Skelettieren

Uhrenwissen kompakt: Q-S

Text und Bilder: Gisbert Brunner

Experte Gisbert Brunner erklärt die Uhr von A bis Z. Teil sechs: Die Begriffe von Q bis S.
Gisbert Brunner

Gisbert Brunner, Jahrgang 1947, beschäftigt sich seit den 60er-Jahren mit Präzisionszeitmessern aller Art, vornehmlich mit Armbanduhren. Inzwischen hat Brunner mehr als 15 Büchern zum Thema veröffentlicht. Er ist weltweit gefragt als Vortragsredner.

Quarzuhren

Quarz ist chemisch nichts anderes als Siliziumdioxid (SiCh). In Reinform handelt es sich um ein farbloses, transparentes Mineral. Beim Schmelzen erhält es eine glasähnliche Gestalt. Die piezoelektrischen, für die Uhrenindustrie nutzbaren Eigenschaften sind 1880 dem Franzosen Pierre Curie (1859 -1906) zu verdanken. Ein piezoelektrischer Kristall vibriert in jener Frequenz, welche eine angelegte Wechsel¬spannung besitzt. Mechanisch zum Schwingen angeregt, generiert der Quarz selbst eine Wechselspannung. Die Resonanzfrequenz resultiert aus der Größe des Kristalls oder eines daraus geschnittenen Teils. Und sie hängt ab von der Ausrichtung des Schnitts durch diesen Kristall. All das machten sich Joseph W. Horton und Warren A. Marrison ab 1927 zunutze. 1928/1929 mutierte der quarzstabilisierte Frequenzgenerator nach dem Ausscheiden von Horton zur damals weltweit präzisesten Uhr, der „Crystal clock“. Ihre Kreation beruhte darauf, dass Zeit den Reziprokwert der Frequenz verkörpert. Die Genauigkeit betrug rechnerisch nur 0,3 Sekunden pro Jahr. 1932 erhielt Marrison für eine Leistung das amerikanische Patent 1,788,533. England wartete 1931 mit einer eigenen Quarzuhr auf, Deutschland 1932, Frankreich 1936 und Japan 1937. Ans Handgelenk fand die quarzgesteuerte Zeitmessung ab 1969. Als Standard Frequenz gelten heute 32.768 Hz. In Folge der hohen Schwingungszahl des Gangreglers besitzen Quarzuhren eine höhere Genauigkeit als mechanische Zeitmesser. 

Räderwerk

Bei einer normalen Handaufzugsuhr besteht das Räderwerk aus insgesamt fünf Rad Trieb Paaren: Die Verzahnung des Federhauses greift in den Minutenradtrieb. Auf der gleichen Welle befindet sich das Minutenrad, dessen Zähne in Verbindung stehen mit dem Trieb des Kleinbodenrades (Zwischenrad). Das Kleinbodenrad ist mit dem Trieb des Sekundenrades verzahnt; und das Sekundenrad selbst greift in den Trieb des Ankerrades. Über das Ankerrad, und das Hemmungssystem gelangt die Kraft zur Unruh, welche dadurch in Bewegung gehalten wird. 

Referenz

Herstellerspezifische Kombination von Buchstaben und Ziffern zur eindeutigen Klassifizierung verschiedener Uhrenmodelle. Die Referenznummer beinhaltet Informationen über Typ, Gehäusematerial, Werk, Zifferblatt, Zeiger, Armband und Ausstattung mit Edelsteinen. 

Regulatorzifferblatt

Außermittige Indikation von Stunden und Sekunden. Ein dezentral angeordneter Stundenzeiger gewährleistet ein weitgehend ungestörtes Ablesen der Sekunden. Derartige Zifferblätter wurden für die so genannten Regulatoren (Präzisionspendeluhren) entwickelt, welche in Observatorien und Uhrenfabriken die genaue Zeit bewahrten. Dort kam es hauptsächlich auf die Sekunde an. In den 1930er Jahren präsentierte die Schweizer Uhrenindustrie erstmals Armbanduhren mit Regulator Zifferblatt.

Regulierung

Die Regulierung eines Uhrwerks besteht darin, ihren täglichen Gang in verschiedenen Lagen und Temperaturen zu beobachten und ggf. zu optimieren. Der Aufwand hängt von der Qualität und dem gewünschtem Genauigkeitsgrad einer Uhr ab. Das wiederum schlägt sich im Preis nieder. Eine Präzisionsregulierung nach amtlichen Vorgaben umfasst mindestens fünf Lagen des Uhrwerks und drei verschiedene Temperaturen (8, 23 und 38 ° C). 

Reinigung

Ein mechanisches Uhrwerk leistet Schwerstarbeit. Deshalb sollte es spätestens nach fünf Jahren zum qualifizierten Service. Beim Auto, das im Allgemeinen täglich nur einige Stunden bewegt wird, stehen Ölwechsel und Wartung in regelmäßigen Abständen eine außer Debatte. Eine Uhr läuft hingegen 24 Stunden pro Tag. Durch mangelnde Wartung können die empfindlichen Teile des Räderwerks Schaden nehmen. 

Retrograd Chrono

Eine Roger Dubuis-Uhr mit retrograder Anzeige.

Repetitionsschlagwerk

Zusatzfunktion eines Uhrwerks, die es gestattet, die aktuelle Zeit mehr oder minder genau akustisch wiederzugeben. Je nach Ausführung des Schlagwerkes unterscheidet man zwischen Uhren mit Viertelstunden, Achtelstunden (7 ½  Minuten), 5 Minuten oder Minuten Repetition. Zum lautstarken Darstellen der Zeit benötigt das Schlagwerk Kraft. Diese erhält es durch die Betätigung eines Schiebers oder Drückers im Gehäuserand. Gleichzeitig löst dieser Vorgang auch den Schlagwerksmechanismus aus. Sofern Schieber oder Drücker nicht bis zum Anschlag geführt wurden, schlagen einfache Repetitionsuhren die aktuelle Zeit unvollständig. Bei feinen Konstruktionen verhindert dies eine so genannte „Alles oder nichts Sicherung“. Sie repetieren korrekt oder gar nicht. 

Retrograde Anzeige

Zur Indikation von Zeit, Datum oder auch Wochentag bewegt sich ein Zeiger schrittweise über ein Kreissegment. Nach Erreichen des Skalenendes springt er blitzartig in seine Ausgangsposition zurück.

Rotor

Unbegrenzt drehende Schwungmasse bei Uhrwerken mit automatischem Aufzug. Je nach Konstruktion des Selbstaufzugs spannt sie die Zugfeder in einer oder beiden Drehrichtung(en). Zu unterscheiden sind Zentral-, Dreiviertel- und Mikrorotoren. Erstere drehen sich über dem ganzen Werk, letztgenannte sind in die Werksebene integriert. 

Rubin

Gegen 1700 dienten gebohrte Naturrubine erstmals zur Lagerung des Räderwerks. Sie minderten die Abnützung. Seit 1902 werden synthetische Rubine verwendet. Der „rubis scientifique“ ist hart, homogen, in beliebiger Färbung erhältlich und lässt sich zudem relativ leicht bearbeiten. Er löste den rekonstituierten Rubin ab, welcher durch das Schmelzen und Pressen von Rubinabfällen entstand. Die synthetischen Rubine unterscheiden sich von echten nur durch die Art der Erzeugung. Die Zusammensetzung ist hingegen gleich.

Saphirglas

Nur der Diamant ist härter als Saphirglas.

Saphirglas

Kratzfestes Uhrenglas der Härte 2000 Vickers. Eine noch größere Härte weist nur der Diamant auf. 
        
Satinierung

Feiner, seidiger und matter Schliff auf Metalloberflächen. 

Savonnette (Seifendose)

Uhrgehäuse, welches neben dem Rückdeckel noch einen aufklappbaren vorderen (Sprung)Deckel zum Schutz des Glases besitzt. 
        
Schaltrad-Chronograph

Das Starten, Stoppen und Nullstellen eines Chronographen unabhängig vom Uhrwerk verlangt nach einem Steuer-Mechanismus. Klassische Ausführungen besitzen ein drehbar gelagertes Schaltrad. Das dreidimensionale und deshalb aufwändige Bauteil verfügt -abhängig von der Werkskonstruktion - über fünf, sechs, sieben, acht oder gar neun Säulen. Bei jedem Schaltvorgang bewegt es sich im Uhrzeigersinn um einen exakt definierten Winkel weiter und liefert so einen Befehl, 

Schnellschwinger

Uhrwerke, bei denen die Frequenz zur Steigerung der Ganggenauigkeit und Minderung der Störanfälligkeit vier Hertz oder mehr beträgt.
    

Selbstschlag Jäger LeCoultre

Hier im Bild eine Selbstschlag-Uhr von Jaeger-LeCoultre.

Schwerkraft

Neben Staub und Feuchtigkeit einer der größten Feinde mechanischer Uhren. Besingt durch die Erdanziehung streben alle Körper dem Zentrum des Planeten zu. Die bei frei fallenden Gegenständen auftretende Beschleunigung wird in „g“ gemessen. Die Einflüsse der Gravitation  auf den Gang mechanischer Uhren dürfen speziell in senkrechter Position nicht unterschätzt werden. Vor allem dann, wenn sich der Schwerpunkt von Unruh und Unruhspirale nicht exakt im Zentrum der Unruhwelle befindet. In diesem Fall strebt eine Stelle permanent dem Erdmittelpunkt entgegen. Das versucht eine unliebsame, der Ganggenauigkeit abträgliche Be- oder Entschleunigung. Tourbillons kompensieren derartige Schwerpunktfehler. 

Sekunde

Ihre Dauer bedurfte nicht zuletzt wegen gewaltiger Fortschritten auf dem Gebiet der Zeitmessung mehrfach einer neuen Definition. 1820 kam es auf Vorschlag eines Komitees französischer Wissenschaftler zu folgender Festlegung: Eine Sekunde ist ⅛6.400 eines mittleren Sonnentages. Die nachgewiesene Unregelmäßigkeit der Erdrotationen und die moderne Quarzzeitmessung machten 1956 eine neue Definition erforderlich. Die Zeiteinheit der Sekunde wurde als ⅓1.556.925,9747 jenes Umlaufjahres der Erde um die Sonne bestimmt, welches am 1. Januar 1900, 12.00 Uhr begann. Dieses mühsam gefundene Maß hielt allerdings nicht lange. Es war schlichtweg zu ungenau. In 1000 Jahren hätte sich eine Abweichung von rund fünf Sekunden ergeben. Weil seit Ende der fünfziger Jahre Quarzuhren in der hochpräzisen Zeitmessung keine Rolle mehr spielten, weil Atomuhren den Takt der Zeit bestimmen, mussten sich Wissenschaftler eine neue Festlegung finden. Seit 1967 gilt, dass eine Sekunde der Dauer von 9.192.631.770 elektromagnetischen Schwingungen in der Elektronenhülle des Cäsium Atoms entspricht.    

Selbstschlag

Schlagwerk einer Taschen- oder Armbanduhr, das - im Gegensatz zur Repetition - völlig selbsttätig in Aktion tritt. Je nach Konstruktion werden, wie bei einer Pendule, die Stunden (Petite Sonnerie) und auch Viertelstunden (Grande Sonnerie) „im Vorbeigehen” akustisch dargestellt. Auf Knopfdruck repetieren die Mechanismen aber auch Stunden, Viertelstunden und Minuten.

Smartwatch Frederique Constant

Smartwatches gibt es auch im edlen Design.

Silizium

Jahrhundertelang beherrschten Messing, Stahl und synthetischer Rubin in der Uhrmacherei die Werkefertigung. Seit 2001 ist frischer Wind zu spüren. Den Anfang machte Ulysse Nardin mit der „Dual Direct Hemmung“. Neu war nicht nur die Konstruktion, sondern auch Silizium, das Material für die beiden Hemmräder. Der in der Elektronik unverzichtbare Werkstoff s ist 60 Prozent härter als Stahl, zudem 70 Prozent leichter als Stahl. Silizium ist amagnetisch, korrosionsfest und verfügt auch ohne aufwändige Nachbearbeitung über eine extrem glatte, die Reibung beträchtlich reduzierende Oberfläche. Und das wiederum macht Öl entbehrlich. Silizium ist auch elastisch, aber nicht plastisch verformbar. Ab 2005 fand Silizium zunehmend in mechanische Uhrwerke. Und zwar für Anker und Ankerräder. Unruhspiralen sind auch möglich, verlangen jedoch Oxidschicht, welche der Längenveränderung bei Temperaturschwankungen entgegen wirkt. Zu den weiteren Pionieren der Silizium-Technologie in Uhren gehören Patek Philippe, Rolex und die Swatch Group.

Skelettwerk

Uhrwerk, bei dem Platine, Brücken, Kloben, Federhaus und ggf. Rotor soweit durchbrochen werden, dass nur noch das für die Funktion unabdingbar notwendige Material übrigbleibt. Auf diese Weise erhält es hohe Transparenz. Zu unterscheiden sind manuelle und maschinelle Skelettierung sowie bereits skelettiert konstruierte Uhrwerke.

Smartwatch

Auf gut deutsch „schlaue Uhr“. Elektronischer Zeitmesser, welcher neben der eigentlichen Zeit-Funktion auch noch Sensoren besitzt um beispielsweise Körperfunktionen wie Pulsschlag oder die Bewegungen im Laufe des Tages zu erfassen. Zur Ausstattung von Smartwatches können zum Beispiel auch Vibrationsmotoren oder eine Kamera gehören. Durch die Verbindung mit einem Smartphone kann der kleine Computer am Handgelenk Daten übertragen oder auch empfangen. Dazu braucht es natürlich spezielle Programme, die so genannten Apps.

Stoppuhr Omega

Nostalgisch, aber zuverlässig: Eine Stoppuhr von Omega.

Springende Sekunde

Bei den meisten Quarzuhren springt der Sekundenzeiger konstruktionsbedingt. Mechanische Werke mit springendem Sekundenzeiger gibt es auch für Armbanduhren. Dabei handelt es sich um ein ganz normales mechanisches Kaliber. Besitzt es eine Unruh Frequenz von fünf Hertz, zählt ein Mechanismus jeweils fünf Halbschwingungen. Erst dann lässt en Sekundenzeiger um eine Sekunde weiterspringen. 

Springende Stunde

Mechanismus, bei dem eine mit der Ziffernfolge 1 bis 12 bedruckte Scheibe den Stundenzeiger ersetzt. Durch einen Zifferblattausschnitt wird jeweils sechzig Minuten lang die aktuelle Stunde digital, d.h. in Form einer Zahl angezeigt. Nachdem der Minutenzeiger die „12“ erreicht hat, springt die Scheibe ruckartig auf die nächste Ziffer und somit Stunde weiter.

Stoppsekunde

Zum sekundengenauen Einstellen der Uhrzeit halten Uhrwerk und/oder Sekundenzeiger beim Ziehen der Krone an. 

Stoppuhren

Besitzen im Gegensatz zu Chronographen keine Zeitanzeige. 

Stoßsicherung

Schützt die feinen und deshalb sehr empfindlichen Zapfen der Unruhwelle vor Bruch. Zu diesem Zweck sind die Loch und Decksteine der Unruhwellenlager federnd in Platine und Unruhkloben befestigt. Bei harten Stößen geben sie entweder lateral und/oder axial nach. Eine stoßgesicherte Armbanduhr soll einen Sturz aus einem Meter Höhe auf einen Eichenholzboden unbeschadet überstehen. Außerdem darf sie danach keine wesentlichen Gangabweichungen aufweisen

Stundenzähler

1937 gelangten erste Chronographen mit zusätzlichem, meist bis zwölf Stunden reichenden Totalisator auf den Markt.

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08 2015 The Red Bulletin

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