The Clairvoyants: Thommy Ten und Amélie Van Tass

The Clairvoyants:
„Hör auf zu googeln und lass dich fallen!“

Text: Alexander Dollischal
Foto: Sebastian Konopix / imagicians.de

Thommy Ten und Amélie Van Tass lieben es, in staunende Gesichter zu blicken. Mit ihrer Zaubershow reisen sie bald um die ganze Welt und vergessen dabei aber nicht auf die „kleinen Dinge im Leben“. Ein klärendes Gespräch über die Kunst, eine Menschheit verblüffen zu wollen, die den wissbegierigen Teil ihrer Seele beinahe an eine Suchmaschine verkauft hat.

Vor fünf Jahren ist das Zauber-Duo Thommy Ten und Amélie Van Tass bei der 1. Staffel der ORF-Talentshow „DIE GROSSE CHANCE“ in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Jetzt kehren sie als amtierende Weltmeister der Mentalmagie zurück und haben obendrein vor mehr als 100 Millionen Fernsehzusehern den 2. Platz bei „America’s Got Talent“ belegt.
 

Von Imagewandel und großem Ego fehlt jeder Spur. Zwei insgeheime Superstars von Morgen erzählen im Interview mit The Red Bulletin, wie man die Menschen tatsächlich noch zum Staunen bringt …

THE RED BULLETIN: Ihr kommt direkt vom Finale aus L.A. – erzählt mal: Was ist der größte Unterschied zwischen einer österreichischen und einer amerikanischen Casting-Show?

THOMMY: Das ist eigentlich ganz einfach. Bei den meisten Shows gibt es 2-3 Sendungen und dann ist schon das Finale. Die Entscheidung ist gefallen und der Sieger gekürt. Bei „America’s Got Talent“ zieht sich die Produktion über ein halbes Jahr und der Weg zum großen Finale führt durch insgesamt sieben Aufzeichnungen. So bist du viel länger und auch viel öfter im Fernsehen präsent und hast mehr Möglichkeiten, dein Talent zu präsentieren.

Wenn ihr euch im TV präsentiert … was ist das Ziel eurer Show?

AMÉLIE: Als Künstler gibst du dem Publikum eigentlich sehr intime Dinge Preis und ich glaube, das ist auch irgendwie Sinn und Zweck der Sache, denn so schaffst du es, die Leute wortwörtlich zu „verzaubern“. Ich kann das nur aus eigener Erfahrung bestätigen, es gibt für mich nichts Schöneres als magische Momente. Und die Gäste unserer Show sehen das zum Großteil sehr ähnlich.

Schau dir die Finalshow von Thommy und Amélie an

© Youtube // America’s Got Talent

Welche Grenze würdet ihr auf der Bühne niemals überschreiten?

THOMMY: Wir stellen niemanden bloß, was oft in Kontrast zum Volksglauben steht. Als Zuschauer bestimmst du selbst, ob du interaktiv teilnimmst oder ob du einfach nur „Watcher“ bist. Wir zwingen niemanden, etwas zu tun. Und Experimente machen wir natürlich auch nicht (lacht).

Was habt ihr voneinander gelernt?

THOMMY: Amélie hat diese uneingeschränkte Weltoffenheit, von der ich in unserer Zusammenarbeit extrem profitiere. Und sie besitzt die Gabe, die verschiedensten Dinge als Inspirationsquelle zu nutzen, was in kreativen Projekten und in der darstellenden Kunst generell sehr wertvoll ist.

AMÉLIE: Von Thommy lernst du auf jeden Fall, wie du professionell arbeitest, das beeindruckt mich immer wieder. Außerdem besitzt er die Fähigkeit, wichtige Entscheidungen - auch unter Druck - richtig zu treffen.


Was ist bei gefährlichen Tricks wichtiger? Vertrauen oder Professionalität?

AMÉLIE: Alles ist wichtig. Für Tricks auf diesem Niveau müssen alle Faktoren miteinander harmonieren – dazu zählen:

  • Eine intensive Vorbereitung
  • Vertrauen in dein Team, das im Hintergrund arbeitet
  • Der Glaube an dich selbst - auch wenn es nicht immer funktioniert

Und selbst dann weißt du nie, was passiert. Wenn ich beispielsweise bei der Finalshow auf die Leiter steige, blende ich den Rest der Welt aus. Dann gibt es nur mich und das Wasser. Und meine Verbindung zu Thommy. Klingt riskant, oder? (lacht)

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Gehört Lampenfieber zur Professionalität dazu?

THOMMY: Auf jeden Fall. Viele Leute werden hier wahrscheinlich anderer Meinung sein, aber ein gewisses Maß an Anspannung oder Lampenfieber macht eine Performance erst vollkommen. Es lässt dich gleichzeitig natürlich und menschlich wirken. Genau so nimmst du die Zuseher mit auf deine Reise.

The Clairvoyants: America's Got Talent 2016

© Sebastian Konopix

Auf welche Art und Weise muss man als Zuschauer denken, um eure Show zu durchschauen? Falls das überhaupt möglich ist …

AMÉLIE: Wenn du eine Zaubershow in vollen Zügen genießen willst, dann denkst du am besten GAR NICHT. Du lässt dich von uns „abholen“ und wir entführen dich für zwei Stunden in eine Welt, die du so nicht kennst. Es geht weniger darum, die Dinge nachvollziehen zu können, sondern um die Fähigkeit, sich fallen zu lassen. Das kann ich jedem Besucher unserer Show ans Herz legen. 

THOMMY: Es gibt zwei Arten von Zusehern: Die Genießer und die Grübler – deren jeweilige Charakteristik erklärt sich von selbst, denke ich (lacht). Viele unserer Zuschauer googeln bereits während der Show nach Erklärungen. Und das ist okay so, jeder Mensch hat in der Verarbeitung seine eigenen Wege. Empfehlen würden wir es allerdings nicht, eben wegen des Genussfaktors.

Angenommen ich bin ein Grübler: Welchen Tipp für die Google-Suche würdet ihr mir geben?

AMÉLIE: Da kann ich nur „www.diementalisten.com“ empfehlen (lacht). Die beste Webseite aller Zeiten ;-)

THOMMY: Für alle, die diesen Marketing-Zaubertrick jetzt nicht verstanden haben – das ist unsere Website (lacht).

The Clairvoyants: America's Got Talent 2016

© Sebastian Konopix / imagicians.de

An welchem Punkt verliert ein Zauberkünstler sein Pokerface?

THOMMY: Es passiert immer dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Dann bist du entweder professionell genug oder eben nicht. Ich erinnere mich an eine Show von einem Zauberer, dessen Trick komplett schief gegangen ist. Er hat einen Handstand gemacht und so das Publikum abgelenkt. Niemand hat etwas von der Panne gemerkt. Das ist dann der Inbegriff von „Improvisation“ und absolute Weltklasse.

Mal angenommen, dass Magie so real wie in „Harry Potter“ ist: Welchen Zauberspruch würdet ihr gerne beherrschen?

AMÉLIE: Ich würde gerne fliegen können …

Einfach so oder mit Besen?

AMÉLIE: Nein, einfach so, ich brauch keinen Besen (lacht).

THOMMY: Für mich gäb’s da viele. Aber die Kunst des Schwebens wäre schon eine feine Sache (grinst).

„Es geht weniger darum, die Dinge nachvollziehen zu können, sondern um die Fähigkeit, sich fallen zu lassen.“
Amélie Van Tass

In einer komplett digitalisierten Welt, in der alles so scheint, als hätte man es schon irgendwo gesehen und jeder Mensch einen großen Teil unseres Gesamtwissens von einer Suchmaschine bereitgestellt bekommt: Wie findet man da noch Dinge, die die Menschen tatsächlich verblüffen?

THOMMY: Das ist genau das, wonach wir in unserer Show streben. Schon klar: Jeder kann theoretisch alles wissen, wenn er nur eine Internetverbindung hat, aber es gibt dann vielleicht doch Situationen (wie zum Beispiel in einer Zaubershow), in denen die Leute keinen Anhaltspunkt haben und nicht wirklich etwas tun können, außer zu staunen. Das sind die Momente, für die wir brennen.

Wie verblüfft ihr einen Menschen abseits der Bühne? Also im privaten Bereich …

AMÉLIE: Kennst du das Gefühl, wenn du mit jeder Menge cooler Geschichten von einer unglaublichen Reise nach Hause zu deinen Liebsten kommst und sie schon sehnsüchtig darauf warten, von deinen Storys verblüfft zu werden? Ich denke, genau so geht das.

Und wie ist es umgekehrt? Wie kann man euch verblüffen? Oder seid ihr schon resistent?

THOMMY: Ich berufe mich hier auf „die kleinen Dinge im Leben“. Das klingt jetzt vielleicht unspektakulär, aber es ist so: Spontane Treffen mit Freunden, gemeinsam zu lachen. Auf Hipster-Sprache in einem Wort: Quality Time.

The Clairvoyants: America's Got Talent 2016

© Sebastian Konopix

Wenn man eure Show mit einem Hollywood-Thriller vergleicht, dann erkennt man sehr schnell, dass die benötigten Mittel, die beim Zuseher zum Staunen führen, sehr konträr sind. Im Thriller sind es Stuntmänner, Explosionen o. Ä. – ihr seid zu zweit auf der Bühne hübsch gekleidet und kommuniziert mit dem Publikum. Wie schafft man es mit so geringen Mitteln, eine Menschenmasse in Ekstase zu versetzen?

AMÉLIE: Du brauchst Leidenschaft für das, was du tust. Und du musst daran glauben. Nur wer selbst Leidenschaft hat, kann diese auf andere Menschen übertragen. 

THOMMY: Ich glaube, alles was von Herzen kommt, hat das Potential, in andere Herzen zu gelangen und dort ein Feuer zu entfachen.

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09 2016 The Red Bulletin

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