Harry G

Harry G: Von Isar-Preißen und Bobos

Interview: Holger Potye
Foto: Christian Brecheis

Der bayerische Betriebswirt Harry G startete via Youtube zum Kult-Comedian durch. Im Interview spricht er über deutsche Mehrheiten, Schweizer Humor und seine liebste österreichische Filmszene.

THE RED BULLETIN: Sie heißen eigentlich Markus Stoll und haben ihren Job als Betriebswirt aufgegeben, um Comedy zu machen. Eine interessante Entwicklung …

HARRY G: Bei beiden Berufen muss man eine Leistung bringen. So eine Veränderung durchzuziehen, traut sich aber kaum einer. Das eine ist ein Angestelltenverhältnis, du bist sicher. Das andere ist unsicher, aber es kann funktionieren, wenn du es ähnlich ernst nimmst.

Haben Sie manchmal Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war?

Ja, jeden Tag. Die gehören aber dazu. Ich mach‘ mir immer Gedanken wie lange das so geht? Funktioniert es noch? Dagegen halten kann man, indem man dran bleibt, fleißig bleibt, und in meinem Fall immer weiter Videos produziert und auf die Bühne geht.

© Harry G // Youtube

Das Geheimnis Ihre Erfolges liegt im Aufdecken von (bayerischen) Gepflogenheiten. Sie gehen recht schonungslos mit ihnen um.

Ich behandle Dinge, die andere nicht behandeln. Ich rede nicht über Comedy-Blabla oder Politik. Das machen schon andere und obendrein gut genug.

Welche Themen findet Harry G spannend?

Ich behandle Themen, die den Leuten eigentlich erst dann auffallen, wenn sie jemand behandelt. Beispielsweise haben wir einen Burger-Wahn und einen Steakhäuser-Wahn in Deutschland. Und auf der anderen Seite gibt es den Vegan- und Yoga-Wahn. Da komme dann ich ins Spiel und sage: „Moment, da gibt es doch eine Mitte. Die haben wir bloß alle vergessen.“ Und deshalb haben wir eigentlich alle den Arsch offen. Das fällt den Leuten erst dann auf, wenn es einer gesagt hat. Dann heißt’s: „Stimmt, warum machen eigentlich alle Yoga? Was ist denn das für ein Scheiß?“ Soziale Phänomene, soziale Trends das ist das Interessante daran, so würde ich es nennen. Darum keine Politik oder typische Comedy.

„Warum machen wir eigentlich alle Yoga? Was ist denn das für ein Scheiß?“
Harry G

Harry G LIVE in Österreich

  • 06.01.2017, 20:00 Uhr Salzburg, Congress
  • 09.01.2017, 19:30 Uhr Wien, GLOBE WIEN - MARX HALLE, STUDIO 2
  • 10.01.2017, 20:00 Uhr Linz, Posthof
  • 31.01.2017, 20:00 Uhr Innsbruck, CONGRESS Saal Tirol

​Mehr Tourdaten und Infos: harry-g.com

Ihr Programm „Leben mit dem Isarpreiß“ war in Österreich sofort ausverkauft, es gibt schon Zusatztermine. Harry G erobert das Alpenland.

Funktioniere ich in Österreich? Tatsache ist, das was ich sage, ist den Österreichern zumindest sprachlich nicht fern. Zudem dreht sich der Großteil meines Programms um Phänomene, die nichts mit Bayern allein zu tun haben. Gerade das Thema „Tracht und Oktoberfest“ versteht man in Österreich auch sehr gut, weil Österreich unter Anführungszeichen auch ein Trachtenland ist, und man auch darüber lachen muss, dass jeder Depp in der Tracht herumläuft.

Sie ziehen in ihrem Programm gerne über die Preißen her. Was ist denn „ein typischer Preiß“?

Ein Preiß ist auf Wienerisch ein Bobo. Ich sag Isar-Preiß, also einer, der an der Isar wohnt, also in München. Dieser Isar-Preiß ist meistens ein zugezogener, es kann aber auch ein Münchner sein, der sich dementsprechend kleidet und gibt. In Wien würde man Bobo sagen - Schickeria, Möchtegern.

Namaste....oder so

Namaste....oder so

Ist dieser in einer gewissen sozialen Schicht beheimatet?

Ja, aber es gibt natürlich verschiedene Abstufungen. Da gibt es den, der völlig hilflos ist. Der hat kein Geld, möchte aber unbedingt in der Schickeria dabei sein. Der ist der Gefährlichste. Dann gibt es die etwas Ungefährlicheren, aber die speisen das natürlich und darum sind sie auch gefährlich. Das sind die, die Geld haben und dabei sind.

Ihr Motto in punkto Preißen lautet: „Kommen. Sehen. Verlieren.“

Er kann nur verlieren. Das ist das Schlimme. Ich spreche jetzt von einer bestimmten Sorte Preiß. Das gilt nicht für jeden. Er kommt nach Bayern und wir haben halt eine andere Lebensart. Er verhält sich dann dementsprechend falsch, dadurch ist er entlarvt und dann kann man ihn sich vornehmen. Die meisten haben dann auch noch das Gefühl, sie müssten unbedingt bayerisch sein. Das geht immer schief. Das ist genauso schlimm wie ein Deutscher, der plötzlich in Zürich Schweizerdeutsch redet. Da denkst du dir auch: „Lass das! Das bringt nichts.“

Apropos Schweiz: Hat die Schweiz ein humoristisches Problem?

Also die bekannteste Schweizer Comedians sind zwei Clowns und ich behaupte, der Clown ist einigermaßen überholt. Ich würde sagen: „Die Schweiz hat kein humoristisches Problem, ich habe eher ein Problem mit dem Humor in der Schweiz.“

Christoph Grissemann hat gesagt: „Mario Barth macht Witze für Leute, die keinen Humor haben.“ Aber er ist irrsinnig beliebt in Deutschland. Warum ist er ihrer Meinung nach so erfolgreich?

Grissemann hat das falsch formuliert. Mario Barth macht nicht Comedy für Leute, die keinen Humor haben. Er wollte sagen: „Er macht Comedy für Leute, die kein Hirn haben.“ Es ist einfach Mann/Frau. (Imitiert die Stimme von Mario Barth.) „Kennst du das Gefühl wenn deine Frau, also kennste, wenn deine Frau deine Kreditkarte nimmt, und du weißt gar nicht, und plötzlich Abrechnung …Ähähäh, Buff! Und alle: „Äääääääääah, kenn ich!“ Dabei haben die gar keine Kreditkarte und können sich die 40 Euro für seinen Auftritt im Olympiastadion kaum leisten. Aber kommen wir nochmal zur Schweiz. Der Schweizer will ernst genommen werden. Aber wir Deutschen haben herrliche Vorurteile gegenüber der Schweiz. Das muss man den Schweizern ganz offen sagen. Und was man dem Schweizer auch klar machen muss, ist, welche Vorurteile er über die Deutschen hat. Das Erschreckende daran ist: Die sind auch alle wahr. Deutsche reden viel. Deutsche sind dominant, und so weiter.

© Harry G // Youtube

Sie sind fußballbegeistert. Schafft es Deutschland ins EM-Finale? 

Ja, klar. Das kann man doch ganz einfach sagen. Also Österreich mischt mit, Schweiz scheidet natürlich wieder aus.
 
Und gegen wen geht’s im Finale?
Gegen Brasilien. Na, Schmarrn. Ich tippe einfach einmal auf einen Underdog wie Polen. Die sind irgendwie stark und hätten sich das einmal verdient. Das Problem ist halt, die klauen dann den Ball und dann ist das Spiel vorbei. (Lacht.) Rausschneiden. Darf man das nicht sagen? Jetzt kommt halt. Das passt scho‘!

„Mario Barth macht Comedy für Leute, die kein Hirn haben.“
Harry G

Harry G Programm

© Christian Brecheis

Gibt es No-Gos in Ihrem Programm?

Ja, Witze über Minderheiten. Ich verarsche einmal die Chinesen. Da gibt es so viele davon. Das darf man. Und die sind auch lustig mit ihren Kameras und Selfie-Sticks bei uns am Marienplatz. Ich mache Witze über die Ostdeutschen. Das sind aber Deutsche, wie das Wort schon sagt. Ich mache keine Witze über Minderheiten. Ich mache nur Witze über deutsche Mehrheiten, niemals über ausländische Minderheiten. Also der Preiß ist die Mehrheit und deutsch. Der hat Geld und über den darf man mal Witze machen.

Was ist das Beste und Schlechteste an München?

Das Beste ist das Oktoberfest und die Biergärten. Das Schlechteste ist, dass das Oktoberfest völlig überlaufen ist von … äh … anderen Leuten.

Gibt es österreichische Kabarettisten, die Sie kennen und schätzen?

Roland Düringer. Also unerreicht ist die Szene in Hinterholz 8, wenn er mit seinem silbernen Nissan vor dieses Haus fährt und die Leiter fällt drauf. Und er kämpft so hart damit, vor dem Kind nicht cholerisch zu werden. Das ist zum Schreien. Den Film schaue ich mir immer noch bestimmt einmal im Monat an.

© Pascal Zeuke // Youtube

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05 2016 The Red Bulletin

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