Virtual Reality: Vorteile und Gefahren

Bestseller-Autor Ernest Clines Gedanken zu unserer technologischen Zukunft

Interview: John Gaudiosi
Foto: BrokenGamezHD

Ernest Cline schilderte in seinen Büchern die Zukunft. Und lag damit oft richtig. Das denkt der Bestsellerautor über Virtual Reality, selbstfahrende Autos und Co.

Virtual Reality ist ein Riesenthema. Und einige, darunter etwa Palmer Luckey, (der Mark Zuckerberg 2014 überzeugte, sein Unternehmen Oculus VR für zwei Milliarden Dollar zu kaufen), sehen Ernest Cline als Futurist.

Clines Debüt-Bestseller „Ready Player One“ handelt von einer VR-Utopie mit dem Namen Oasis. Obwohl der 2011 erschienene Roman im Jahr 2044 spielt, ist vieles der dargestellten Zukunft bereits Realität geworden. Sein zweiter Bestseller, das Science-Fiction-Abenteuer „Armada“, dreht sich ebenfalls um Virtual Reality. Sie wird dort als Mittel eingesetzt, um Raumfahrzeuge durch ein gigantisches Multiplayer-Online-Game zu lenken, das sich allerdings als Real-Life-Schlacht gegen eine Alien-Invasion entpuppt.

Wenn du die Bücher, die vor allem für Anhänger der Video-Games- und „Geek“-Kultur sehr zu empfehlen sind, noch nicht gelesen hast: Steven Spielberg dreht bereits den Spielfilm zu „Ready Player One“ und Universal Pictures wird „Armada“ für die Kinoleinwand adaptieren.

Wir könnten uns niemand besseren als Cline vorstellen, um für uns das Tech-Orakel zu spielen.

Playstation VR

© Flickr/BogoGames

THE RED BULLETIN: Ready Player One gilt bei Oculus VR als Pflichtlektüre und vieles, über das Sie geschrieben haben, ist durch Oculus Rift, HTC Vive und PlayStation VR real geworden.

ERNEST CLINE: Gut, dafür heimse ich kein Lob ein. Palmer Luckey hatte seine Kickstarter-Kampagne für den Prototyp von Oculus Rift bereits begonnen, als mein Buch veröffentlicht wurde. Dann hat ihm jeder das Buch empfohlen und es hat ihm so gut gefallen, dass er es jedem weiterempfohlen hat, der kam, um am Oculus Rift zu arbeiten. Aber die Technologie hat die Idee von Virtual Reality letztlich eingeholt. Ich erinnere mich, als man mir in den 80er und frühen 90er Jahren Virtual Reality versprochen hat, als ich einfache VR-Arcade-Games wie „Dactyl Nightmare“ gespielt habe. Da hattest du einen schweren, unhandlichen Helm auf und eine Laser-Tag-Kanone, mit der du Dinge in der virtuellen Welt abschießen konntest. Die Behäbigkeit machte dich krank.

Es scheint, als hätte man seit den 80ern an diesem Problem gearbeitet und viele Menschen, darunter ich, als ich Ready Player One schrieb, erwarteten, dass Virtual Reality wahr werden würde. Wurde es aber nicht. Dann sah es so aus, als wäre es rund um die Veröffentlichung meines Buches zu einem Durchbruch gekommen, aber ich weiß nicht, wie viel das eine mit dem anderen zu tun hatte.

„Es fasziniert mich, wie jede Entwicklung von menschlicher Technologie, vor allem jede Form von Medien-Technologie, sofort für Pornografie Verwendung findet.“

„Armada“ handelt von Langstrecken-Drohnen-Schlachten gegen Aliens. Science Fiction thematisiert oftmals die Übernahme der Welt durch künstliche Intelligenz. Glauben Sie, dass uns das blüht?

Künstliche Intelligenz ist etwas, an dem jeder schon immer arbeitet. Und etwas, das für mich immer noch weit entfernt scheint. Ich weiß, dass es noch knifflig ist, einen Computer zu bauen, der denken und improvisieren kann, wie ein Mensch. Es gab unlängst dieses Duell zwischen einem japanischen Go-Champion und einem Supercomputer und die Maschine besiegte ihn im ersten Spiel. Aber dann kam er zurück und gewann das zweite und dritte Match. Die Leute streiten schon über das Thema, seit ein Computer zum ersten Mal einen Schachmeister bezwingen konnte, aber das Entscheidende ist, einen Computer zu lehren, zu improvisieren.

Mein Freund Daniel H. Wilson, der „Robopocalypse“ und eine Reihe von Fortsetzungen davon geschrieben hat, interessiert sich mehr für künstliche Intelligenz und die Art, wie sich Assistenz-Roboter oder selbstfahrende Autos in eine kollektive künstliche Intelligenz verwandeln könnte, die versucht, die Menschheit auszulöschen. Mich interessiert das nicht. Wir haben so viele andere Probleme, dass wir uns glücklich schätzen dürften, an den Punkt zu kommen, wo wir uns darüber Sorgen machen müssen.

Ich mag auch die positiven Anwendungsmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz und Virtual Reality. Die Vor- scheinen die Nachteile zu überwiegen. Alles was gut oder unterhaltsam ist zum Beispiel - auch wenn es viele Menschen gibt, die es übertreiben. Es ermöglicht auch, Familienmitglieder zu besuchen, die in völlig anderen Ecken des Planeten leben. Wissenschaftler oder Künstler können in einem virtuellen Raum miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten. Das alles ist wirklich aufregend für mich.

© YouTube // PlayStation Access

Als Besitzer eines DeLorean mögen Sie das Fahrgefühl. Denken Sie, fahrerlose Autos werden sich durchsetzen, so wie sich VR anfängt, durchzusetzen?

Ja, das passiert bereits. Es ist verrückt. Ich habe auf Reddit gesehen, dass automatisierte, selbstfahrende Trucks kommen werden. Das wird hunderttausende Jobs vernichten und sicherer sein, denn diese Fahrer schlafen nie hinter dem Lenkrad ein oder müssen Amphetamine nehmen, um 24 Stunden am Stück wach zu bleiben. Ich habe Videos gesehen, wie Leute selbstfahrende Teslas ausprobieren, die Sensoren verwenden. Es wirkt im Moment noch nervenaufreibend, weil du ständig aufmerksam sein musst, um gegebenenfalls einzugreifen. Da wäre es fast einfacher, das Ding gleich wieder komplett selbst zu steuern. Aber wenn die Straßen einmal auf selbstfahrende Autos abgestimmt sind, wird das, denke ich, großartig.

Mein DeLorean ist eigentlich das von mir neu zusammengestellte Auto der Hauptfigur in „Ready Player One“. „Ecto88“ ist eine Mischung aus der Zeitmaschine aus „Zurück in die Zukunft“, den Vehikeln in „Ghostbusters“ und „Buckaroo Bonzai“ sowie K.I.T.T. aus „Knight Rider“. Würde es tatsächlich funktionieren, wäre es ein selbstfahrender DeLorean samt K.I.T.T., von dem jeder träumt, seit er Knight Rider gesehen hat. Es gibt all diese Episoden, in denen Michael Knight ein Schläfchen macht oder auf einem Bildschirm ein Video-Game zockt, während K.I.T.T. das Fahren übernimmt. Ich stelle mir seit diesen Eindrücken in den frühen 80ern vor, ein selbstfahrendes Auto zu haben. Es gibt auch schon Hersteller, die sich Entertainment-Systeme patentiert haben lassen, die Bilder auf die Windschutzscheibe projizieren. Es wäre wahnsinnig toll, sich mit seiner Familie ins Auto zu setzen und eine achtstündige Fahrt mit gemeinsamen Video-Games, Filmen, Internetsurfen oder Lesen zu verbringen. Das sieht nach einem großen Vorteil aus.

„Wenn alle diese kleine Welt haben, in die sie entkommen können und die besser ist, in der sie alles haben können, wie sehr wird es sie dann noch interessieren, was in der echten Welt geschieht?“

Die Porno-Industrie ist bereits auf den Virtual-Reality-Zug aufgesprungen. Wird VR-Sex besser sein als wirklicher Sex?

Dazu gibt es ein kleines Kapitel in „Ready Player One“. Der Hauptcharakter ist besessen vom Wettbewerb in der virtuellen Welt und schottet sich von der Realität ab. Er mietet ein Apartment und malt die Fenster schwarz an. Er fokussiert sich völlig auf das Leben in der virtuellen Welt. Teil davon ist VR-Sex mittels Haptik-Software - der Character ist 18 Jahre alt und noch Jungfrau. Mittlerweile gibt es auch im realen Leben haptische Geräte, die du auf deine Genitalien steckst und die von anderen Menschen oder einer Software ferngesteuert werden können. 

Es fasziniert mich, wie jede Entwicklung von menschlicher Technologie, vor allem jede Form von Medien-Technologie, sofort für Pornografie Verwendung findet. Sobald es Fotografie gab, wurde sie für Pornografie eingesetzt. Als Video kam, wurde es für Pornografie verwendet. Und jetzt dasselbe mit VR. PornHub machte gleich einen ganzen Channel für 360-Grad-Videos auf.

Unternehmen wie Google und Facebook versuchen das Internet in jeden Winkel der Erde zu bringen. Hilft Technologie den 99 Prozent der Bevölkerung, das eine Prozent der Elite zu überwachen, wie wir es aus Science-Fiction-Filmen wie „V wie Vendetta“ kennen?

Schon in den letzten 20 Jahren hat das eine große Rolle gespielt. Es wird auf beiden Seiten zur Überwachung genutzt, aber auch als Kommunikationswerkzeug. Es wurden so viele Ungerechtigkeiten auf der ganzen Welt durch das Internet ans Licht gebracht. Auf welcher Seite der Linie du stehst, ist egal. Wenn du uneingeschränkten Zugang zum Internet hast, kannst du Audio- und Video-Material, Fotos und deine eigenen Texte verbreiten und die Situation schildern, in der du lebst. Das hat die Demokratie in Ländern rund um die Welt beeinflusst.

Ich bin immer noch schockiert, dass die britische und die US-Regierung ihre eigenen Leute überwachen und es scheinbar niemanden interessiert. Einige Menschen hat das tief getroffen, aber viele sind damit einverstanden. Es wird interessant zu sehen sein, wie VR das beeinflussen wird. Wenn alle diese kleine Welt haben, in die sie entkommen können und die besser ist, in der sie alles haben können, was sie wollen und Götter und Helden sein können, wie sehr wird es sie dann noch interessieren, was in der echten Welt geschieht? Das könnte Regierungen und mächtigen Personen noch mehr Macht bescheren, weil weniger Leute Acht geben, was vor sich geht. 

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05 2016 The Red Bulletin

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