Marteria

Meine vielen Leben

Text: Manuel Kurzmann
Fotos: Christoph Voy

Throwback Thursday: Der deutsche „Rap-Messias“ Marteria und die Szenen seines drehbuchreifen Werdegangs: Fußball-Jungprofi, Model, Schauspielschüler, Lichtgestalt des deutschen Hip-Hop.

Ebenso bemerkenswert wie der Erfolg des Marten Laciny in einem Genre, das als unrettbar galt, ist sein Weg dorthin. Der mittlerweile 31-jährige gebürtige Rostocker spielte in der deutschen U17-Elf unter Horst Hrubesch, shootete in New York mit Claudia Schiffer und ging mit Jan Delay auf Tour. Für THE RED BULLETIN beschreibt er die Meilensteine seines drehbuchreifen Lebens.

UNTER FUSSBALL-BERNDS

Das Leben eines Teenagers ist die Aneinanderreihung beschissener Momente. Zum Beispiel solcher: Du wechselst nach der Achten an eine andere Schule, wo du keine Menschenseele kennst. Als ziemlich guter Kicker – dazu später mehr – kam ich vom Gymnasium in die Sportschule Rostock, aber mehr als alles andere war ich damals Botschafter der Hip-Hop-Kultur.

Marteria

„Das Leben eines Teenagers ist die Aneinanderreihung beschissener Momente.“ Heutzutage gibt Marteria Konzerte, spielt auf Festivals und hat bis dato 2 Alben veröffentlicht.

© Foto: Getty Images


Ich war ein Streber in Sachen MCing, DJing, B-Boying und Graffiti. Saugte alles auf, was in Amerika passierte, besonders an der East Coast. Eh klar, was soll ein Junge aus dem Osten sonst hören? In meiner Eigenschaft als Botschafter marschierte ich am ersten Tag gleich mal mit Wu-Tang-Basecap in die neue Klasse. Method Man war mein Held, das wollte ich allen zeigen. Was ich nicht bedacht hatte: An der Sportschule gab’s nur Fußball-Bernds. Und denen war individueller Style völlig fremd. Logische Konsequenz: Ich wurde ausgelacht. Einer schrie: „O Gott, was ist das denn für ein Spast?“

Nach einiger Zeit fanden die Bernds meinen Kleidungsstil aber dann doch ziemlich super, und die ersten begannen, mit Baggy-Pants rumzurennen. Ein Typ war dabei, der anfangs krass einen auf Nazi machte, mit Springerstiefeln bis zu den Knien und allem. Ich diskutierte monatelang mit ihm – über Hip-Hop, den Lifestyle, der sich dahinter verbirgt, das Rappen. Klar, er war eine Glatze, was scheiße ist. Ich hab trotzdem mit ihm geredet. Denn meine Mutter hat mir schon früh beigebracht: „Marten, auch solchen Leuten muss man Alternativen aufzeigen!“

Damals trug Rostock ja den Nazi-Stempel, vor allem nach der Sache in Lichtenhagen 1992 (Rechts­extreme hatten ein Asylwerber­-Wohnheim in Brand gesetzt – teilweise unter Beifall der örtlichen Bevölkerung; Anm.). Viele Kids sahen keine Alternative und liefen deshalb einfach der Masse nach. Ich hasste das, weil ich Rostock immer als geile, liberale Stadt am Meer empfand, so viel schöner als alle anderen Städte, mit diesem riesengroßen Strand.

Hände hoch!

In Rostock gibt es das JAZ. Das ist ein kleiner Urban-Laden, wo regelmäßig Drum-and-Bass- und Hip-Hop-Partys und auch Open-Mic-Sessions steigen. Ich hing dort oft mit meinen Freunden ab, traute mich aber nie, selbst zu freestylen. Meine Rap-Sessions hatten bis dahin zu Hause stattgefunden, im Badezimmer, vor dem Spiegel, mit Haarbürste als Mikro. Und dann kam der Tag, an dem mein Kumpel Dead Rabbit – bis heute ein Produzent von mir – Geburtstag hatte, ich selbst war damals fünfzehn. Zum Feiern ging’s natürlich ins JAZ.

„Mein Sound ist grenzenlos! Rostock, nehmt eure Hände hoch“, war meine erste Line.


Er hatte einen geilen Beat am Start und ich endlich die Courage, auf die Frage des Ansagers, wer denn als Nächster rappen wolle, laut mit „Ich!“ zu antworten. Dann stand ich mit zittrigen Händen und Beinen auf die Bühne. „Mein Sound ist grenzenlos! Rostock, nehmt eure Hände hoch“, war meine erste Line. Nach ein paar Sätzen hatten Dead Rabbit und ich die 300 Leute im Publikum in der Tasche.

Marteria

2013, Juni. Vom Arbeitsamt auf die Center Stage: Marteria-Auftritt am Hurricane Festival, Scheeßel

Inselträume

Als Teenager dachte ich nicht im Ent­ferntesten daran, mal professioneller Rapper zu werden. Mein Plan war: als Fußballprofi viel Kohle verdienen, dann ein Kellerstudio einrichten, dort Platten aufnehmen. Die Vorzeichen dafür standen nicht schlecht: Seit ich sechs war, spielte ich bei Hansa Rostock. Ich war der Gestalter im zentralen Mittelfeld, der haufenweise Tore vorbereitet, ganz so wie mein damaliges Vorbild Michel Platini. Sogar torgefährlich war ich, vor allem mit dem Kopf. In meinen Jahrgängen war ich meist Kapitän, wurde später in die Landesauswahl und sogar in den Kader der Nationalmannschaft einberufen.

1998: Die erste Karriere: Marten Laciny (hintere Reihe Mitte) auf dem U17-Mannschaftsfoto des damaligen Bundesligisten F.C. Hansa Rostock. Seine Position: zentrales Mittelfeld. Größte Stärke: Tore vorbereiten. Unter Trainer Horst Hrubesch steht Marten im Kader der deutschen U17-Nationalmannschaft. „Er ließ mich rechts hinten auf der Lahm-Position spielen. Hrubesch hat die Spieler voll gefordert – selbst im Training.“ Nach vier Toren in einem Testspiel gegen die Jugendauswahl des spa­nischen Erstligisten RCD Mallorca ­bietet der Inselverein Marten einen Vertrag. Doch der lehnt ab und reist zu seiner Schwester nach New York.

Eines meiner besten Spiele gelang mir als Fünfzehn- oderSechzehnjährigem bei einem Trainingslager auf Mallorca. Wir spielten gegen eine Jugendauswahl des RCD Mallorca, damals ein spanischer Spitzenklub. Die Spanier gewannen 6:4, aber ich schoss alle vier Tore für die Hansa. Beim Auslaufen kam ein älterer Herr zu mir, drückte mir eine Visitenkarte in die Hand und sagte: „Gib Bescheid, wann wir nach Deutschland kommen können. Wir würden gerne mit deinen Eltern sprechen.“ Kurze Zeit später saß der Nachwuchs-Chef von Mallorca bei uns im Wohn­zimmer, bei Kaffee und Kuchen. Er schwärmte uns vor, wie toll die Insel sei, das Wetter, das Meer und so weiter. Meine Mutter war aber skeptisch. Und ich fühlte mich beim Gedanken, in einem fremden Land mit fremder Sprache zu leben, auch nicht wirklich wohl.

Claudia Schiffer halbnackt auf mir

Mit siebzehn fuhr ich für zwei Wochen zu meiner Schwester nach New York. Sie war ­damals Au-pair-Mädchen in Port Chester, einem Vorort der Stadt, wo die Leute ein bisschen mehr Kohle haben. Der kleine Marten, allein im Big Apple, eine absolut krasse Erfahrung für mich. Du spürst dort an jeder Ecke Hip-Hop. Einmal war ich auf dem Weg nach Brooklyn, zu Fat Beats, dem berühmten Hip-Hop-Laden. Vorher lief ich noch auf der Lexington Avenue herum und kaufte mir bei einem kleinen Touristenladen für zehn Dollar so ein New-York-Fucking-City-Shirt. (Hab ich immer noch!).

Marteria

1999: Als Marten, damals 17, seine Schwester in New York besucht, wird er von einem Model-Scout angesprochen und unterschreibt noch am selben Tag seinen ersten Vertrag (mit falschem Geburtsdatum). In den Folgemonaten steht er für Diesel, Hugo Boss oder „GQ“ vor der Kamera. „Meist gab’s 150 oder 200 Dollar Prämie. ­Damals unfassbar viel Geld für mich.“


Da klopfte mir ein topgestylter Typ auf die Schulter und meinte: „Hey! Kannst du dir vorstellen, als Model zu arbeiten?“ Ich so: „Äh klar, okay – was muss ich da machen?“ Er: „Wie alt bist du?“ Ich: „Achtzehn …“ Das war zwar gelogen, aber als Teenager tut man das bei Altersfragen ja fast reflexartig. Wir fuhren zum Empire State Building, wo die ihr Büro hatten. 20 Minuten später unterschrieb ich einen Vertrag.

Am nächsten Tag war das erste Shooting in Brooklyn, für meine Sedcard – alles natürlich total illegal, weil ich eigentlich ja erst siebzehn war. Aus schlechtem Gewissen beichtete ich ihnen das. Die Leute in der Agentur reagierten ­total nett und erklärten, ich solle nach Hause fliegen, die Sache mit meinen ­Eltern klären und dann wiederkommen. Das tat ich auch. Die erste Reaktion meiner Mutter war: „Hey, bist du total bescheuert?“ Bis dahin war sie Fußball-Mum, hatte mich seit frühester Kindheit täglich zum Trainingsplatz und wieder heim gebracht. Und das alles sollte umsonst gewesen sein? Aber ich hatte damals einfach das Gefühl: Ich muss das jetzt machen.

Es brauchte einiges an Überredungskunst, bis Mama mit mir zu Hansa ging und den Vertrag auflöste. Eine Woche später flogen wir nach New York, wo sie eine Vollmacht bei der Agentur unterschrieb. Nun war ich offiziell Model. Gleich mein erster Job war der ­krasseste in meinem ganzen Leben: Ich war Backup-Model bei einem „GQ“-­Covershooting – mit der wunderschönen Claudia Schiffer! Es war ein Unterwäsche-Shooting auf einer Couch, sie lag quasi halbnackt auf mir. Ich sag’s mal so: Ich war angespannt.

Saufen am Arsch der Welt

Fashion Week in New York, Prêt-à-porter in Paris, Castings in Mailand – das alles habe ich erlebt! Partys, oft auf irgend­welchen krassen Yachten, auf denen Lenny Kravitz, P. Diddy oder Madonna rum­standen. Es gibt niemanden, der da nicht happy gewesen wäre, nur: Der Job selbst war zum Vergessen. Bis zu 70 Prozent meiner Gage griffen sich die Agen­turen.

Grundwehrdienst. Das hieß: extrem viel saufen am Arsch der Welt. 15 Kilo zunehmen. Zurück zum Fußball? Unmöglich. Modeln? Hahaha!

Mit neunzehn machte ich Schluss. Ließ das Modeln sein und ging zur Bundeswehr. Grundwehrdienst. Das hieß: extrem viel saufen am Arsch der Welt. 15 Kilo zunehmen. Zurück zum Fußball? Unmöglich. Modeln? Hahaha! Ich wollte aber etwas Fixes machen, um in meinem Leben endlich mal etwas zu Ende bringen.

Über eine Rostocker Freundin kam ich auf die Idee, nach ­Berlin zu gehen, zur Schauspielschule. Im Nachhinein betrachtet, war’s eine der besten ­Entscheidungen meines Lebens. Dort wurden Sachen wie Atemtechnik als Fach angeboten, auch, wie man auf der Bühne steht oder wie man sich größer macht, als man ist.

Jan Delay liebt Marsimoto

Marteria

2013, Juni: Marteria und Fans am Southside ­Festival, Neuhausen ob Eck


Im Jahr 2006 produzierten wir, als Marsimoto, dann „Halloziehnation“, 30 Songs, im Schnitt 1:20 Minuten. Für viele war das Mickymaus-Mucke, aber ein kleiner Kreis fand das geil, Musikerkollegen vor allem.

Und dann, es war wohl im Sommer 2007, bekam ich auf MySpace eine Nachricht mit folgendem Inhalt: „Willst du mit uns auf Tour gehen?“ Geschrieben von Jan Delay, meinem Abgott! Damals war ich daheim in Rostock und lief gleich zu meiner Mutter, die auch fast umkippte. Die ganze Tour dann … ein Traum. Bei Jan im Nightliner mitfahren. Sofort große Liebe mit der Crew und den ganzen Leuten. Jan ist sowieso einer der lustigsten, nettesten Menschen, die ich kenne.

Der Engel vom Arbeitsamt

Anfang 2008 unterschrieb ich meinen Plattenvertrag bei Four Music, gleichzeitig den Verlagsvertrag bei Götz Gottschalk – der war ja regelrecht eine Ikone für mich, weil er Kool Savas oder Curse groß gemacht hat.
Mein erster Termin danach war beim Arbeitsamt, genauer gesagt bei meiner Betreuerin Frau Faecke, die in der Zeit vor dem Durchbruch so was wie mein Schutzengel war. Normalerweise bekommt man diverse Jobfindungsmaßnahmen reingewürgt und muss zu Vorstellungs­gesprächen im ganzen Land fahren, um überhaupt Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben.

Ich war aber voll mit der Musik beschäftigt und flehte Frau Faecke immer wieder an: „Bitte geben Sie mir Zeit, ich pack das schon.“ Sie glaubte dran! Umso schöner war der Moment, als ich ihr den Plattenvertrag vorlegen und sagen konnte: „Ich bin jetzt raus!“ Ich lud sie und ihren Mann zu meiner ersten großen Show in der Columbiahalle ein, zu der 4000 Leute kamen. Danke, Frau Faecke!

Marteria

2009 versuchten wir herauszufinden, wie Marteria, also ich, ohne Maske und Alter Ego klingen soll. Hip-Hop war tote Kunst, in Medien nur als  Messerstecher-Wahnsinn  dargestellt, schwulen- und frauenfeindlich. Darauf hatte ich keinen Bock.

Wer bin ich?

2009 versuchten wir herauszufinden, wie Marteria, also ich, ohne Maske und Alter Ego klingen soll. Wir hatten nur ein großes Ziel: den deutschen Hip-Hop zu retten. Klingt total behämmert, aber viele Labels in Deutschland sagten damals: „Leute, mit Hip-Hop schauen nicht mehr als 10.000 verkaufte Platten raus.“

„Ich wollte Hip-Hop wieder cool machen.“


Das war tote Kunst, in den Medien nur als Messerstecher-Wahnsinn dargestellt, schwulen- und frauenfeindlich. Deshalb stiegen viele ehemalige Rapper um und machten zeitweise nur noch Singer-Songwriter-Sachen, Max Herre zum Beispiel. Darauf hatte ich keinen Bock. Ich wollte Hip-Hop wieder cool machen. Und das gelang: Platz sieben der Charts! Und wir wären sogar noch höher gechartet, wenn unsere CDs nicht komplett alle gewesen wären, weil zu wenige in die Plattenläden gestellt wurden. Allein in Berlin dauerte es vier Tage, bis schließlich Nachschub geliefert wurde.

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02 2014 The Red Bulletin

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