Jim Jarmusch im Interview

Jim Jarmusch im Interview: „Määh, määäh!“

Foto: Jeff Vespa
Text: Rüdiger Sturm

Der amerikanische Kultregisseur weiß, wie du im Leben klarkommst: Telefonier mit den Göttern, verjag die Schafe, verzichte auf E-Mail.

THE RED BULLETIN: Paterson, der Titelheld Ihres neuen Films, lehnt es ab, sich ein Handy zuzulegen. Haben Sie eines?

JIM JARMUSCH: Ja, ich habe ein iPhone und ein iPad. Das sind alles bloß Werkzeuge, es kommt darauf an, wie wir sie einsetzen. Sie können nützlich sein, aber sie können dich auch einsaugen. Wenn ich von neuen Musikern lese, dann gehe ich danach auf Spotify oder YouTube, um mir ihre Sachen anzuhören. Aber ich hatte nie einen Laptop, und ich habe auch keine persönliche E-Mail-Adresse. 

Warum nicht?

Damit ich mich nicht den halben Tag mit E-Mails herum­schlage. Ich hab schon genug zu kämpfen, damit ich schreiben und Musik machen kann. Ich will lesen, nachdenken und meinen Job tun. Joe Strummer von The Clash sagte immer: „Kein Input, kein Output.“ Das heißt, du musst dir Zeit geben, um Sachen in dich aufzunehmen. Nur so kannst du selbst was hervorbringen.

© YouTube // KinoCheck

Und was ist mit Handys?

In New York ist es eine Plage – du gehst die Straße runter, und alle fummeln an ihren Telefonen herum. Am liebsten würde ich sie alle wegschubsen: „Was ist euer Problem? Da draußen gibt’s verdammt noch mal eine Welt!“ Aber du kannst sie nicht weg­schubsen. Die sind alle wie Schafe. Määh! Määäh! 

Eigentlich wirken Sie cool.

Nicht immer. Besonders mit unbelebten Objekten komme ich nicht klar. Es gibt Tage, da lasse ich die Teetasse fallen oder ruiniere Jalousien. Dann flippe ich aus.

Wie fangen Sie sich dann wieder ein?

Ich mache Sachen wie Tai-Chi und sage: „Komm schon, akzeptiere es. Finde dich damit ab, dass dein Haus voller zerbrochener Sachen ist und du dein Hemd verkehrt herum angezogen hast. Du bist einfach ein Idiot.“

Sind Sie ein Anhänger öst­licher Philosophien?

Ich habe eine buddhistische Sicht auf die Dinge, obwohl ich das nicht praktiziere. Wegen Tai-Chi habe ich mal bei einem Shifu, einem Lehrer, studiert, und ich habe viel dazu gelesen. Aber ich habe auch viele indianische Freunde. Die geben mir viel Hoffnung, denn die verstehen, wie alles auf der Erde miteinander verbunden ist. Irgendeine Art von Energie erfüllt uns Menschen und alle Dinge. Das gibt mir ein gutes Gefühl, obwohl der Planet eigentlich wegen der Überbevölkerung vor die Hunde geht. Die Natur fängt jetzt an aufzuräumen, und die meisten von uns werden dran glauben müssen.

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„Der Priester meinte, meine Katze kommt nicht in den Himmel. Danach ging ich nie wieder in die Kirche.“
Jim Jarmusch, 63

Fürchten Sie sich vor dem Tod?

Nein, aber ich will mich dar­auf vorbereiten. Mein Vater ist schon tot, in den letzten Jahren habe ich viele Freunde verloren, und meine Mutter ist inzwischen ziemlich alt. Ich liebe sie, und weil ich weiß, dass sie nicht mehr ewig da sein wird, lese ich jetzt das „Totenbuch der Tibeter“. 

Als Ihre Katze starb, sollen Sie einen Priester gefragt haben, ob ihre Seele in den Himmel kommt.

Er meinte nein, und ich ging nie wieder in die Kirche. Damals war ich zwölf. Aber haben Sie jemals von einer Droge namens DMT gehört? ­Ayahuasca, das von den Eingeborenen am Amazonas benutzt wird, ist eine Form davon. Du kannst das unter anderem rauchen, und das beantwortet Ihre Frage besser, als ich es je könnte.

Sie haben das benutzt?

Nur einmal. Sonst wird die Droge im Gehirn freigesetzt, wenn du stirbst. Sie öffnet dir also eine Art Fenster. Der Philosoph Terence McKenna, der halluzinogene Drogen und Schamanismus studierte, hat ziemlich viel zu dem Thema geschrieben, darunter sein Meisterwerk „Die Speisen der Götter“. Er meinte, wenn du solche Drogen nimmst, dann ist es so, als würdest du einen Anruf mit einer Botschaft bekommen. Halte diese Botschaft fest und leg dann auf. Das habe ich mir zu Herzen genommen. – Was rede ich da eigentlich alles? Ich kann es echt nicht glauben. 

Wir sollen uns also einen Trip einwerfen?

Ich fordere Sie sicher nicht auf, diese Droge zu nehmen. Aber mir hat sie ganz wichtige Antworten gegeben.

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11 2016 the red bulletin

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