Michael Fassbender - Der "Assassin's Creed"-Star im Interview

Speed, Geld und Sex - Michael Fassbender im Interview

Foto: Getty Images
Text: Rüdiger Sturm

Glaub an die Vorbestimmung, doch verlass dich nicht auf sie. Arbeite hart, aber respektiere auch das Glück. Und such dir wie Hollywood-Star Michael Fassbender etwas, um den Stress auf dem Weg zum Erfolg fortzuspülen.

„Ich bin am Verhungern.“ Viele Schauspieler würden so etwas am Anfang eines Interviews sagen und von ihren Assistenten den Zimmerservice aktivieren lassen – aber pronto! Michael Fassbender dagegen verzieht während unseres Gesprächs im Londoner Claridge’s Hotel keine Miene und hält bis zum Schluss durch, bevor er sein Magenknurren eingesteht – und dass er in der Zugluft der Air Condition am Erfrieren ist. 

Der Neunundreißigjährige hat eben jahrzehntelang seine Widerstandsfähigkeit trainiert, was auch erklärt, wie er es von einer irischen Kleinstadt, Killarney, in die Top-Etagen Hollywoods schaffte.

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Jetzt lässt er eines seiner bislang ambitioniertesten Projekte vom Stapel, die Game-Adaption „Assassin’s Creed“: ein guter Anlass, um die Härtetests auf seinem Weg zu reflektieren – bei rauer See, in den Bars von London und auf der deutschen Autobahn.

Demnächst im Kino … Assassin’s Creed

© youtube // Moviepilot Trailer

THE RED BULLETIN: Ihre Figur in „Assassin’s Creed“ hat eine Nahtoderfahrung. Wissen Sie, wie sich das anfühlt?

MICHAEL FASSBENDER: Ich hatte einen ganz seltsamen Traum, in dem ich einen Berg in Südirland hochradelte – in der Gegend, wo ich aufwuchs. Auf einmal stürzte ich mit meinem Rad einen Abhang hinunter, in den sicheren Tod. Das fühlte sich für mich so vertraut an, als wär’s mir wirklich passiert.

In einem früheren Leben?

Kann gut sein. Obwohl ich nicht zu den Leuten gehöre, die um jeden Preis ihre früheren Leben erforschen wollen. 

Aber in echt standen Sie nie zwischen Leben und Tod?

Doch, da gab’s ein paar haarige Situationen. Einmal fuhr ich mit dem Motorrad, da kamen mir zwei Autos allzu nahe, die so um die 220 draufhatten. Ich konnte den Windstoß spüren, als das eine an mir vorbeiraste. Ein anderes Mal schwamm ich bei ziemlich hohem Seegang im Meer, und ich dachte, ich ertrinke. Kritisch war’s auch beim Bergsteigen, wo ich einen Wettersturz erlebte.

Hey lovelies!!! How are we all??? #michaelfassbender #michaelfassy

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„Wenn du auch nur einen einzigen ernsthaften Gedanken an den Tod verschwendest, dann fängst du schon an zu sterben.“

Flippen Sie in solchen Situationen aus?

Ich weiß, dass ich da nichts machen kann. Letztlich denke ich, wenn meine Karte gezogen wird, dann wird sie gezogen.

“Übernimm Verantwortung oder werde zum Opfer“

Das heißt, Sie könnten damit leben, jeden Moment zu sterben. Macht Ihnen dieser Gedanke Feuer unterm Hintern?

Nein. Ich bin mir bewusst, dass ich langsam die Halbzeit meines Lebens erreiche – hoffentlich ist es auch die Hälfte! –, und damit rückt auch der Tod näher. Aber wenn du auch nur einen einzigen ernsthaften Gedanken darauf verschwendest, dann fängst du schon an zu sterben. 

Aber Risiken gehen Sie schon ein?

Klar. Im Film gibt es eine Szene, wo meine Figur den Todessprung (im Original: „leap of faith“; Anm.) macht – 40 Meter in die Tiefe. Das habe ich in vielfacher Hinsicht gemacht. Ob du dich auf eine Beziehung einlässt oder von einer Klippe ins Wasser hechtest, es ist immer ein Sprung des Vertrauens. Das Gleiche gilt, wenn du dich beruflich auf ein gewagtes Projekt stürzt.

Michael Fassbender dons the hood as Callum Lynch in the first official look at the #AssassinsCreedMovie.

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Wann zum ersten Mal?

Als Teenager. Manche Kinder bekommen bestimmte Dinge, und die habe ich eben nicht gekriegt. Also musste ich schon früh arbeiten. Mit zwölf, dreizehn hatte ich meine ersten Jobs im Sommer oder an den Wochenenden. Zwei, drei Jahre später war ich Geschirrwäscher in einem Fünfsternehotel. Unter meinen Kollegen waren viele Erwachsene, da ging es manchmal ziemlich heftig zu, und du wirst zu einem Teil dieser Welt. Du nimmst sie an, so wie sie ist, und lernst daraus. Du beginnst zu verstehen, was dir das Leben alles in den Weg legen kann. Welche Härten es gibt. Mit neunzehn ging ich dann nach London, um Schauspieler zu werden. Ich hatte nicht viel Geld, eigentlich kaum was. Und ohne nennenswerte Mittel auf so einem teuren Pflaster zu überleben ist sehr hart.

Ist diese Frühreife eine Erklärung für Ihren letztlichen Erfolg?

Das kann durchaus sein. Aber du musst dir auch deinen Glauben bewahren.

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„Das Leben ist nicht immer fair, eigentlich meistens nicht. Diese Lektion habe ich früh gelernt.“

Es ist also Ihr Glaube, der Sie antreibt?

Ich würde eher sagen: Leidenschaft. So habe ich die Schauspielerei für mich entdeckt. Mit achtzehn führte ich bei einer Bühnenversion von Tarantinos „Reservoir Dogs“ Regie, meine Freunde machten mit. Alles aus purer Liebe zum Projekt, aus Naivität und Hingabe.

Michael Fassbender im Interview

“Ich wäre nie da gelandet, wo ich jetzt bin, wenn ich nicht eine Reihe von Leuten getroffen hätte, die mir auf meinem Weg weitergeholfen haben.“

© Gage Skidmore/Flickr/Wikimedia Commons

Das haben Sie mit allen Kollegen gemein. Nur dass Sie auch zwei Oscar-Nominierungen auf Ihrem Konto haben und die überwältigende Mehrheit nicht. Wie wussten Sie, dass Sie’s draufhaben?

Ursprünglich wollte ich Gitarre in einer Heavy-Metal-Band spielen. Ich habe zwei Stunden täglich geübt, jeden Tag nach der Schule. Aber eines Tages kam ein Freund von mir mit seiner Gitarre vorbei, und sein Können hat mich einfach umgehauen. Mir war klar: Er hat es drauf und ich nicht. Aber ungefähr zur gleichen Zeit fing ich mit dem Schauspielunterricht an. In den meisten Schulfächern war ich bloß Durchschnitt. Aber zu dieser Sache hatte ich sofort eine Affinität. Hier hatte ich das Gefühl, dass ich mich ausdrücken kann.

Wird einem diese Veranlagung in die Wiege gelegt? Die Prämisse von „Assassin’s Creed“ ist ja, dass unser Leben von früheren Existenzen vorgeprägt ist.

Ich glaube, dass unser Leben vom Mutterleib an vorbestimmt ist. Aber gleichzeitig lebe ich nicht nach diesem Prinzip. Das heißt, ich lehne mich nicht einfach zurück, weil ich glaube, dass sich alles von selbst regelt. Ich bin bei allem, was ich tue, enorm engagiert und arbeite beruflich sehr hart. Der Job als solcher mag vielleicht nicht hart sein, aber ich stecke echt viele Stunden rein.

Wohl extrem viele Stunden: Als Sie Ihren Durchbruch mit dem IRA-Drama „Hunger“ hatten, waren Sie schon 31.

95 Prozent sind eben auch Glückssache. Es kommt darauf an, dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist und die richtigen Leute triffst. Als Schauspieler bist du sehr von anderen abhängig, die dich fördern. Ich wäre nie da gelandet, wo ich jetzt bin, wenn ich nicht eine Reihe von Leuten getroffen hätte, die mir auf meinem Weg weitergeholfen haben.

Moment mal – Sie meinten gerade, es käme auf harte Arbeit an, und jetzt ist es Glückssache?

Du musst natürlich auch geistig wach sein und diese Begegnungen richtig nutzen. Bei „Hunger“ war mir absolut bewusst, dass ich so eine Chance in den nächsten sieben, zehn Jahren nicht mehr bekomme – wenn überhaupt. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und nicht mehr losgelassen, mich voll drauf konzentriert und eben ganz hart gearbeitet.

Wie wissen Sie, welche Person für Sie richtig ist?

Als ich versuchte, mich irgendwie durchzuschlagen, arbeitete ich als Kellner und dann als Barkeeper. Das heißt, du hast immer mit Leuten zu tun. Jeder hat eine unterschiedliche Persönlichkeit und ein anderes Outfit. Und für jeden gibt es den passenden Drink. Du musst es also lernen, deine Kunden zu studieren. Und du musst Menschen mögen und dich für sie interessieren.

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© youtube // FilmSelect

Mochten Ihre Kunden Sie auch?

Oh, die Leute lieben es, mit Barkeepern zu reden. Du bist wie ein Priester für sie. Sie sitzen da, und nach ein paar Drinks – in vino veritas! In der Regel kamen sie nach der Arbeit, so um 17, 18 Uhr, und du erlebst erst mal den Typus klassischer Angestellter. Aber zwei Stunden später war das eine andere Person. Ich bekam da auch ein paar interessante Angebote.

In Sachen Sex?

In jeder Hinsicht.

Vermissen Sie das manchmal?

Überhaupt nicht. Ich machte das so viele Jahre, dass ich mir irgendwann dachte: Gott, ich hoffe, ich kriege endlich die Chance, das zu tun, was ich wirklich will. 

“Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“

Jetzt, wo Sie das tun, wie verlieren Sie da nicht den Blick für die wahren Prioritäten?

Ich halte mich an die Prinzipien, die meine Eltern mir beigebracht haben: Wenn du einen Job machst, dann mach ihn richtig. Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Respektiere die Menschen. Sei ehrlich, halte den Ball flach. Und nimm dich nicht zu wichtig. Deshalb kehre ich auch immer wieder gern nach Killarney zurück, um wieder Tuchfühlung mit meinen Wurzeln zu kriegen. Erst vor vier Tagen war ich zum letzten Mal da.

Deine Vergangenheit enthält den Schlüssel zu ...

Deine Vergangenheit enthält den Schlüssel zu deiner Zukunft. #AssassinsCreedFilm

Und manchmal brauchen Sie offenbar eine Motorradtour, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Leider bin ich seit einem Jahr nicht mehr dazu gekommen. Aber es hat schon was Kathartisches, Reinigendes, wenn du eine Straße entlangfährst, statt in den Flieger zu hüpfen. Du spülst da den ganzen Stress weg. Ich mag die Schinderei, wenn du einen Kilometer nach dem anderen runterfährst. Außerdem bist du auf dem Motorrad Teil der Landschaft, spürst die Straße, den Wind. Das ist eine richtige Erfahrung, bei der du deine innere Mitte findest. Und du lernst auch Ausdauer.

Sind Sie ein Tempofreak?

Ich mag Geschwindigkeit, finde sie entspannend. Deshalb liebe ich es auch, auf der deutschen Autobahn zu fahren – kein Limit!

Was ist Ihr Geschwindigkeitsrekord?

Knapp 260 Stundenkilometer im Auto und über 220 auf dem Motorrad. Aber als ich abstieg, war ich ein bisschen weich in den Knien.

Sie hatten also wieder mal Ihr Leben riskiert …

Wie Sie wissen, bin ich halb Ire, halb Deutscher. Den Letzteren kannst du in meiner Arbeitsdisziplin erkennen, und meine irische Seite spielt halt ein bisschen verrückt. 

Was hätten Sie gesagt, wenn – zum Glück ja nicht – das Schicksal Ihre Karte auf diesem Trip gezogen hätte?

„Okay, das ist es nun mal.“

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01 2017 The Red Bulletin

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