Minutenrepeitionen von Bulgari und Audemars Piguet

Bulgari vs. Audemars Piguet - Klingende Gegensätze

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos: Bulgari und Audemars Piguet

Die Minutenrepetitionen von Bulgari und Audemars Piguet eint das Titangehäuse. Darüber hinaus sind sie jedoch sehr unterschiedlich.
Gisbert L. Brunner

Gisbert L. Brunner schreibt seit 1981 über Armbanduhren.

Auf den ersten Blick machen sie in am Handgelenk nicht sonderlich viel her. Doch spätestens nach dem Betätigen des wie auch immer gearteten Auslösemechanismus geraten Anwesende meist in fasziniertes Stauen. Die Armbanduhr mit dem präzisesten Repetitionsschlagwerk gibt die aktuelle Zeit minutengenau akustisch wieder. Zuerst die Zahl der Stunden mit tiefem Klang. Die Viertel­stunden repräsentieren anschließend Doppeltöne. Und für jede der nach der letzten vollen Viertelstunde vergangenen Minuten erklingt danach noch ein hoher Ton.

Um 12 Uhr 59 heißt es besonders aufgepasst. Hier sind anfangs zwölf tiefe Töne zu hören, dann folgen drei Doppelschläge und anschließend nochmals 14 hohe Laute. Macht summa summarum 32, die 20 bis 25 Sekunden konzentrierten Zuhörens beanspruchen. Das alles kostet Kraft, die der unter dem Zifferblatt angeordnete, aus rund 100 Teilen bestehende Schlagwerksmechanismus durch das Spannen einer Feder erhält.

Mit der vollständigen Betätigung eines Drückers oder Schiebers im Gehäuserand geht die Aktivierung des Schlagwerks einher. Natürlich muss es sich absolut korrekt präsentieren. Dafür sorgt die intelligente „Alles‑oder‑nichts‑Sicherung“, welche vollständig oder gar nicht schlagen lässt.

Voraussetzung für präzises Repetieren der Zeit ist eine exakte Synchronisierung der Kadratur mit der Zeigerstellung. Zu diesem Zweck montieren die Uhrmacher die Zeiger ganz zum Schluss in Übereinstimmung mit dem, was der Repetitionsmechanismus schlägt. Spezielle Nockenräder reichen die Zeit vom Uhr- ans Repetierwerk weiter, das zum Zwecke des Zählens mit moderater Geschwindigkeit ablaufen muss. Dazu besitzt jedes Uhrwerk mit Minutenrepetition einen „Tempomaten“.

Bulgari Octo Finissiomo Minutenrepetition

Von der Bulgari „Octo Finissimo Répétition Minutes“ entstehen 50 Exemplare. Stückpreis 165.000 Euro.

© Bulgari

Trotz einer komplizierten Minutenrepetition baut das Handaufzugskaliber BVL 362 von Bulgari lediglich 3,12 Millimeter hoch. Gleichwohl handelt es sich nicht um einen Superlativ. Den Weltrekord halten nach gegenwärtigem Kenntnisstand Uhrmacher im Vallée de Joux, wo sich auch die Haute-Horlogerie-Ateliers von Bulgari befinden. Im frühen 20. Jahrhundert gelang es ihnen in zäher Kleinarbeit und im Kampf um jeden Zehntelmillimeter, die Werkshöhe auf drei Millimeter zu beschränken. Dieser Sachverhalt schmälert die Leistungen der Luxusmanufaktur mit italienischen Wurzeln kein Jota. Zumal von dem aus 362 Komponenten zusammengefügten Mikrokosmos mit drei Hertz Unruhfrequenz und ca. 42 Stunden Gangautonomie insgesamt 50 Exemplare entstehen.

In der aktuellen Uhrenszene gibt es jedoch kein flacheres Handaufzugswerk mit dieser Komplikation. Damit es die Zeit mit zwei kleinen Hämmern minutengenau auf zwei direkt im Gehäuse montierte Tonfedern schlägt, muss der dezente Drücker in der linken Schalenflanke betätigt werden. Für ein optimales Klangerlebnis besteht das 40 Millimeter große Gehäuse mit Sichtboden aus leichtem, antiallergischem Titan. Für eindrucksvolle akustische Zeit-Erlebnisse sorgt ferner ein speziell gestaltetes Zifferblatt. Durchbrochene Strich-Indexe lassen die Töne besser nach vorne abstrahlen.

Bulgari Octo Finissiomo Minutenrepetition

Die durchbrochenenen Strich-Indexe dienen der Optimierung des Klangs.

© Bulgari

Für den gleichförmigen Ablauf der Schlagfolge sorgt ein geräuschloser Fliehkraftregler. Zum Tauchen taugt diese Armbanduhr, welche am Handgelenk gerade einmal 6,85 Millimeter dick aufträgt, logischerweise nicht. Aber die Wasserdichte der flachen Schale reicht immerhin bis zu drei bar Druck. Damit ist dieses tönende Oeuvre spritzwassergeschützt. Zum Händewaschen kann es problemlos am Unterarm verbleiben. Bulgari fertigt von der „Octo Finissimo Répétition Minutes“ insgesamt 50 Exemplare zu je 165.000 Euro. Die Nachfrage übersteigt, wie ich in Erfahrung bringen konnte, bereits das Angebot.

Handaufzugskaliber Bulgari BVL 362 mit Minutenrepetitiom

Gegenwärtig ist das 3,12 mm hoch bauende Manufakturkaliber BVL 262 mit Minutenrepetition das flachste seiner Art.

© Bulgari - Grafik: Gisbert L. Brunner

Royal Oak Concept Supersonnerie

Voluminös und klangstark: die „Royal Oak Concept Supersonnerie“ von Audemars Piguet. Rechts die ausgeklügelte Gehäusekonstruktion.

© Fotos: Audemars Piguet

Als krasses Gegenteil zur Bulgari Oco Finissimo präsentiert sich die ausgesprochen opulente „Royal Oak Concept Supersonnerie“ von Audemars Piguet. Einende Elemente sind die Minutenrepetition, 42 Stunden Gangautonomie, drei Hertz Unruhfrequenz und das Gehäusematerial Titan. Die 44 Millimeter große Schale hat es tatsächlich in sich. Sie repräsentiert das Resultat achtjähriger Forschungs- und Entwicklungsarbeiten. Uhrmacher der Manufaktur und Wissenschaftler der Polytechnischen Hochschule Lausanne haben ein neues, durch drei Patente geschütztes Gehäusekonzept ersonnen.

Seitliche Öffnungen im äußeren der beiden Gehäuseboden lassen die Minutenrepetition besonders klangstark in Erscheinung treten. Beim Klangkörper kamen bewährte Prinzipien aus dem Streichinstrumentenbau zur Anwendung. Das entsprechende Knowhow haben erfahrende Handwerker aus dem Vallée de Joux eingebracht. Den Ablauf des Schlagwerks steuert ein überliefertes Ankersystem, welches nach Aussagen von Audemars Piguet flexibler ist als eine Art Zentrifuge und zudem ungewollte Geräuschemissionen durch Erschütterungen bei Bewegung unterbindet. Die nachteiligen Störgeräusche sind bei diesem Zeit-Boliden kaum mehr wahrnehmbar, niedrige Frequenzen werden gedämpft.

Das Handaufzugskaliber 2937 aus eigener Manufaktur misst 29,90, seine Bauhöhe beträgt 8,28 Millimeter. Neben dem klangstarken Schlagwerk besitzt es auch noch ein Minutentourbillon sowie einen Schaltrad-Chronographen mit 30-Minuten-Zähler. Für alle Funktionen zusammen benötigen die Uhrmacher 478 Komponenten. Einen Sichtboden besitzt die bis zwei bar Druck wasserdichte Armbanduhr nicht. Dafür kann man jedoch durch das durchbrochene Zifferblatt auf die vorderseitig agierende Schlagwerks-Kadratur blicken. Das Investment: 589.500 Euro.

Audemars Piguet Kaliber 2937

Das Kaliber 2937 von Audemars Piguet. Links die Mechanik unter dem Zifferblatt.

© Audemars Piguet

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08 2016 The Red Bulletin

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