Leichenbestatterin Caitlin Doughty

Bei Caitlin Doughty ist das Sterben nicht immer todernst

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Youtube/Ask A Mortician

Einschneidende Erlebnisse ebneten Caitlin Doughtys Weg zu einer Gallionsfigur für positiven Umgang mit dem Tod. Angst vor dem Unvermeidlichen sollten wir nicht haben, meint die Leichenbestatterin und Bestseller-Autorin.

Der Tod begleitet Caitlin Doughty auf Schritt und Tritt. Im Alter von 22 Jahren nahm sie eine Stelle in einem Krematorium an und musste gleich am ersten Tag einen kürzlich verstorbenen Körper für die Feuerbestattung vorbereiten. Ein Moment, der Doughtys Leben veränderte und sie dazu inspirierte, den Umgang der westlichen Welt mit dem Tod zu verändern.

„Häng mit der Leiche ab!“, ist der Appell, mit dem sie ihre Vision flapsig auf das Wesentliche herunterbricht. Die etwas elegantere Version: „Wenn du dich entscheidest, Zeit mit dem toten Körper zu verbringen, wird das deine Beziehung zum Tod und deine Trauer um die verstorbene Person verändern.“

The Red Bulletin Innovator traf die Leichenbestatterin im Rahmen von TEDxVienna OUT THERE zum Gespräch über …

  • die lähmende Angst vor dem Sterben
  • die besten letzten Worte
  • ihre Faszination für den Tod
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THE RED BULLETIN INNOVATOR: Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie den Friedhof jeder Stadt kennen, die Sie besucht haben?

CAITLIN DOUGTHY: Ja. Ich nenne das meine „Deathstination“ - mein Todes-Reiseziel, wo auch immer ich hingehe. Und ich muss sagen, ich liebe Wien, denn das ist eine echt freche Todes-Stadt. Gruften, pathologisches Museum, Wachsmuseum - das ist ein Paradies für mich. Ich interessiere mich immer dafür, wie eine Kultur mit dem Tod umgeht. Es sagt viel über eine Kultur aus, wie präsent - oder eben nicht - Tod ist und wie die Menschen ihm begegnen.

Caitlin Doughty

Seit nunmehr neun Jahren verfolgt Doughty ihre Mission.

Sie eröffnete das non-profit Bestattungsinstitut „The Order of the Good Death“, betreibt die Web-Serie „Ask a Mortician“ und schrieb den Bestseller „Smoke Gets in your Eyes“.

Für ihr nächstes Buch, „Death around the World“, bereiste Doughty Länder rund um den Globus, um kulturelle Unterschiede im Umgang mit dem Tod zu dokumentieren.

Was sagt der westliche Umgang über unsere Kultur aus?

Zwei Dinge stechen in westlichen Ländern heraus. Zum einen sind die Kosten für den Tod zu hoch, zum anderen ist es die Angst vor dem toten Körper. Das bedingt, dass die Menschen kein Gefühl dafür haben, dass sie in das Ableben eines Angehörigen involviert sein können, sie sind sehr distanziert. Die Menschen haben Angst vor dem Tod und gleichzeitig finden sie keinen Weg, dem Thema näher zu kommen.

Caitlin Doughty

„Wir machen nichts Schönes mehr rund um den Tod“, meint Doughty.

Ich versuche mit meinem Bestattungsinstitut neue Rituale zu kreieren, die eigentlich großteils alte Rituale sind. Du kannst dabei sein, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Du kannst neben dem toten Körper sitzen und eine Totenwache abhalten, auch in den eigenen vier Wänden. Es muss nicht sofort der Bestatter kommen und den Körper wegschaffen. Du kannst präsent sein und hast ein größeres Gefühl der Kontrolle. Diese Verbindung zum Toten zu schaffen ist mein Ziel.

Warum müssen wir keine Angst vor dem Tod haben?

Es ist schwierig zu sagen, man soll sich nicht vor dem Tod fürchten, denn es liegt in der Natur des Menschen, Angst davor zu haben. Aber es gibt Dinge, wie den toten Körper, vor denen wir uns nicht fürchten müssen. Es ist ein kultureller Mythos, dass er gefährlich sei. Die Bakterien, die Krankheiten verursachen, sind nicht dieselben, die für die Zersetzung des Körpers sorgen.

Ich denke, die Angst vor dem Tod kommt daher, dass wir ihn in gewisser Weise stigmatisieren. Die toten Körper, die wir sehen, sind Zombies und die entstellten Leichen in Krimis. Wir sehen Tod nur auf diese schreckliche Weise. Wir sehen niemals wie eine verstorbene Großmutter liebevoll aufgebahrt wird. Wir machen nichts Schönes mehr rund um den Tod. Es sieht so aus, als würden wir uns nur noch dem Horror des Todes hingeben.

Was fühlen Sie beim Anblick eines schön aufbereiteten Totenbettes?

Es berührt mich sehr und fühlt sich wundervoll an. Genau das ist es, was ich versuche: die Familien zu involvieren und ihnen dabei helfen, sich um den Tod ihres Angehörigen zu kümmern. Vor kurzem betreute ich eine Frau, deren kranke Mutter im Sterben lag. Ich sprach im Vorfeld mit ihr und da ich sah, dass sie damit umgehen kann, ließ ich sie alleine, als es dem Ende entgegen ging. Später schickte mir die Tochter ein Handy-Video von ihrer toten, aufgebahrten Mutter. Sie trug ein weißes Kleid und war umgeben von Rosenblüten und Kerzen. Es war wunderschön und die Tochter war so stolz. Es war eine völlig andere Erfahrung für sie, als hätte sie sich im Bestattungsunternehmen von ihrer Mutter verabschiedet. Dort gehtst du hinein, siehst kurz den Körper und rennst davon. Aber das war eine interaktive Erfahrung, an die sie sich ihr Leben lang erinnern wird. Und es gibt ihr ein gutes Gefühl, weil sie weiß, dass sie das für ihre Mutter getan hat.

© Youtube // TEDx Talks

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Haben Sie eigentlich Angst vor ihrem Tod?

Ich denke nicht, dass man das jemals wirklich loswerden kann. Aber was ich gelernt habe, ist, dass die Beziehung zu deinem Tod eine der wichtigsten Beziehungen in deinem Leben ist. Sie ist wie eine Liebesbeziehung. Heute fühle ich mich vielleicht großartig, wenn ich über meinen Tod nachdenke. Aber morgen, wenn ich einen neuen Partner habe, Kinder bekomme oder meinen Job verliere - was ist dann? Solche Dinge verändern deine Einstellung zum Tod. Du musst diese Beziehung immer wieder begutachten und dir verdeutlichen, wo du stehst. Wenn Angst, große Nervosität oder etwas Seltsames vorhanden ist, dann befass dich damit und räume es aus.

Caitlin Doughty

„Die pathologische Angst vor dem Tod muss es nicht geben.“

Warum fasziniert Sie der Tod so sehr?

Als ich ein junges Mädchen war, sah ich, wie ein Kind von einem Balkon fiel. Ich fand es letztlich nie heraus, aber ich schloss damals aus dem Gesehenen, dass das Kind gestorben sein muss. Es war entsetzlich. Durch dieses Erlebnis hatte ich wirklich, wirklich Angst vor dem Tod. Ich denke, dass wir alle als Erwachsene versuchen, etwas zu reparieren, das in unserer Kindheit schlecht lief. Und bei mir ist es das. Ich will nicht, dass andere Menschen sich so fürchten, wie ich es tat. Es gibt die natürliche Angst vor dem Tod, aber die pathologische Angst, die vor allem wir in unserer westlichen Kultur haben, muss es nicht geben.

Hält uns diese Angst ein wenig davon ab, unser Leben zu genießen?

Das denke ich schon. Für viele Menschen ist sie sehr destabilisierend. Ernest Becker (für „The Denial of Death“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, Anm.) hat mich sehr beeinflusst. Er meinte, dass jeder Mensch vom Tod getrieben ist und alle Wünsche, ein Star zu werden, ein Held zu sein, Kinder zu kriegen usw. ihren Ursprung in der Todes-Furcht haben. Weil wir den Tod fürchten, versuchen wir all das zu erreichen.

Meine Vorträge und die Fragen, die mir gestellt werden, zeigen mir, dass die Menschen jemanden brauchen, der über den Tod spricht und ihn nicht furchteinflößend darstellt. Wenn ich in der Art von „Du weißt, der Tod wird dich holen …“ sprechen würde, würde mir niemand zuhöhren. Aber ich gehe die Sache mit einem Lächeln und etwas Humor an. Das wollen die Leute.

Die schlimmste Art zu sterben? Eines der Themen, denen sich Caitlin Dougthy in „Ask a Mortician“ widmet.

© Youtube // Ask A Mortician

Glauben sie an ein Leben nach dem Tod oder ist er das unwiderrufliche Ende?

Ich glaube nicht, dass danach noch ewtas kommt. Ich bin sehr säkular eingestellt. In meiner Vorstellung vom Sterben überkommt dich weißes Licht. Das ist der Zeitpunkt, in dem dein Gehirn herunterfährt. Wie bei einem Film entschwindest du langsam. Das ist das Ende. Und für mich ist das eigentlich ganz angenehm. Die Vorstellung, in eine andere Welt zu gehen, erscheint mir nicht erstrebenswert. Ich mag die Idee des Nichts nach meinem Tod.

Wenn Sie so dahinscheiden, was sollten Ihre letzten Worte sein?

Hm, „Hängt mit meiner Leiche ab!“, wäre natürlich naheliegend. Auch „Caitlin out“ oder „Viel Glück, ihr Lebenden“, hätte etwas. Lustig wären ein Satz, den ich nicht beende, wie „Ich muss euch von dem Schatz in … aaaarrrggg“ oder etwas Kryptisches, wie „Die Antwort befindet sich im Schließfach“. Das wäre ein Spaß für diejenigen, die am Leben bleiben müssen.

Sind letzte Worte ein großer Mythos?

Ich denke, die Hälfte der berühmten letzten Worte wurden so nicht gesagt. Man muss aber auch bedenken, dass Menschen heute anders sterben als früher. Wir sterben nach langen Krankheiten, stehen dabei oft unter Morphin und gurgeln nur noch vor uns hin. Das kann ziemlich furchtbar sein, weit weg davon, wie die Betroffenen das wollten. Deswegen gibt auch kaum jemand tiefgründige letzte Worte von sich. Aber vielleicht reden wir heute eher über letzte Tweets. Dein letzter Tweet könnte dein finales Statement sein. Oder ein letztes Selfie? Vielleicht lauten meine letzten Worte ja: „Gebt mir mein Handy, ich muss ein Selfie machen!“

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10 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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