Oris Big Crown 1917 - Original und Retromodell 2017

Retro ist in, auch bei Oris

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos: Gisbert L. Brunner, OK-Photography, Oris

1917 präsentierte Oris funktionale Armbanduhren für Soldaten. Die Baselworld 2017 brachte ein weitgehend authentisches Retromodell.
Gisbert L. Brunner

Gisbert L. Brunner berichtet seit 1981 über Uhren und Zeitmessung

Mit Armbanduhren hatte der Mann von Welt bis in die 1930er Jahre wenig oder auch gar nichts am Hut. Ganz im Gegensatz zu Soldaten. Für sie gehören Zeitmesser neben Waffen, Karten und Orientierungsinstrumenten grundsätzlich zu den unverzichtbaren Utensilien erfolgreicher Kriegsführung. Zwingend benötigt zur zeitlichen Koordination von Angriffen oder Verteidigungsstrategien. Während des 19. Jahrhunderts dominierten auch hier die als Inbegriff von Zuverlässigkeit titulierten Taschenuhren. Eine Wende läutete das Jahr 1879 ein.

Im Rahmen der Internationalen Berliner Messe orderte Kaiser Wilhelm II. für Offiziere der deutschen Kriegsmarine bei Girard-Perregaux an Armketten zu tragende Dienstuhren. In den Gehäusen tickten teils 10-, teils 12-linige Werke. Erstaunlich aber wahr: Selbst im gut bestückten Museum der Traditionsmanufaktur findet sich kein authentisches Exemplar.

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Ihre Feuertaufe als militärische Ausrüstungsobjekte bestanden Armbanduhren während des Burenkriegs von 1899 bis 1902. Das jedenfalls geht aus einem großen Inserat des Omega-Uhren-Syndikats hervor, publiziert 1904 in der Leipziger Uhrmacher-Zeitung. Dort war ein Brief von Lt.-Col. Hurdum, C.F.A., Kommandant der „Special Service“ Batterie mit folgendem Inhalt abgedruckt:

„Der Bedeutung Rechnung tragend, in einem aktiven Armeekorps übereinstimmende Zeit zu haben, verschaffte ich mir vor meiner Abreise in Canada ein Dutzend Omega Armbanduhren, von deren Aufnahme in der Kontinental-Armee mir berichtet wurde, und verteilte solche an die Sergeants der auf der Reise nach Kapstadt befindlichen Armee. Der ausgiebige Gebrauch während soviel Dienstmonaten in einem berittenen Corps ist sicher eine harte Probe, besonders wenn man die Extreme der Hitze und Kälte sowie des starken Regens und die fortwährenden Sandstürme, denen die Truppen ausgesetzt waren, in Berücksichtigung zieht. Diese Uhren leisteten fast jedem Offizier und jedem Mann in der Batterie gute Dienste und wanderten von einem zum anderem, überall zufriedenstellende Resultate erzielend. Durch die Feuchtigkeit in den Gehäusen sind letztere außen gerostet, das Werk wurde dadurch jedoch nicht angegriffen. Ein Stück, das ich während des gesamten Feldzuges trug, ist noch in bestem Zustande. Ich benütze es ständig für Artilleriezwecke, und ich halte die Uhr für einen unerlässlichen Teil der Feldausrüstung.“

Diese positiven Erfahrungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die zunehmende Akzeptanz der Armbanduhr während des Ersten Weltkriegs zeigt sich beim Blättern im 1916 veröffentlichten Buch „Wissen für den Krieg: Front-Handbuch für jeden Offizier.“ Darin listete B. C. Lake, ein Captain der Königlich Schottischen Grenztruppen, die unverzichtbaren Utensilien für Offiziere auf. Demgemäß sollte das Front-Kit für Offiziere u.a. folgende Gegenstände umfassen:

  1. Armbanduhr mit Leuchtziffern und unzerbrechlichem Glas
  2. Revolver
  3. Feldstecher
  4. Periskop
  5. Kompass …

Bei der Forderung nach einem unzerbrechlichen Glas war bei Lake freilich eher der Wunsch Vater des Gedankens. Erst an der Wende von den 1920er zu den 1930er Jahren präsentierte die US-amerikanische Firma Germanow-Simon wirklich unzerbrechliche Scheiben aus Zelluloid … dafür jedoch feuergefährlich, leicht vergilbend und in gleißendem Sonnenlicht auch schrumpfend. 1934 lancierte der Darmstädter Kunststoffspezialist Röhm das deutlich besser geeignete Acryl- oder Plexiglas.

B. C. Lake: Officer’s Kit for the Front

Übrigens zeigte sich auch die Uhrenindustrie nicht uneingeschränkt überzeugt von den Werten der Armbanduhr. Junghans als größter deutscher Uhrenfabrikant erzürnte sich 1917: „Es ist Treue um Treue, die sie, die Taschenuhr, mit ihrem Ticktack die Menschen lehrt. Dabei wird diese Treue oft mit Untreue belohnt. Ein Beispiel ist die Armbanduhr, die zweckwidrig ist und eine Barbarei.“

Die Schelte kam gegen überzeugte Soldaten nicht an. Gegen die Tatsache, dass viele Stabsstellen Taschenuhren zur Standardausrüstung erkoren, konnten sie nichts machen. Aber die Männer im lebensgefährlichen Fronteinsatz leisteten stummen Widerstand auf ihre Weise. Sie schätzten es sehr, dass zum Ablesen der Stunden und Minuten ein kurzer Dreh des Handgelenks genügte, während die gute alte Taschenuhr umständlich aus dem Waffenrock hervorgekramt und anschließend auch dort wieder sicher verstaut werden musste. Also blickten mehr und mehr auf ihre eigenen Armbanduhren. Und zwar entweder auf solche, die zur Nutzung am Handgelenk konzipiert worden waren, oder auf Taschenuhren, die Mann in stabile und dadurch schützende Lederkapseln mit Armband verstaute.

Oris Big Crown 1917 - Original und Retromodell 2017

Warum schreibe ich das? Ganz einfach! In eben jenem Jahr 1917, als Junghans seinen Ressentiments gegen die Armbanduhr freien Lauf ließ, brachte Oris in Hölstein bei Basel Zeitmesser zur Befestigung am Handgelenk auf den Markt. Natürlich adressiert an Mitglieder der Armee. Selbige entdeckte Verwaltungsratspräsident Uli Herzog beim Stöbern in den Archiven. Erst als Bild in einem Verkaufskatalog, dann auch als tickendes Objekt. Ein zweites Exemplar gesellte sich durch Ankauf hinzu.

Ulrich Herzog - Oris

Ulrich Herzog, Verwaltungsratspräsident von Oris

Kein Wunder also, dass die 1904 gegründete Manufaktur, welche ihre Geschäfte seinerzeit zumeist mit preiswerten, aber ausgesprochen zuverlässigen Stiftankerwerken machte, das 100. Jubiläum der für diese Epoche höchst typischen Armbanduhr mit einem sehr authentisch wirkenden Retromodell zelebriert.

Von einer authentisch gestalteten Armbanduhr war damals noch nicht die Rede. Vielmehr modifizierte das nach anfänglichen Problemen wohl gedeihende Unternehmen - wie zahlreiche Mitbewerber auch - eine Savonnette-Damentaschenuhr durch das Anlöten von Drahtbügeln. Nach dem Montieren eines Lederbands war die Armbanduhr fertig. Eine große und vor allem griffige Krone gestattete das Aufziehen mit Handschuhen. Nachdem sich der moderne Kronenaufzug von Jean-Adrien Philippe zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht auf breiter Front durchgesetzt hatte, verlangte das Stellen der Zeiger nach gleichzeitiger Betätigung des Drückers bei „2“ und Drehen der Krone.

Genau das ist auch bei den 1917 Exemplaren der 40 Millimeter großen „Big Crown 1917“ der Fall. Zu diesem Zweck modifizierte Oris das Automatikkaliber Sellita SW 200-1. Nach der Umrüstung nennt sich das Uhrwerk 732. Weitestgehend originalgetreu präsentieren sich das Zifferblatt und sie darauf verewigte Signatur sowie die Zeiger. Das schlichte Stahlgehäuse bekam zeitgemäße Bandanstöße mit Federstegen zum Befestigen der Armbänder. Im Lederetui findet sich übrigens noch ein zweites Exemplar. Den Stand der Technik spiegeln das kratz- und bruchfeste Saphirglas und die Wasserdichte bis zu fünf bar Druck wider.

Oris liefert den perfekten Retrolook ab August 2017 zum Preis von 2.300 Euro. Wer sein Handgelenk damit zieren möchte, sollte sich beizeiten an einen Oris-Konzessionär wenden. Die komplette Edition war schon bald nach Eröffnung der Baselworld 2017 komplett an den Fachhandel ausverkauft.

Oris Big Crown 1917 - Retromodell 2017

In diesem Lederetui mit zweitem Armband liefert Oris die Big Crown 1917

Oris Katalog 1917

Oris-Kalalog von 1917

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04 2017 The Red Bulletin

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