Neues vom SIHH: Ulysse Nardin InnoVision2

Innovation groß geschrieben:
Ulysse Nardin und die „InnoVision 2“

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos und Videos: Ulysse Nardin

Neues vom SIHH aus Genf: Ulysse Nardin präsentiert zehn Jahre nach der „InnoVision 1“ von 2007 die neue „InnoVision 2“ und stattet diese gleich mit 10 Innovationen aus.
Gisbert L. Brunner

Gisbert L. Brunner berichtet seit 1981 über Uhren und Zeitmessung. Den SIHH besucht er seit 1992.

Retrospektiv mag man sich gar nicht mehr ausmalen, was in den frühen 1980er Jahren ohne Rolf W. Schnyder aus Ulysse Nardin (UN) geworden wäre. Unter anderem durch verfehlte Produkt- und Vertriebspolitik hatte sich die 1846 gegründete Traditionsmarke vollkommen ins Abseits manövriert.

Nach der Übernahme durch den visionären Unternehmer im Jahr 1983 wehrte in Le Locle ein frischer, von innovativem Denken geprägter Wind durch die angestaubten Gemäuer. Das belegen Meilensteine wie das Astrolabium Galileo Galilei (1985), das Planetarium Nikolaus Kopernikus (1988) oder das Tellurium Johannes Kepler (1992).

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Ludwig Oechslin, geistiger Vater des 1996 vorgestellten „Perpetual Ludwig“ mit neuartigem ewigen Kalender, initiierte 2000 auch die erstmalige Verwendung von Silizium in mechanischen Uhren. Insofern verkörperte der 2001 lancierte „Freak“ mit „Dual Direct Hemmung“ eine echte Revolution. Zwei Antriebsräder aus leichtem, hartem aber hoch elastischem und zudem völlig amagnetischem Silizium mit extrem glatten Oberflächen übertragen die Energie unmittelbar auf die Unruh. 

Anschließend war UN auch die weltweit erste Uhrenmanufaktur, welche thermisch stabilisiertes Silizium für die Unruhspirale verwendete. Der Fehler: Ludwig Oechslin und Ulysse Nardin versäumten die Anmeldung eines Patents.

2005 brachte den „Freak Diamond Heart“ und mit ihm erstmals Komponenten aus Diamant. Aus Kostengründen folgten bis 2007 preiswertere Silizium-Hemmungsteile mit synthetische, nano-kristalliner Diamantschicht, „DIAMonSIL“ genannt.

Im gleichen Jahr präsentierte UN „InnoVision 1“ mit insgesamt zehn chronometrischen Neuerungen. Diese Projektstudie markierte den Beginn eines spannenden Wegs in Richtung neuer Zeitmess-Horizonte.

Zum Genfer Uhrensalon SIHH 2017 folgt unter der Ägide von CEO Patrik Hoffmann die Konzeptuhr „InnoVision 2“, welche abermals zehn uhrmacherische und technologische Innovationen aufweist. 

1 Dual Constant Hemmung

Mit nachlassendem Drehmoment der Zugfeder verlieren auch die an den Gangregler gelieferten Impulse an Energie. Dadurch reduzieren sich die Unruh-Amplitude, der Isochronismus und letztlich auch die Ganggenauigkeit. Dem wirkt „Dual Constant“, eine Konstantkraft-Hemmung, entgegen.

Ihr Clou: Das Räderwerk spannt elastische Silizium-Klingen für jede Unruh-Halbschwingung vor. Dabei speichern sie circa 150 Nanojoule Energie. Beim anschließenden Übergang vom stabilen in einen metastabilen Zustand geben sie 60 Nanojoule blitzartig und akkurat an das Schwingsystem ab. Und zwar völlig unabhängig vom Spannungszustand der Zugfeder. Möglich macht es ein komplexes Silizium-Gebilde mit Blockierelement.

Analog zur „Dual Direct“ kooperiert es mit zwei intelligent geformten Silizium-Hemmrädern. Die Besonderheit des in die Hemmräder greifenden Blockierhebels: Er wird direkt von den elastischen Klingen gehalten. Somit ist die energiezehrende Lagerwelle entbehrlich. Zwei Patente sind hierfür bereits ausgefertigt, ein weiteres wurde angemeldet.

2 Direktes Silizium-Bonden

Im fotolithographischen DRIE-Verfahren (Deep Reaction Ion Etching) entsteht das komplexe Hemm-Element aus monokristallinem Silizium. Wegen der dreidimensionalen Struktur sind zwei Teile erforderlich, die miteinander verbunden werden müssen. Hierzu verwendet UN erstmals in der Uhrmacherei das Bonden. Durch Zusammenpressen hydrophober Oberflächen bei Prozesstemperaturen zwischen 1000 und 1200 Grad Celsius unter Zufuhr von Sauerstoff wachsen ausgehend von einem ersten Kontaktpunkt an den vertikalen Flächen in alle Richtungen untrennbare Verbindungsstellen aus Siliziumoxid. Auch hierfür wurde ein Patent angemeldet.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Bonden
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3 Silizium-Unruh mit goldenen Masseelementen und stabilisierenden Mikropaddeln

Selbstverständlich nutzt UN in der InnoVision 2 für Unruh und Spirale die Vorteile von Silizium, dessen Dichte 3,6 Mal geringer ist als jene von Glucydur. Der Gangregler muss im Zentrum nämlich eine möglichst geringe Masse besitzen und als Ganzes trotzdem ein hohes Trägheitsmoment vorweisen.

Diesen scheinbar widersprüchlichen Anforderungen wird die völlig neu gestaltete Unruh der „InnoVision 2“ gerecht. Das im DRIE-Verfahren geformte Gestell wiegt gerade einmal sieben Milligramm. Oberflächen-Oxidation erbringt thermische und mechanische Stabilität sowie leicht abgerundete Kanten.

Die an Paddel erinnernde Speichen unterstützen gleichförmiges Schwingen durch Glätten von Luftverwirbelungen im Gehäuseinneren und sie egalisieren unterschiedliche Amplituden beim Wechsel zwischen der waag- und senkrechten Position. Das Trägheitsmoment von 8 mg.cm²  entsteht durch vier peripher angeordnete Masseelementen aus Massivgold. UN hat hierfür ein Patent angemeldet.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Silizium-Unruh mit Gold-Elementen

4 Grinder

Nach gründlicher Analyse wurde auch der Selbstaufzug durch zentralen Kugellagerrotor neu gestaltet. Dessen Unterseite trägt drei weitere Kugellager. Sie wirken ein auf zwei Paare stählerner Blattfedern in Gestalt eines filigranen Rahmens. Der daran befestigte Ring trägt insgesamt vier federnde Klinken. Ihr freies Ende in Form eines kleinen Hakens greift in das schräg verzahnte und mittig über dem Federhaus angeordnete Aufzugsrad.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Grinder

© Gisbert L. Brunner

Jede Drehung der Schwungmasse versetzt Rahmen und Ring in Schwenkbewegungen. Dadurch ziehen ein oder zwei der vier Schaltklinken das Aufzugsrad – von der Rückseite betrachtet – im Uhrzeigersinn. Ein zweistufiges Planeten-Reduktionsgetriebe formt die relativ schnellen aber energiearmen Aktionen des Exzenterwechslers in langsame, jedoch kraftvolle zum Spannen der mittig im Werk positionierten Zugfeder um.

Der Name „Grinder“ erinnert an den Hochleistungs-Segelsport. Analog zum „Freak“ lässt sich der Energiespeicher durch Drehen des rückwärtigen Glasrands befüllen. Für das entfernt an den Seiko „Magic Lever“ erinnernde System hat UN bereits ein Patent erhalten. Ein weiteres ist angemeldet.

5 Minutenradbrücke aus saphirbeschichtetem Silizium

Mit zehn Mohs oder 10.600 Vickers ist Diamant der härteste Werkstoff. Danach folgt Saphir oder Korund mit neun Mohs bzw. 2.200 Vickers. Zusammen mit der Polytechnischen Hochschule Lausanne und Sigatec hob UN ein neuartiges und deswegen auch patentiertes Verfahren zum Überziehen von Silizium mit einer hauchdünnen Saphirschicht aus der Taufe. Hieraus besteht die Minutenradbrücke der „Innovision 2“.

Die Vorteile: Härtere Oberflächen, Verzicht auf Lagersteine sowie höhere mechanische Stabilität. Ein Patent zuerkannt.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Minutenradbrücke

6 Räder der Getriebekette aus 24-karätigem Hartgold

Zahnräder in mechanischen Uhrwerken bestehen normalerweise aus Messing. Jene aus Hartgold in der „InnoVison 2“ bewirken bessere, effizientere Kraftübertragung und damit geringeren Energiekonsum. Die Fertigung im fotolithographischen LIGA-Verfahren gestattet filigrane und stabile Strukturen mit attraktiven Oberflächen.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Zahnräder aus Hartgold
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7 Gläserne Unruhbrücke mit integrierter Stoßsicherung

Ein Uhrwerk braucht heutzutage zwingend eine Stoßsicherung. Der häufig benutzte „Incabloc“ besteht aus fünf Mikro-Elementen. Für die „InnoVision 2“ produziert UN den Unruhkloben sowie die integrierte Stoßsicherung, bestehend aus einer Spiralfeder, welche das elastisch aufgehängte Unruhwellen-Lager samt Höhenspiel begrenzender Abdeckung hält, aus Glas.

Durch die Monobloc-Bauweise wird die Rückführung des Lagers in die Ausgangsstellung nicht durch Reibung gebremst, denn die Glasfeder bewegt sich lediglich wieder in ihre Ruheposition. Neben Elastizität und Härte besitzt der transparente Werkstoff sehr geringe Reibungskoeffizienten. 

8 Gläserne Unruhbrücke mit Kanal zur Befüllung mit Super-LumiNova

Den Technikern von UN ist es gelungen, die gläserne Unruhbrücke mit feinen Kanälen zu durchziehen. Diese lassen sich für eindrucksvolle Lichteffekte mit Super-LumiNova befüllen. Ein angemeldetes Patent.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Unruhebrücke mit Super-Luminova

9 Springende Stundenanzeige 1 – 11 und 13 – 23

Gänzlich neu ist die springende Stundenanzeige der „Innovision 2“ nicht. Etwas Ähnliches stellte Gruen 1957/58 in der „Super G“ vor. Die Indikation des Newcomers von UN stellt zuerst die Stunden von 1 bis 11 und danach jene von 13 bis 23 auf digitale Weise dar. Ablesen lassen sich die Ziffern durch Zifferblattausschnitte.

Der Antrieb des entsprechend bedruckten Rings erfolgt direkt durch das Federhaus. Rund 15 Minuten dauert das Umschalten jeweils mittags und mitternachts. Hierfür wurde ein weiteres Patent beantragt. 

10 Dreidimensionaler Minutenzeiger aus Glas

Zur digitalen Stunden-Indikation gesellt sich eine dreidimensionale, durch präzisen Laserschnitt gefertigte Glas-Skulptur mit einer Auflösung zwischen drei und fünf Mikrometer. In der „InnoVision 2“ zeigt sie die Minuten an. Zum Schutz vor Schäden bei heftigen Stößen ruht das filigrane Gebilde auf einer dünnen Metallplatte.

Ulysse Nardin InnoVision 2 - Minutenanzeiger aus Glas
Ulysse Nardin InnoVision 2

Macht sich gut am Handgelenk: Die neue „InnoVision 2“

© Gisbert L. Brunner

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01 2017 The Red Bulletin

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