Musikerin Björk im Interview

Björk: Wie du die Natur als Kreativquelle nutzt

Text: Florian Obkircher
Fotos: Santiago Felipe

Mit jeder neuen Platte öffnet Björk ein Fenster zur Zukunft. Hier erklärt die große Pop-Visionärin, warum ihre Liebe zur Natur sie zu High-Tech-­Ideen inspiriert, wie Trolle die Kreativität anregen und ­weshalb Mark Zuckerberg die Weltmeere säubern sollte.

Björk ist der Pop-Konkurrenz immer einen Schritt voraus. Sie kollaboriert von jeher mit coolen jungen Elektronikern, um ihren Sound voranzutreiben. 2015 drehte sie als erste Musikerin ein 360-Grad-­Musikvideo. 2011 veröffentlichte sie mit „Biophilia“ die allererste Platte im App-Format.

Was Björk zu ihren visionären Ideen inspiriert? Ihre starke Bindung zur Natur – und Trolle, wie die 51-jährige Isländerin beim Interview im Rahmen der Red Bull Music Academy in Montreal erzählt.

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THE RED BULLETIN: Im Laufe Ihrer ­Karriere traten Sie in kleinen Punk-Clubs ebenso auf wie in großen Opernhäusern. Wo singen Sie am liebsten? 

BJÖRK: Ich singe am liebsten auf Berg­gipfeln. Dort oben habe ich meistens auch die besten Ideen für Songs.

Ist das nicht schade? Dort oben hört Sie doch niemand.

Im Tonstudio versuche ich mich in dieses Berggipfel-Gefühl hineinzuversetzen. Außerdem tüftle ich gerade an einem ­mobilen Aufnahmestudio, das ich bei meinen Wanderungen mitnehmen kann.

Beflügelt frische Luft Ihre Kreativität?

Es fühlt sich befreiend an, in der Natur zu singen. Was für mich von jeher wie Therapie ist. Als Kind hatte ich einen müh­samen Schulweg: 40 Minuten zu Fuß in der Finsternis, jeden Morgen. Das Singen beruhigte mich, wenn ich Angst bekam in der Dunkelheit.

Sorry, aber diese Vorstellung vom befreiten Singen am Berg klingt kitschig.

Waren Sie jemals in der isländischen Wildnis unterwegs?

Leider nein. 

Wenn ich von einer innigen Beziehung mit der Natur spreche, dann geht’s dabei nicht um Baumumarmungen oder Akustikgitarre am Lagerfeuer. Die Natur in Island ist Hardcore! Es gibt kaum Tiere oder Bäume. Die Landschaft ist karg und brutal. 

… und dennoch inspirierend?

Genau deshalb inspirierend! Wir haben eine reiche animistische Tradition in Island. Das bedeutet: Menschen glauben, dass jedes Objekt eine Seele hat. Jede Klippe und jeder Fels hat eine ­Geschichte zu erzählen. 

Woher kommt dieser Glaube?

Das hängt mit den Trollen zusammen.

Ähm …

Trolle sind nachtaktive Kreaturen. Wenn sie es nicht vor Sonnen­aufgang zurück in ihre Höhlen schaffen, werden sie zu Stein. Isländer glauben, dass Felsen versteinerte Trolle sind. 

Und wie kriegt man die dazu, ihre Geschichten zu erzählen?

Die denken sich die Menschen selbst aus. Ein Freund von mir verdiente früher sein Taschengeld als Touristenführer. Und er erzählte den Besuchern bizarre Geschichten: dass die Moose auf dem höckrigen Lavagestein Schafe gewesen seien, die von einem Vulkanausbruch überrascht wurden. Sie sehen also, die weite, leere Landschaft in Island beflügelt die Kreativität. Sie ist quasi eine weiße Leinwand für die Fantasie.

Kann eine starke Bindung zur Natur die Kreativität auch entfachen, wenn man nicht zwischen versteinerten Trollen lebt?  

Na klar! Hirnaufnahmen zeigen, dass nach 45 Minuten Wandern in der Natur etwas mit deinem Körper passiert. Der Rhythmus der Schritte stimuliert offenbar den Denkprozess. Ich versuche jeden Tag mit einem ausgiebigen Spaziergang zu beginnen. Und es ist fast immer das Gleiche: Nach einer Dreiviertelstunde überkommt mich plötzlich eine extreme Erleichterung. Es macht Klick, ich fühle mich total im Einklang – und die Probleme des Alltags verschwinden für den Moment.

Was tun als Großstädter ohne Park in unmittelbarer Nähe?

Als reisende Musikerin kenne ich das Problem gut. Ich versuche immer, möglichst viele Konzerte in Küstenstädten zu spielen: Bei einem Spaziergang am Meer hast du 180 Grad Leere um dich ­herum. Ich brauche diese Weite, damit sich bei mir dieses Gefühl der Erleichterung einstellt.

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Es ist interessant, dass Sie als großer Natur-Fan dennoch stets mit aktuellster Technologie ­arbeiten, wenn es um Ihre Musik geht. 

Ich bin viel weniger technikversiert, als die Leute glauben. Ich brauche die Hilfe von Freunden, um meinen Laptop aufzuräumen.

„Hass ist ein wichtiges Werkzeug, um rauszufinden, was du nicht willst. Nur wenn du das weißt, findest du deinen Weg.”
Björk

Und das von der Musikerin, die App-Alben und Virtual-Reality-Musikvideos veröffentlicht?

Mein Ziel ist, eine Brücke zwischen Technologie und Musik zu bauen. Ständig tauchen neue Tools auf, die unser Leben verändern. Mit meiner Kunst versuche ich, neue Verwendungszwecke für diese Tools zu finden. Ich bin Tinder für Technologie. 

Wie meinen Sie das? 

Ich bin wie eine Kuppler-App. Immer, wenn eine neue Technologie auf den Markt kommt, über­lege ich, wie ich sie am besten nutzen könnte.

Als ich 1999 meinen ersten Laptop kaufte, war mir schnell klar, dass dieses Ding mit seinen Aufnahmemöglichkeiten bald das klassische Tonstudio ersetzen würde. Im Touchscreen sah ich dann ein perfektes Werkzeug für pädagogische Zwecke. Ich nutzte es für „Biophilia“, um meine Vorstellung von intuitiver Notenkunde zu verwirklichen. Sie müssen wissen, ich war eine aufmüpfige Schülerin. Meine Lehrer vermiesten mir die Freude an der Musikwissenschaft durch ihren trockenen Ansatz.

Es sollte heißen: Vorwärts zur Natur, nicht zurück!

Björk war also eine junge Rebellin?

Und stolz darauf! Jugendliche Arroganz ist wichtig und charakterbildend. Igor Strawinsky schrieb in seinem Buch „Musi­kalische Poetik“ sinngemäß: „Es ist toll, zu hassen.“ Als Teenager konnte ich Bach und Beethoven nicht ausstehen. Ich fragte meinen Lehrer: „Wieso soll ich mich für diese toten Deutschen interessieren?“ 

Weil sie zu den wichtigsten Komponisten der Geschichte zählen?

Mein Punkt ist: Hass ist ein Werkzeug, um herauszufinden, was du nicht willst. Und nur wenn du das weißt, kannst du den richtigen Karriereweg für dich finden. Ich ermutige jeden: Sei wütend, hab keine Scheu davor, Dinge zu hassen.

Wie haben Sie sich diesen Lust-auf-Hass-Ansatz zunutze gemacht?

Streichinstrumente waren mir als Teenager zuwider, heute verwende ich sie oft auf meinen Platten. Diese jugendliche ­Ignoranz gegenüber einem Instrument gab mir später die Möglichkeit, mich ihm von einer anderen Seite zu nähern – und es so auf neue, originelle Weise zu nutzen.

Zurück zum Thema, wie passen Natur und Technologie für Sie zusammen?

Oft heißt es, die Natur sei die Vergangen­heit und Technologie repräsentiere die Zukunft. Das ist Blödsinn. Es sollte heißen: vorwärts zur Natur, nicht zurück. Die ­Verbindung der beiden Elemente wird immer wichtiger. Stellen Sie sich vor, die führenden Tech-Firmen würden sich ordentlich im Umweltschutz engagieren. Mit unserer heutigen Technologie könnten wir die Weltmeere säubern. 

Ein Aufruf zum Handeln?

Klar, denn mit Erfolg kommt Verantwortung. Wir sollten zehn Firmen wie Google, Facebook und Apple dazu auffordern, ­jeweils eine Milliarde in die Säuberung der Ozeane zu investieren. Ich bin mir ­sicher, wir könnten 2020 damit fertig sein. 

Falls Mark Zuckerberg also zufällig ­dieses Interview liest …

… dann soll er sich bei mir melden. Ich würde alle willigen Tech-Milliardäre in mein Ferienhaus in Island einladen. Um die Drinks kümmere ich mich – und vielleicht koche ich sogar für sie.

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05 2017 The Red Bulletin

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