Hublot MB&F Parmigiani Saphir-Boliden

Anspruchsvolle Gehäuse-Kunst von Hublot, MB&F und Parmigiani

Text: Gisbert L. Brunner Fotos: Gisbert L. Brunner und Marken

Die Herstellung von Uhrengehäusen aus Saphir erfordert jede Menge Knowhow. Aber sie bieten viel fürs Geld. Hublot, MB& F und Parmigiani stellen neue neue Modelle mit aufwändigem mechanischen Innenleben vor.
Gisbert L. Brunner
Gisbert L. Brunner

Gisbert Brunner, Jahrgang 1947, beschäftigt sich seit den 60er-Jahren mit Präzisionszeitmessern aller Art, vornehmlich mit Armbanduhren. Inzwischen hat Brunner mehr als 15 Bücher zum Thema veröffentlicht. Er ist weltweit gefragt als Vortragsredner.
 

Hublot LaFerrari Sapphire

Karbonfaser, Leinen, Texalium, Magic Gold und farbige Keramik: Material-Innovation ist bei Hublot nicht nur ein Schlagwort. Seit 2004, als Jean-Claude Biver das Ruder der maroden Firma übernahm und „Fusion“ propagierte, wird das Thema ausgesprochen groß geschrieben. 2016 bringt zu den bereits genannten Werkstoffen auch noch Saphir. Das, was fälschlicher Weise oftmals auch Saphirglas genannt wird, produziert die Industrie seit ca. 1910 in größeren Mengen. Obwohl artifiziell gefertigt, entsprechen die chemische Konsistenz und das Spektrum positiver Eigenschaften exakt dem natürlichen Vorbild. Saphir ist den Korunden zuzuordnen. Daher trifft die Bezeichnung „weißer Korund“ ebenfalls uneingeschränkt zu.

Ausgangsstoff für das Herstellungsprozedere ist natürliches Bauxit. In mehreren Schritten entstehen daraus mikroskopisch kleine Aluminiumoxid-Partikel, Durchmesser weniger als ein Tausendstelmillimeter. Durch die Injektion von reinem Sauerstoff und Wasserstoff schmilzt das Pulver in einem Knallgasofen bei mehr als 2.050 Grad Celsius zu einer zähen Flüssigkeit. Aus diesem synthetischen Saphir entwickelt sich allmählich eine birnenförmige Saphir-Gestalt.

Die Saphir Boule

Aus der getemperten Saphir-Boule entstehen die verschiedenen Teile für Saphirgehäuse
 

Diese „Boule“ bedarf anschließend langsamer thermischer Stabilisierung. Das Basismaterial für kratzfeste Uhrengläser und mittlerweile auch extravagante Gehäuse verfügt über hohe mechanische Festigkeit. Weil der chemisch neutrale Werkstoff keine Porosität aufweist, kann ihn Wasser nicht durchdringen. Allerdings erweist sich die enorme Härte von mehr als 2.000 Vickersgraden, was Stufe neun von zehn auf der Mohs’schen Skala entspricht, bei der Bearbeitung als Pferdefuß. Noch härter sind nur einige Metallcarbide und natürlich Diamant, der die Härteskala mit 10.000 Vickers oder zehn Mohs unangefochten anführt.

Die Gehäusefertigung verlangt ausgeklügelte Verfahren unter Einsatz hoch präziser Laser. Weil die solcherart gefertigten Komponenten völlig matt sind, heißt es polieren mit diamantbesetzten Schleifscheiben, Diamantpulver und anderen chemischen Substanzen wie beispielsweise Borkarbid. Nur so lassen sich Transparenz und perfekte Oberflächen erzielen.

Bei Hublot bringt der durchsichtige Werkstoff das einzigartige Kaliber MP-05 erst richtig zur Geltung. Gemeint ist das für „LaFerrari“ entwickelte Handaufzugswerk mit stehend angeordnetem Minutentourbillon. Seine 637 Komponenten beanspruchen 45,8 x 39 x 15,3 Millimeter. Elf seriell miteinander verknüpfte Federhäuser bewirkten 50 Tage Gangautonomie. Deren Anordnung gepaart mit den rechts- und linksseitig positionierten Digital-Anzeigen für Stunden, Minuten sowie die aktuell verbleibende Gangreserve ähnelt durchaus einem PS-starken Motor. Wenig zielführend beim Aufziehen wäre eine Krone der üblichen Art. Zum Spannen der Federspeicher braucht es einen kleinen Elektromotor, der sich auf der Rückseite andocken lässt.
Die Entscheidung, vollen Einblick durch Verwendung einer komplexen Saphirschale zu gewähren, ist also mehr als verständlich. Das Uhrwerk selbst umfängt ein ebenfalls transparenter Container aus „itr2“, einem ultraleichten und dennoch extrem widerstandsfähigen Kompositharz. Dass „LaFerrari Sapphire“ eine Angelegenheit für ganz wenige bleiben wird, mag sich von selbst verstehen. Hublot beschränkt sich auf 20, jeweils bis drei bar wasserdichte Exemplare. Jedes verlangt ein Investment von 520.000 Euro.

Eine weitere Saphir-Überraschung, welche etwas mehr als ein Zehntel dieses Preises kosten wird, wartet während der Baselworld auf Hublot-Fans. Ich habe sie schon gesehen, muss aber leider bis März schweigen. Dazu schon jetzt CEO Ricardo Guadalupe:

Hublot CEO Ricardo Guadalupe

„Von LaFerrari haben wir bis jetzt schon vier Serien zu je 50 Exemplaren komplett verkauft. Hinzu gesellt sich 2016 die transparente Sapphire-Version. Die Philosophie der sichtbaren Unsichtbarkeit bedeutet für Hublot einen neuen Meilenstein. Das faszinierende All-Clear-Konzept bringt unsere hauseigenen Kaliber und das während mehr als zehn Jahren entwickelte Knowhow in ganz besonderer Weise zur Geltung. Wenn Ferrari wahrscheinlich in zwei bis drei Jahren ein neues Concept Car vorstellt, ist Hublot selbstverständlich wieder mit dabei. Wir arbeiten bereits am entsprechenden Modell.“

Hublot LaFerrari Sapphire

Parmigiani „Bugatti Super Sport Saphir“

Bugatti: auf anspruchsvolle Autofreaks wirkt dieser Name schlichtweg elektrisierend. Das Debüt des „Veyron“ mit 1001 PS im Jahr 2004 veranlasste Parmigiani Fleurier zur Kreation einer Armbanduhr mit speziellem Mechanik-Innenleben. Im Gegensatz zum Üblichen steht das Kaliber PF370 mit zwei Federhäusern und zehn Tagen Gangautonomie im hoch gewölbten Gehäuse. Während des Genfer SIHH zeigte mir Michel Parmigiani, der weiterhin als Präsident des nach ihm benannten Mitglieds der Schweizer Sandoz Stiftung fungiert, eine sehr transparente Variante der „Bugatti Super Sport“.

Michel Parmigiani

Dem Auge des Betrachters präsentiert sich die tickende Mechanik mit zwei parallel geschalteten Federhäusern wie ein kleiner Motorblock. Der gesamte Mikrokosmos mit massivgoldenem Gestell besteht aus 18-karätigem Roségold, dessen Verarbeitung besonderes Knowhow erfordert.

Parmigiani Bugatti Super Sport
Parmigiani Bugatti Super Sport
Parmigiani Bugatti Super Sport
Parmigiani Bugatti Super Sport
Parmigiani Bugatti Super Sport
Parmigiani Bugatti Super Sport

Weil sie wegen des tropfenförmigen Gehäuses auf mehreren schrägen Ebenen agiert, benötigten die Entwickler konisch verzahnte Triebe, um die Zeitanzeige um 90 Grad auf die Vorderseite zu übertragen. Die dem Gesicht abgewandte Seite zeigt eine Gangreserveindikation sowie das hauseigene Hemmungs- und Schwingsystem mit drei Hertz Frequenz. Für den 50,25 x 37,1 x 23,2 Millimeter großen „Schneewittchensarg“ der „Bugatti Super Sport Saphir“ verwendet Parmigiani eine massivgoldene Skelettstruktur mit großflächigen, natürlich entspiegelten Saphirelementen. Die Wasserdichte reicht bis zehn bar Druck. Jedes der nur fünf Stücke schlägt mit 245.000 Euro zu Buche.

MB & F Horological Machine Nr. 6 „Space Pirate“

Mit 18 bekam Max Büsser seine erste Armbanduhr. „Mein Traum wäre eine Rolex gewesen“, erzählte er mir, „aber die war viel zu teuer. Also bekam ich eine stahl-goldene Tissot mit Quarzwerk, Preispunkt 700 Schweizerfranken.“ Budgetgründe vereitelten auch die Wunsch-Ausbildung an der damals neu gegründeten Dependance des Pasadena Art Center in La Tour-de-Peilz am Genfer See. Daher erwarb Max seinen Master im Bereich Mikrotechnologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne. Eine 1988/89 durchgeführte Studie, warum Menschen so viel Geld für Uhren ausgeben, brachte intensive Kontakte zur einschlägigen Industrie. Wenig später investierte auch Max sein „gesamtes Geld“ in einen Ebel Chronographen mit dem Zenith „El Primero“-Kaliber. 1998 heuerte er als CEO bei „Winston Rare Timepieces“ an. Beim nahezu bankrotten Ableger des amerikanischen Nobeljuweliers „durchlitt ich das schlimmste Jahr seines Lebens. Wir bezahlten Zulieferer nach 200 Tagen, obwohl 30 Tage die Normalität waren. Aber ich erfuhr auch am eigenen Leib, dass ich imstande bin, das Ruder herumzureißen.“  Die bei Harry Winston geknüpften Freundschaften führten Juli 2005 zur Gründung von MB&F, also Maximilian Büsser & Friends. „Bei Harry Winston habe ich nur kommerzielle Uhren, heute würde ich auch sagen Marketingprodukte für andere gestaltet. Und das war mir auf Dauer einfach zu wenig.

Max Büsser mit dem Space Pirate in Titan

Max Büsser präsentiert den „Space Pirate“ in Titan

Zu diesem Zeitpunkt Verfügte ich über ich 900.000 Franken, von denen ich 200.000 abzweigte, um die kommenden Jahre ohne eigenes Einkommen überleben zu können“. Wohin Beharrlichkeit führt, zeigen viele Zeit-Maschinen. Am 4. November 2014 debütierte im „Space Pirate“ die HM6 (Horological Machine Nr. 6). Nach Auffassung von Max war die Konstruktion von Anbeginn darauf ausgelegt, alle Arten von Abenteuern und Unbilden im Weltraum zu überstehen. Stöße von mehreren G, starke Be- und Entschleunigungen, gefährliche Strahlungen, extreme Temperaturunterschiede und die niemals auszuschließenden Risiken einer Kollision. Am Anfang stand ein ergonomisch geformtes Instrument mit leichtem Titangehäuse.

MB&F Space Pirate in vier Versionen: Titan, Rotgold und Saphir

MB & F „Space Pirate“ in vier Versionen (v.l.n.r.): Saphir und Rotgold, Rotgold, Saphir und Platin, Titan

MB&F Space Pirate in vier Versionen: Titan, Rotgold und Saphir

MB & F „Space Pirate“ in vier Versionen (v.l.n.r.): Saphir und Rotgold, Rotgold, Saphir und Platin, Titan. Vorder- vs. Rückseite

An den vier Ecken finden sich oben und unten Saphir-Halbkugeln. Vorne schützt Saphir kugelförmige Displays zur Indikation von Stunden und Minuten, hinten ebenfalls kugelförmige „Turbinen“, welche die Geschwindigkeit des Rotoraufzugs regulieren. Im Zentrum thront das „fliegende“ Tourbillon. Weil Sonnenlicht und UV-Strahlung dem unverzichtbaren Schmiermittel kräftig zusetzen, lässt sich eine zweiteilige Titan-Abdeckung mit Hilfe der linksseitig montierten Krone über den delikaten Drehgang wölben. Beim Öffnen stellt sich ein bemerkenswerter Aha-Effekt ein. Das komplexe Uhrwerk einschließlich der Streitaxt-ähnlichen Platin-Schwungmasse besteht aus 475 Komponenten. Mehr als drei Jahre nahm die Entwicklung in Anspruch. Deshalb hat sie es verdient, komplett ins richtige Licht gerückt zu werden. Zu diesem Zweck entstand zum SIHH 2016 ein aufwändiges Sandwich-Gehäuse aus Saphir kombiniert wahlweise mit Platin oder Rotgold.

MB&F Space Pirate Saphir

MB & F „Space Pirate“ mit Saphirgehäuse.

MB & F "Space Pirate" mit Saphirgehäuse.

MB&F „Space Pirate“ Saphir

MB & F "Space Pirate" mit Saphirgehäuse.

MB&F „Space Pirate“ mit Saphirgehäuse. Links ist die Tourbillon-Kuppel offen, rechts geschlossen.

Der MB&F Space Pirate Sapphire in action
 

Die Kuppel über dem Tourbillon lässt sich mit der linken Krone öffnen und schließen.

Die transparenten Saphir-„Deckel“ oben und unten mit insgesamt neun Kuppeln bestehen, auch wenn es selbst bei genauer Betrachtung so scheint, nicht aus einem Stück. Spezialisten kleben sie aus insgesamt elf einzelnen Saphir-Komponenten zusammen. Die Fertigung jedes der Paare schlägt mit 350 Arbeitsstunden zu Buche. Summa summarum braucht es für jede der bis drei bar Wasserdruck dichten, 51 x 50 x 22,7 Millimeter messenden Schalen 78 Bauteile. Bei den blauen handelt es sich um Dichtungsringe. Für jede der zehn Saphir-Platin-Exemplare verlangt MB & F 380.000 Schweizerfranken. Die auf die gleiche Menge limitierte Saphir-Rotgold-Variante ist für 350.000 Schweizerfranken wohlfeil.

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01 2016 The Red Bulletin

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