Sean Pertwee Gotham Interview

Sean Pertwee über unsere ewige Faszination vom „Mythos Batman“

Interview: Holger Potye
Foto: Getty Images

The Red Bulletin plauderte mit dem britischen Charakterdarsteller Sean Pertwee beim TV-Festival in Monte Carlo über seine Rolle als Batmans Butler Alfred im Serienhit „Gotham“.

THE RED BULLETIN: Warum ist Batman, mehr als 75 Jahren nach seiner Erfindung, noch immer einer der populärsten Superhelden?

SEAN PERTWEE: Weil er ganz klar Grenzen ziehen kann. Er stellt sich gegen das System und setzt sich für die Menschen ein. Ich denke, mit dieser Philosophie kann sich jede Generation anfreunden. Der Mythos Batman lebt, weil er einer der wenigen ist, die ganz klar „Nein“ zu Dingen sagen können. Er hat Prinzipien, für die er einsteht. Das ist in der heutigen Zeit selten geworden. 

Würden Sie im echten Leben auch eine gute Figur als Butler machen?

Ich? Ich wäre absolut schrecklich als Butler. Aber ich kann eine verdammt gute Tasse Tee brauen. Das Geheimnis ist: Zuerst die Teekanne aufwärmen, bevor man den Tee macht! (Lacht.)

THE FACTS:

  • NAME: Sean Pertwee
  • GEBOREN: 4. Juni 1964 (Alter: 52)LondonEnglandUK
  • VERHEIRATET MIT: Jacqui Hamilton-Smith
  • KINDER: 1
  • BEKANNT DURCH: Dog Soldiers, Equilibrium, Cold Feet (TV-Serie) 
  • FUN FACT: Er ist der Sohn von Doctor-Who-Star Jon Pertwee

© YouTube // moviemaniacsDE

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Alfred und dem jungen Bruce (Wayne) beschreiben? Alfred unterstützt ihn einerseits bei seinem Training, gleichzeitig setzt er ihm aber auch Grenzen. 

Ich habe selbst einen Sohn, der lustigerweise auch Alfred heißt. Er ist jetzt 14. Mit jungen Menschen zu kommunizieren, ist selbst in guten Zeiten oft schwierig. Wenn du einem Teenager sagst, dass er etwas Bestimmtes nicht tun soll, kannst du dir so gut wie sicher sein, dass er es tun wird. Die Beziehung zwischen Alfred und Bruce Wayne ist dysfunktional, was impliziert, dass etwas zwischen den beiden nicht funktioniert. Aber in diesem Aspekt des Nichtfunktionierens liegt schon wieder eine Funktion. Die beiden wurden vom Schicksal zusammengeführt. Sie haben es sich nicht selbst ausgesucht. Alfred wollte niemals der Vormund für ein Kind sein. Bruce wiederum hat Alfred nie darum gebeten, sein Ersatzvater zu werden. Es ist einfach passiert. Beide leiden unter posttraumatischem Stress. Was Alfred und seinen jungen Master Bruce aber verbindet: Beide haben eine recht dunkle Seele.

Würden Sie sagen, dass beide voneinander lernen können?

Absolut. Mein Charakter hat gelernt, wie es ist, jemanden zu lieben und für ihn zu sorgen. Diese Fähigkeiten hatte Alfred zuvor nie wirklich entwickelt. In der ersten Staffel gab es eine Szene, in der Alfred von einem Charakter namens Reggie (Payne) niedergestochen wurde. Wenn es zu diesem Zeitpunkt nicht den jungen Bruce Wayne in seinem Leben gegeben hätte, hätte Alfred vermutlich zur dunklen Seite gewechselt. Eine Stärke unserer Show ist es, dass die Charaktere stets einen Drahtseilakt vollführen. Sie alle haben die Kapazität zum Guten wie zum Bösen.

Things ended badly this year at #sdcc . Goodbye cruel world,see you on the flip side @robinlordtaylor @gotham

A photo posted by Sean Pertwee (@seanpertwee) on

„Gotham“ findet langsam aber sicher seinen eigenen Weg - unabhängig vom restlichen Batman-Franchise. Ist das das Geheimnis des Erfolgs der Serie

Das gesamte Team ist selbstbewusster geworden. Jeder Einzelne hat eine Vision davon, was „Gotham“ ist, und wie es sein sollte. Einige unserer Storys haben den Fans anfangs weniger gefallen. Umso schöner ist es, dass wir von Staffel zu Staffel mehr Zuspruch bekommen. Die Fans akzeptieren unsere Interpretation der Welt von Batman. Bei „Gotham“ geht es darum zu zeigen, wie die Stadt selbst ihre kultigen Helden und Bösewichte prägt. Wir sehen, warum sie zu dem wurden, was sie heute sind. 

Jeder Charakter in der Serie macht eine persönliche Entwicklung durch. Sind Sie mit ihrer Entwicklung zufrieden? 

Ich möchte mich an dieser Stelle bei unserem Showrunner Danny Cannon bedanken. Er ist ein Visionär. Er kümmert sich um jedes kleine Detail in der Show. Er ist ein außergewöhnlicher Mann, genauso wie sein Kompagnion Bruno Heller. Wenn du unser Set betrittst, verschlägt es dir den Atem.

„Mit jungen Menschen zu kommunizieren, ist selbst in guten Zeiten oft schwierig. Wenn du einem Teenager sagst, dass er etwas Bestimmtes nicht tun soll, kannst du dir so gut wie sicher sein, dass er es tun wird.“
Sean Pertwee

Geben Sie uns ein Beispiel …

Ich bin mittlerweile schon lange im Geschäft und habe viel gesehen. Aber es gibt Momente, da verspüre ich noch diesselbe Aufregung wie damals, als ich als kleiner Junge meinen Vater auf ein Filmset begleitet habe. So geht es mir bei „Gotham“. Der Grund dafür ist diese Liebe zum Detail, die die Serie prägt. Wenn du am Set eine Zeitung in die Hand nimmst, wirst du darin tagesaktuelle News aus Gotham finden. Diese Liebe zum Detail verdichtet unsere Welt ungemein und treibt mir manchmal die Tränen in die Augen. 

Die Crew kümmert sich also um die kleinen Details, die die Show so echt wirken lassen?

Ich trage das Familienwappen meines Vaters als Tattoo. An unserem ersten Drehtag fiel die Tätowierung jemandem von der Kostümabteilung auf, als er Fotos von mir machte. Er hat die Info an unsere Ausstattung weitergeleitet. Die haben daraufhin das Wappen meines Vaters auf den Siegelring, den Alfred in der Serie hat, verewigt. Ich war total gerührt und hatte schon am ersten Drehtag Tränen in den Augen. Allein die Möglichkeit zu haben, einen Charakter über so lange Zeit - wir haben bereits 44 Stunden Gotham produziert und haben mindestens noch 22 weitere vor uns - weiterzuentwickeln, ist eine Ehre. Und da mein Charakter die einmalige Möglichkeit hat, den jungen Bruce Wayne mitzuformen, der später einmal den Mythos Batman begründen wird, ist eine wahnsinnige Herausforderung. Ich präge, wenn man so will, Batman mit. Wer kann das sonst schon von sich behaupten?

#gotham triple threat doing what they do best . Sitting down . #Exjunkets

Ein von Sean Pertwee (@seanpertwee) gepostetes Foto am

Die 2. Staffel der Serie fühlt sich von Anfang bis Schluss sehr rund an. Man spürt eine positive Entwicklung.

Wir drehten gerade die elfte Episode, als wir erfuhren, dass wir in dieser Staffel sechs zusätzliche Episoden produzieren müssten. Unsere Drehbuchschreiber hatten einen 16-teiligen Storybogen geplant und mussten diesen nun auf 22 Folgen erweitern. Was sie dabei entdeckten, war, dass die Charakterisierungen unserer Figuren bereits ziemlich gut funktionierten. Das erste Mal fiel uns das bewusst bei einer Figur auf - nämlich dem Oger. Er wurde in einer drei- oder vierteiligen Story vorgestellt, die bei den Fans extrem gut ankam. Jede TV-Serie muss ihren Rhythmus und ihren Herzschlag in der ersten Staffel finden. Gelingt dir das nicht, hast du ein Problem. Die Storyline mit Oger und Barbara war der Moment, in dem wir den Herzschlag unserer Show gefunden hatten. Genau mit diesem Spirit sind wir in die zweite Staffel gegangen und lagen damit goldrichtig, wie wir heute wissen.

„Jede TV-Serie muss ihren Rhythmus und ihren Herzschlag in der ersten Staffel finden“

 Die Schauspieler von „Gotham“ spielen allesamt Kultcharaktere. War da als Schauspieler nicht die Belastung groß? Immerhin gab es schon zahlreiche, berühmte „Alfreds“ vor ihnen.

(Nickt.) Die Antwort darauf ist ganz einfach. Wir wussten nicht, für wen wir vorsprechen. Wir bekamen die Einladung zum Vorsprechen und einigen Seiten eines Skripts. Aber daraus konnte man nicht erkennen, um welche Serie und welchen Charakter es ging.

Wie kann man sich das vorstellen?

Ich drehte gerade die TV-Serie „Elementary“ mit Jonny Lee Miller, als ich die mysteriöse Casting-Einladung bekam. Ich flog also nach L.A. und plötzlichen stehen Bruno (Heller) und Danny (Cannon) vor mir. Ich fragte sie: „Was macht ihr hier?“ Und sie sagten: „Wir produzieren eine kleine, neue Show namens ‚Gotham’.“ Ich tippte auf mein Vorsprech-Skript und sagte: „Oh! Und wer zur Hölle ist die Figur in meinem Skript, die ich spielen soll?“ Sie lachten und sagten: „Das ist natürlich Alfred.“ Wir wurden also von den Produzenten direkt ausgewählt, ohne zu wissen für welche Rolle. Was im Nachhinein betrachtet ein Vorteil war, denn so trugen wir nicht die Bürde unserer berühmten Vorgänger auf den Schultern. Wenn ich gewusst hätte, dass ich Alfred verkörpern sollte, und dann an Sir Michael Caine (Hinweis: Er spielte Alfred in der Batman-Trilogie von Christopher Nolan) gedacht hätte, hätte ich es garantiert versemmelt. Ich hätte vermutlich eine Panikattacke bekommen. Unsere Showrunner wussten genau, wen sie für welche Rolle haben wollten. Da fühlt man sich als Schauspieler natürlich geschmeichelt.

Klicken zum Weiterlesen
10 2016 The Red Bulletin

Nächste Story