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Der Richemont-Konzern im Zeichen des Wandels

Text: Gisbert L. Brunner
Fotos: Gisbert L. Brunner und Marken
Statistiken: FHS  

Johann Rupert beruft Georges Kern und Jérôme Lambert in die Führungsriege des Richemont-Konzerns. Nachfolger Christoph Grainger bzw. Nicolas Baretzki. Außerdem: Die Schweizer Uhrenexporte im September 2016.
 
Gisbert L. Brunner

Gisbert L. Brunner berichtet seit 1981 über Uhren und Zeitmessung.

Mit knappen Worten könnte man es so bezeichnen: Die Nachricht, publiziert am Morgen des 4. November 2016, schlug ein wie eine Bombe. Ihr zufolge stehen die Compagnie Financière Richemont selbst und einige ihrer Uhrenmarken, zu denen A. Lange & Söhne, Baume & Mercier, Cartier, IWC, Jaeger-LeCoultre, Panerai, Piaget und Vacheron Constantin gehören, vor gleichermaßen tiefgreifenden wie zukunftsweisenden Veränderungen.

Auslöser für diese überraschenden und durchaus gravierenden Entscheidungen mag die Tatsache gewesen sein, dass die aktuellen Zahlen des von der südafrikanischen Familie Rupert beherrschten Luxuskonzerns alles andere als berauschend sind. Zum Ende des ersten Geschäftshalbjahres am 30. September 2016 sank der Konzernumsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 5,821 Mrd. Euro auf 5,086 Milliarden Euro und damit um 13 Prozent. Noch deutlich gravierender fiel der Rückgang des Profits aus. Statt 1,1, Milliarden stehen nur non 540 Millionen Euro in den Büchern. Das sind mehr als 50 Prozent weniger als zum gleichen Datum des einzigartigen Überfliegerjahres 2015.

Mit diesen unerfreulichen Zahlen steht Richemont freilich nicht allein auf weiter Flur. Bereits Ende Juni 2016 hatte die analog zum Kalenderjahr bilanzierende Swatch Group einen 11,4-prozentigen Umsatzrückgang auf 3,716 Millionen Franken und einen Gewinneinbruch um 52 Prozent auf 263 Millionen Schweizerfranken beklagt.

Somit können sich weder die beiden Multis noch andere Luxusmanufakturen dem allgemeinen Geschehen rund um die eidgenössische Uhrenindustrie entziehen. Patek Philippe-Präsident Thierry Stern verkündete in einem Brief an seine Konzessionäre die Drosselung der Produktion. Und bei Rolex soll dem Vernehmen nach Gleiches der Fall sein.

Immerhin gehen die Exporte der eidgenössischen Uhrenindustrie seit mehr als zwölf Monaten beständig zurück. Gegenüber September 2015 gaben die Ausfuhren von Armbanduhren wertmäßig um sechs Prozent auf nur noch 1,609 Milliarden Franken und in punkto Stückzahlen um 5,9 Prozent auf nur noch 2,3 Millionen nach. Zeitmesser mit Edelmetall-Gehäusen büßten im Wert sogar 14,9 Prozent und bei den Quantitäten 21,2 Prozent ein. Das konnte der leichte Zuwachs bei Stahl-Armbanduhren (Stücke +1,8, Wert +1,0 %) natürlich nicht wettmachen.

In bedenklichem Sinkflug befindet sich weiterhin Hongkong mit einem Importminus von 39,6 Prozent gegenüber September 2015, während die USA ihre Importe um 4,7 Prozent steigerten und damit erneut nach August den Spitzenplatz der Exportstatistik einnehmen. Hongkong hingegen muss sich nun wohl bis auf weiteres mit dem zweiten, oder wenn keine nachhaltige Trendwende eintritt, mit einem noch niedrigeren Rang begnügen.

Japan nahm Uhren im Wert von plus 8,9 Prozent ab, das Vereinige Königreich sogar plus 32,4 Prozent. Grund ist der Absturz des Britischen Pfunds nach dem Brexit-Votum. Wechselkursbedingt macht das die Produkte günstiger, was die Kaufentscheidung logischerweise erleichtert. Aber dieser Sachverhalt wird, wie mir Georges Kern Anfang November in Florenz mitteilte, nicht von Dauer sein. „Natürlich werden wir die Preise auf der Insel über kurz oder lang entsprechend anpassen müssen.“

Freilich gibt es auch Lichtblicke: TAG Heuer beispielsweise kann Ende Oktober ein 15-prozentiges Wachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum vorweisen. Schwester Hublot legt fünf Prozent zu.

Wachstum bei TAG Heuer und Hublot

Apropos Georges Kern: Der bisherige IWC-CEO steigt bei Richemont steil nach oben. Und zwar wird der 51-Jährige in übergeordneter Funktion Verantwortung für alle spezialisierten Uhren-Maisons übernehmen. Cartier gehört jedoch nicht dazu. Außerdem fallen Marketing und Digitales in sein neues Ressort. Damit honoriert Richemont-Chairman Johann Rupert die Leistung des studierten Politologen mit MBA, der 2002 als jüngster Marken-CEO bei IWC angetreten war, die Stückzahlen von 40.000 auf 130.000 und dem Umsatz auf ca. 800 Millionen Schweizerfranken pushte.

An diesen Leistungen wird sich Christoph Grainger, sein Nachfolger, definitiv messen lassen müssen. Der studierte Designer und Innenarchitekt kümmert sich momentan um das Boutiquengeschäft sowie die strategische Ausrichtung von IWC.

Gleiches gilt für Nicolas Baretzki, der nach Jérôme Lambert den Chefsessel von Montblanc einnehmen wird. Bislang agiert der Absolvent der HEC Paris sowie langjähriger Gefolgsmann und Schüler beim deutschen Traditionsunternehmen als Vertriebschef. Jérôme Lambert erklimmt ebenfalls den Genfer Richemont-Olymp. Nach Jaeger-LeCoultre brachte der 1969 geborene Betriebswirt ab 2013 auch Montblanc auf strikten Erfolgskurs. In Hamburg umfasst das Produktportfolio neben Uhren auch Schreibgeräte, Lederwaren und Accessoires. Lambert wurde zum Chef für operative zentrale und regionale Dienste ernannt. Dazu gehören auch die internationalen Vertriebsplattformen wie beispielsweise Richemont Northern Europe in München. Neben Montblanc gehören auch alle nicht auf Uhren und Schmuck spezialisierten Marken des Konzerns, darunter u.a. Lancel und Shanghai Tang zum Verantwortungsbereich.

Neu im Board of Directors ist Nicolas Bos in seiner Rolle als CEO von Van Cleef & Arpels. Finanzchef des Richemont-Konzerns in Nachfolge von Gary Saage wird der Deutsche Burkhart Grund, Jahrgang 1965. Schließlich wird Richard Lepeu nach rund 30-jähriger Tätigkeit, zuletzt als alleiniger Richemont-CEO, in den Ruhestand treten.

Sowohl für Georges Kern wie auch für Jérôme Lambert kam, wie ich in Erfahrung bringen konnte, der Aufstieg einigermaßen überraschend. Verwunderlich ist er indessen nicht. Johann Rupert kennt seine „Pappenheimer“. Personelle Entscheidungen trifft er mit Umsicht und Weitblick.

Allen wünsche ich eine glückliche Hand. 

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11 2016 The Red Bulletin

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