Sienna Miller im Interview zu "Live by Night"

Lover & Fighter:
Sienna Miller

Text: Rüdiger Sturm
Fotos: Tom Craig/Trunk Archive

Hurra, wir leben noch! Sienna Miller über den Geist der Roaring Twenties und Genie, das sich in gnadenloser Präzision ausdrückt.

Sienna Millers Gegenwart ist spektakulär. Nach einer Hauptrolle in „American ­Sniper“, dem finanziell erfolgreichsten Film Clint Eastwoods, und ihrem Auftritt im legendären Musical „Cabaret“ am Broadway ist sie jetzt als ­einer der Stars von „Live by Night“ zu sehen, inszeniert von Oscar-Gewinner Ben Affleck

Sienna Millers Vergangenheit ist Legende: Die ungekrönte Königin des Londoner Jetsets war dank ihres atemberaubenden Aussehens logische Darstellerin in zwei Filmen über berüchtigte Frauenhelden – „Alfie“ und „Casanova“ – und brillierte auch als ernsthafte Schauspielerin in Dramen wie „Factory Girl“.

Nicht unbedingt ihre beste Zeit. Sie wurde von den Paparazzi verfolgt; die britische Boulevardpresse hörte sogar ihr Telefon ab. Aber die Tochter eines Models und eines Kunsthändlers hatte schon als Kind Durchhaltefähigkeit entwickelt, als sie mit acht aufs Internat geschickt wurde. Sie verklagte ihre Medien-Stalker und behauptete sich in Hollywood auf die harte Tour, erarbeitete sich mit aufreibenden Vorsprechterminen Prestige­rollen in Dramen wie dem Oscar- und Golden-­Globe-prämierten „Foxcatcher“ und, siehe oben, „American Sniper“ und „Cabaret“.

Nun bitte: Vorhang auf! Sienna Miller über ihre Arbeit in „Live by Night“:

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THE RED BULLETIN: Frau Miller, wie war die Zusammenarbeit mit Ben Affleck? 

SIENNA MILLER: Ben schafft eine ungemein produktive Atmosphäre. Ich habe noch nie ­einen so gut gelaunten Dreh erlebt. Ich ­respektiere ihn auch als Schauspieler enorm. Er kombiniert Charisma mit der Fähigkeit, in Nuancen unglaublich stark zu sein. 

Apropos Nuancen: Szenenbildner Jess Gonchor (u. a. „Foxcatcher“; Anm.) ist ­berüchtigt für seine Detailversessenheit.

Ja, Wahnsinn. Das gilt sogar für Dinge, die man gar nicht sieht im Film. Ein Beispiel: In der Anfangsszene serviere ich von einem Tisch aus Drinks. In einer Pause öffnete ich bloß aus Interesse die Schubladen. Jess hatte da alte Füller hineingelegt. Und original Streichholzschachteln aus den Zwanzigern.

„Auch wenn man die Unterwäsche im Film nicht sieht – sie prägt, wie Kleidung generell, den Charakter und ist daher enorm wichtig für die Rolle.“

Klingt ziemlich extrem … 

Das ist Präzision. Unsere Kostümbildnerin Jacqueline West war genauso. Sie sorgte ­sogar dafür, dass meine Unterwäsche zu den Zwanzigern passte, obwohl die keiner sieht.

Wozu ist das dann gut?

Kleidung prägt den Charakter. Das ist wichtig für die Rolle. Ich trug auch Schuhe, die mir zu klein waren. Aber sie waren Originale aus dieser Zeit. Das war mir wichtiger. 

„Der Geistder 1920er? Jeder hatte Tod und Zerstörung im Weltkrieg erlebt. Jetzt lebten alle für den Augenblick. Der ‚Wir haben überlebt!‘-Spirit gab unglaubliche Power.“
Sienna Miller, 35

© Youtube // Warner Bros. DE

Was ist so speziell am Spirit der 1920er?

Das war eine Ära, in der sich alles änderte. Jeder hatte im Ersten Weltkrieg Tod und Zerstörung miterlebt. Jeder hatte geliebte Menschen verloren. Deshalb lebten alle nur im Augenblick. Ich würde das nicht nostalgisch verbrämen wollen, aber ich liebe die Musik, die Architektur, die Dekadenz und das Chaos des Jazz-Zeitalters. Es lag eine Stimmung von „Wir haben überlebt“ in der Luft, was der jungen Generation eine unglaubliche Power verlieh. Mich inspiriert das sehr.

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02 2017 The Red Bulletin

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