990 lancierten Rado Ceramica einen unübersehbaren Facelift verpasst. Alles über eine spannende neue Uhren-Generation.
Gisbert L. Brunner

Gisbert L. Brunner schreibt seit 1981 über Armbanduhren. Von ihm stammen mehr als 20 Bücher zu diesem Thema.
 

Wirklich geschmeidig geht das Wort nicht über die Lippen: Zirkonoxidkeramik. Aber dieser Werkstoff hat es in sich und ist in Technik, Engineering und Rehabilitationsmedizin beinahe unentbehrlich. Wer sich mit dem Basismaterial befasst, muss in den Archiven zurückstöbern bis ins Jahr 1789. Da entdeckte ein Mann namens Martin Klaproth das Zirkonium. Im Rahmen umfangreicher Mineralanalysen erforschte der deutsche Chemiker die Hintergründe des chemischen Elements, welches den Metallen zuzuordnen ist. Wer Zirkonium verarbeiten möchte, muss jedoch eine chemische Umwandlung vornehmen. Bekanntlich handelt es sich bei Keramiken um gebrannte Materialien. Der Vorgang des Brennens bringt jene Sauerstoffaufnahme mit sich, welche aus Zirkonium das Zirkoniumdioxid werden lässt. Und genau das verwendet die Industrie als Ausgangsstoff für unterschiedlichste „Zirkon“-Produkte.

Uhrenfabrikanten lernten Vorteile wie antiallergische Eigenschaften, Leichtigkeit, Kratz- und Verschleißfestigkeit erst in den 1980er Jahren kennen.

Zu den anerkannten Keramik-Pionieren gehören zweifellos Rado und IWC. Erstgenannte Uhrenmarke sorgte 1986 mit der „DiaStar Integral“ für Aufsehen. Aber dieser Zeitmesser besaß anfangs nur in Metall integrierte Keramik-Komponenten. Erst vier Jah­re später, 1990, gelang die Fertigung von Ge­häuse und Krone. Das Produkt hieß „Ceramica“.

Die schwarze „DaVinci“ mit ewigem Kalender debütierte im Herbst 1986. Für diese Armbanduhr hatten die Produktentwickler von IWC mit einschlägig erfahrenen Firmen zusammengearbeitet. Aufwändiger als die Herstellung des keramischen Gehäusekorpus gestaltete sich anschließend das Montieren der verschiedenen „Armaturen“, zu denen auch die beweglichen Bandanstöße gehörten.

Rado Integral and IWC DaVinci Keramik

Pioniere in chronometrisch genutzter Keramik: Rado „Integral“ und IWC „DaVinci“, beide 1986

© Rado/IWC - Montage: Gisbert L. Brunner

Mit der Verarbeitung der Ausgangsmaterialien zu Hochleistungskeramik verknüpfen sich wichtige Kriterien: die Reinheit des jeweiligen Pulvers und seine Korngröße. Gebräuchlich sind Körner von circa einem Tausendstelmillimeter, was in etwa einem Fünftel der Di­cke eines menschlichen Haares entspricht. Die anschließende Verarbeitung erfolgte anfänglich allein mit Hilfe von Pressverfahren und anschließendem Sintern oder per CIM.

Sintern meint das Verdichten und Zusammenhaften der winzigen Teile bei hohen Temperaturen mittlerweile jenseits von 1.400 Grad Celsius. Simplifiziert kann man den Vorgang im weitesten Sinne mit dem Backen eines Kuchens vergleichen. Hinter dem Buchstabenkürzel verbirgt sich Ceramics Injection Molding zur Fabrikation komplexerer und insbesondere auch präziserer Formen. In diesem Fall wird Keramikpulver zuerst homogenisiert, dann zu Gra­nulat verarbeitet und anschließend mit Hilfe eines Spritzgussverfahrens in Form gebracht. Am Sintern führt freilich auch hier kein Weg vorbei.

Genau wegen des letztgenannten Prozesses verlangen die die oben genannten Grundmaterialien nach geringen Beimengungen von Fremdstoffen. Abschließend erhalten fertige Keramikprodukte ihren seidigen Glanz durch das Polie­ren mit Diamantstaub. Spätestens jetzt treten größere Poren oder kleinste Fehler gnadenlos an die Öffentlichkeit. Und einen weiteren Aspekt gilt es ebenfalls zu beachten: das Schrumpfen der Gehäuseteile während des Sinterns. Welch böse Überraschung, wenn das geplante Uhrwerk plötzlich nicht mehr in die vorgesehene Schale passt.

Das Hightech-Material Keramik hält in der Tat einiges aus. Unsanfte Berührung mit scharfen Gegenständen nehmen Keramikschalen ebenso gelassen hin wie den schabenden Kontakt beispielsweise mit der Türklinke. Freilich gibt es auch die berühmte Kehrseite der Medaille. Der Werkstoff ist spröde. Stürze auf harte Flächen mag er gar nicht. Bedeuten sie doch leicht den Exitus der eigentlich dauerschönen Gehäuse.

Uhren-Timeline des Hauses Rado

Uhren-Timeline des Hauses Rado

© Rado - Montage: Gisbert L. Brunner

26 Jahre nach dem Lancement der ersten „Ceramica“ hat Rado am 24. August 2016 in München die neueste Generation dieses Klassikers vorgestellt. Für die Gestaltung des Newcomers holte das Mitglied der Swatch Group den 1965 geborenen Industriedesigner  Konstantin Grcic ins Boot. Von ihm stammen vorerst zwei unterschiedliche Herren-Modelle.

Rado Ceramica 1990 und 2016

Links Rado „Ceramica“, 1990, rechts Rado „Ceramica Signature by Konstantin Grcic“, 2016

© Rado

Konstantin Grcic

Konstantin Grcic

© Gisbert L. Brunner

Rado Ceramica 2016

Vordergrund: Rado „Ceramica“, Hintergrund Rado „Ceramica Signature“, 701 Exemplare, 1.780 Euro

© Rado - Montage: Gisbert L. Brunner

Interview mit Designer Konstantin Grcic

Gratulation zur ersten Armbanduhr aus Ihrem Designstudio, Herr Grcic. Ich liege wohl nicht ganz daneben, wenn ich die von Ihnen gestaltete Rado Ceramica als ungewöhnlich bezeichne. Vor allem das Zifferblatt und die Zeiger mit Super LumiNova heben sich deutlich ab vom bisherigen Rado-Stil.

KONSTANTIN GRCIC: Das war und ist ein sehr komplexer Prozess. Prozess bedeutet auch, dass sich alles über eine gewisse Zeitspanne hin erstreckt hat

Wie lange?

Mit Pausen dazwischen waren es ungefähr drei Jahre. Deshalb lässt sich alles nicht so konkret in Worte fassen.

Dann erzählen Sie doch einfach mal der Reihe nach. Wie sind Sie mit Rado zusammengekommen?

Das passierte, wie es meistens der Fall ist: Rado kam auf den Designer, in diesem Fall also auf mich, zu, denn das Projekt, die Ceramica zu überarbeiten war wohl schon eine ganze Zeit lang im Raum gestanden. Wir haben uns dann getroffen und es lag an mir zu entscheiden, ob mich das Projekt interessiert oder nicht.

Wie die Entscheidung ausgefallen ist, wissen wir ja spätestens seit heute. Aber Konstantin Grcic ist ja nun nicht bekannt für Uhrendesign.

Wenn Rado mit jemandem, wie ich es bin, in Kontakt tritt, steht ja irgendwie schon fest, dass man in diesem Fall nicht mit einem klassischen Uhrendesigner kooperieren möchte. Man möchte bewusst mit jemandem arbeiten, der irgendwie unbefleckt an das Thema herangeht. Andererseits stehe ich mit meinem Büro bekanntermaßen dafür, dass wir uns sehr stark einlassen auf die Firmen, mit denen wir arbeiten - bezogen beispielsweise auf die Geschichte, die dahinterstehende Kultur oder die Technologie. Die Beschäftigung mit all dem ist für mich dann eigentlich schon der Beginn des Projekts.

By Konstantin Grcic: Chair One und Rado Ceramica Signature

Design by Konstantin Grcic: „Chair One“ und Rado „Ceramica Signature“
 

© Konstantin Grcic/Rado - Montage: Gisbert L. Brunner

Rado ist ja nun keine Mainstream-Marke und Rado polarisiert. Man mag die Uhren oder man lehnt sie ab. Stellte dieses Image eine spezielle Herausforderung für Sie dar?

Das sicherlich. Aber es gab viele Argumente, welche generell schon für die Zusammenarbeit mit einer Schweizer Uhrenmarke gesprochen haben. Rado bringt hohe Materialkompetenz mit ins Spiel. Und die Einzigartigkeit der Produkte wiegt auch schwer. Spannend fand ich darüber hinaus das Re-Design eines Klassikers, wie es die Ceramica zweifellos ist. Womöglich hätte es mich fast überfordert, eine Uhr von null auf hundert komplett zu entwerfen. Hingegen fand ich es eine schöne Aufgabe, eine existierende Referenz weiterzudenken.

Da haben Sie ja wirklich ganze Arbeit geleistet. Als ich die neue Ceramica vor vier Wochen erstmals auf einem Foto sah, war ich sehr verblüfft. Der Eindruck ist ein gänzlich anderer. Rado ist über den eigenen Schatten gesprungen. Da hatten Sie vermutlich große Freiheitsgrade beim Gestalten.

Ich denke, dass Rado schon viel früher über den eigenen Schatten gesprungen ist, wenn ich sehe, was alles in der Pipeline steckt. Daneben denke ich aber auch an die Kultur, welche sich stark weiter entwickelt. Mein Empfinden war, dass Rado in einer spannenden eigenen Phase zu mir kam. Mit der Energie, auf einer tollen Basis Dinge verändern zu wollen. Mit der Freiheit, die wir uns genommen haben, wollte ich keineswegs testen, wie weit Rado bereit ist zu gehen. Meine Verantwortung besteht einerseits darin, respektvoll mit Existentem umzugehen, andererseits 25 Jahre nach der Vorstellung dieses Modells viele Dinge auch anders zu machen. Darin, genau das zu tun, bestand der Auftrag an mich. Und hierin äußert sich der prozessuale Aspekt. Man steht im Dialog, man nähert sich an, denn das Design-Team von Rado hat ja auch seine Vorstellungen. Da muss man sich abstimmen.

Von wem kam denn die Idee, mit Super-LumiNova-Leuchtmasse zu arbeiten und das Zifferblatt-Zeiger-Ensemble auf eine ganz neue Ebene zu heben? Das Zifferblatt trägt bis zu 80 Prozent zum Gesamteindruck einer Uhr bei. Erst in zweiter Linie kommt dann die Form des Gehäuses.

Im Prozess haben wir zuerst die Uhr als Ganzes entworfen und danach erst die Zifferblätter gestaltet. Die Super-LumiNova-Sache kam schon ziemlich stark von uns. Ich hatte während der Abläufe den Eindruck gewonnen, dass das passt, dass wir das jetzt machen können mit Blick auf eine zeitgemäße Interpretation dieser Armbanduhr mit relativ langer Geschichte.

Eine rechteckige Uhr stellt in meinen Augen höhere Anforderungen ans Design als eine runde.

Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. Unser Anliegen war, die Uhr lesbarer zu machen und auch etwas sportlicher. Aber es wird nie eine Taucheruhr oder eine Pilotenuhr sein. Wir mussten eine Balance finden, denn am Ende musste es eine Ceramica bleiben. Was wir nun sehen, ist ein Resultat sehr vieler Entwürfe.

By Konstantin Grcic: Rado Ceramica Signature

Rado „Ceramica Signature“

© Rado - Montage: Gisbert L. Brunner

Wie viele Entwürfe haben Sie bis zum endgültigen Produkt gefertigt?

In der Form gab es eine Genese in vier oder fünf Schritten. Beim Zifferblatt und den Zeigern, also dem Gesicht der Uhr, waren es sehr viel mehr. In einer ersten Phase schätze ich 25 bis 30 Entwürfe, die dann auf fünf bis sechs reduziert wurden. In der Pipeline stecken jetzt ja auch noch andere Entwürfe.

Was unterscheidet denn Uhren von beispielsweise einem Stuhl wie Ihrem „Chair One“?

Einer Uhr kann ich durch Bearbeitung einen völlig anderen Charakter verleihen, also beispielsweise polierte oder matte Oberfläche. Das ist bei einem Stuhl so nicht der Fall.

Ich nehme an, Sie haben diese Uhr final am Computer gestaltet

Wir arbeiten mit 3-D-Programmen. Dann entstehen Modelle. Hier arbeiten wir auch noch mit Pappe. Man kann, das ist praktisch, die Uhr ausschneiden und dann mit Tesafilm ans Handgelenk kleben. Aber irgendwann brauchen wir die Dreidimensionalität. Und dann ist der 3-D-Druck an der Reihe. Für mich war der entscheidende Moment jener, als ich den ersten Prototyp dann tatsächlich in Keramik sah. Die Schwierigkeit von Keramik im Vergleich zu Edelstahl besteht darin, dass man Stahl bereits in einem relativ frühen Stadium exakt fräsen kann. Die Uhr sieht dann genau so aus wie entworfen, sie ist genau so schwer und sie riecht. Keramik präsentiert sich im Prozess auch wegen der Notwendigkeit des Sinterns, bei dem die Dimensionen schrumpfen, erst relativ spät eins zu eins. Das ist herausfordernd, denn man muss sich vorstellen wie Konturen oder Radien am Ende ausfallen und wirken. Kanten brechen das Licht, was den Eindruck total verändern kann.

Konstantin Grcic

Konstantin Grcic

© Rado

Zum Schluss mit Rückblick: War und ist das Thema Uhr für Sie reizvoll?

Ja sehr. Uhren sind ja Produkte, mit denen Menschen leben, mit denen sie sich stark identifizieren. Wir sind jetzt im Thema, haben den wahnsinnigen Maßstab begriffen. Derzeit arbeiten wir an einer Weiterentwicklung dieser Uhr und es geht noch nicht um ein neues Projekt. Das Thema war und ist total spannend, hat alles erfüllt, was man sich als Outsider so vorstellt.

Hat sich Ihre Einstellung zum Thema Armbanduhr mit diesem Projekt verändert?

Eigentlich nicht. Für mich ist eine Armbanduhr essentiell wichtig, denn ich habe sie immer am Handgelenk. Und so etwas gestalten zu können, ist für mich faszinierend. Die Rado ist total anders als das, was ich bislang trug. Insofern stellt sie eine wichtige Erfahrungserweiterung dar. Vor allem die Materialität ist sehr verblüffend, die Haptik, die Optik.

Ist das jetzt ihr persönlicher Favorit für die Zukunft?

Auf jeden Fall. Ich freue mich, die Uhr jetzt endlich auch im täglichen Leben tragen zu können. Erst dann kann man eine Uhr ja auch wirklich beurteilen. Wir beurteilen diese Ceramica jetzt seit drei Jahren immer wieder. Aber der echte Test ist wirklich die Alltagserfahrung.

Rado Ceramica 2016

Links: Rado „Ceramica“ kleine Sekunde, rechts: Rado Ceramica Signature mit Zentralsekunde, 701 Stück

© Rado

Beide Versionen dieser neuen Ceramica besitzen:

  • mattschwarzes Monobloc-Gehäuse aus Hightech-Keramik
  • Gehäuseboden aus Titan mit schwarzer PVD-Beschichtung
  • Krone aus Edelstahl mit mattschwarzer Titan-Kappe
  • gewölbtes metallisiertes Saphirglas
  • Quarzwerk
  • Wasserdichte bis fünf bar Druck
  • Gehäusemaße: 30,0 x 41,7 x 7,6 (B x L x H in mm)

In den Boden des Signature-Modells ist „Limited Edition One Out Of 701“ graviert.

Beim Armband handelt es sich um eine Hybrid-Konstruktion: Glieder aus mattschwarzer Hightech-Keramik, Innenband aus schwarzem PVD-Stahl und Dreifachschließe aus gebürstetem Titan.

Rado Ceramica Signature

© Fotos: Gisbert L. Brunner

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08 2016 The Red Bulletin

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