Weltraumtechnologie für Erdenbürger

Frank Salzgeber sucht „Aliens“ mit visionären Ideen

Text: Raffael Fritz
Foto: ESA

Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat es sich zum Ziel gesetzt, irdische Anwendungen für Weltraumtechnologie zu finden. Dabei helfen sollen Startups. Ein Lokalaugenschein an drei Standorten der ESA Business Incubation Centres.

Viele Innovationen haben ihren Ursprung in der Raumfahrt. Doch um Anwendungen für Weltraum-Technologie hier auf der Erde zu finden, braucht es kreative Köpfe. Nach ihnen sucht die Europäische Weltraumorganisation (European Space Agency/ESA) mit einem eigenen Inkubationsprogramm.

Wir haben uns an den Standorten 

  • Noordwijk
  • Oberpfaffenhofen
  • Graz

angesehen, wie die ESA Startups unterstützt und mit ihnen zusammenarbeitet.

Station eins führt uns zu Frank Salzgeber nach Noordwijk, wo der Deutsche das Technologietransfer-Programm der ESA leitet.

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Noordwijk, Niederlande

Im größten Technologiezentrum der Europäischen Weltraumorganisation ESA, nur ein paar hundert Meter vom Nordseestrand entfernt, müssen sich Raumsonden einiges gefallen lassen. Bevor sie ins All fliegen, werden sie durchgeschüttelt, dem Vakuum und extremen Temperaturen ausgesetzt und sogar mit riesigen Lautsprechern bedröhnt, um den Lärm eines Raketen­starts zu simulieren. „Da oben gilt: Failure is not an option“, sagt Frank Salzgeber.

Testanlage der ESA in Noordwijk

Die ESA-Testanlage: Hier werden Raumsonden auf Herz und Nieren geprüft. Etwa mit riesigen Lautsprechern, deren Schalldruck Menschen töten könnte.

© SJM Photography

Sein Büro liegt in einem unscheinbaren einstöckigen Zweckbau, der sich neben den riesigen Hallen des Testzentrums leicht übersehen lässt. Hier hat das Technologietransfer-Programm der ESA seinen Sitz. Denn Technologien, die den Widrigkeiten des Weltalls standhalten, können auch hier auf der Erde einen Verwendungszweck finden. Die Frage ist nur: Welchen? Salzgeber sucht Menschen, die darauf neue, überraschende – und vielleicht sogar revolutionäre – Antworten parat haben. Oder, wie er es ausdrückt: „Wir suchen die Aliens.“

Für diese Aliens, deren Ideen im besten Fall wirken wie nicht von dieser Welt, hat die ESA ein eigenes Ökosystem geschaffen: In Business Incubation Centres, kurz BICs, bekommen sie ­Kapital und Räumlichkeiten gestellt, profitieren vom Know-how und den Kontakten der ESA – und können ihre Ideen reifen lassen, bis funktionierende Produkte daraus werden. Im Jahr 2003 wurde hier in Noordwijk das erste ESA BIC gegründet. Mittlerweile gibt es über ein Dutzend von ihnen in ganz Europa.

Dieses Konzept der Weltraum-­Inkubatoren stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, wo die NASA und ihre Partnerfirmen schon seit den 1960er Jahren Spin-offs aus der Raumfahrt entwickeln. Die vielzitierte Teflonpfanne gehört übrigens nicht da­zu – Teflon kam zwar in Hitzeschilden und Raumanzügen für das Apollo-Programm zum Einsatz, erfunden wurde es aber schon in den 1940er Jahren.

Doch es gibt genug andere Beispiele, die direkt aus den Forschungslabors der amerikanischen Raumfahrtagentur stammen: etwa die Rettungsdecke aus glänzender Plastikfolie, die sich in ­jedem Erste-Hilfe-Kasten findet – im Englischen heißt sie heute noch „space blanket“. Auch die Sensoren von Digitalkameras haben wir der NASA zu verdanken, genauso wie kratzfeste ­Linsen für Handy-Kameras und Brillen. Und unzählige andere Dinge, die auf den ersten Blick wenig mit Raumfahrt zu tun haben – vom Infrarot-Ohr­thermometer bis zum Kinderwagen in Leichtbauweise.

So viele illustre Spin-offs hat die Europäische Raumfahrtagentur noch nicht vorzuweisen. Aber: „Wer im Auto ein Navi verwendet oder Fernsehen per Satellitenschüssel empfängt, nutzt Technologien der ESA“, sagt Salzgeber. Und die Möglichkeiten seien noch ­lange nicht ausgeschöpft.

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ExoMars' TGO gearriveerd bij Mars, contact met EDM wordt gezocht https://t.co/YTjROPzgmw

 

Kommunikation und Navigation, aber auch Robotik und Energiewirtschaft: alles Bereiche, in denen Raumfahrttechnologie uns auf der Erde ­nützen könnte – auf Arten, die wir uns heute vielleicht noch gar nicht vor­stellen können. Je visionärer – manche würden sagen verrückter – die Idee, desto eher weckt sie Salzgebers Enthusiasmus. Modulare Mikrosatelliten für Kleinunternehmer? Gekauft! Ein senkrecht startendes Elektroflugzeug für Privatpersonen? Her damit! Eine Raumsonde, die Asteroiden einfängt, um sie in der Erdumlaufbahn auszuschlachten? Na klar! Dabei beginnen seine Augen zu leuchten, und der Manager einer multinationalen Organisation lässt den Enthusiasmus eines jungen Gründers aufblitzen.

Schließlich kennt Salzgeber das ­Gefühl: Nach einem Engagement bei Apple in den neunziger Jahren war er Geschäftsführer eines IT-Startups, das schließlich erfolgreich verkauft wurde, woraufhin er bei der ESA landete: „Ich bin reingekommen und hab ihnen gesagt, was sie alles falsch machen. Dann haben sie mich angestellt.“

Auch mit ihrem Inkubationsprogramm betreibt die ESA eine Art Frischzellenkur: Denn Raumfahrtagenturen sind schon allein wegen ihrer Größe behäbige Organisationen – ganz zu schweigen davon, dass bei einer Weltraum-Mission allein die Reisezeit ­einige Jahre ausmachen kann: Die ESA-Sonde „Rosetta“ etwa, die 2014 den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko erforschte, war im Jahr 2004 gestartet. In der gleichen Zeit sind in den BICs der ESA etwa 400 Startup-Unter­nehmen gefördert worden. Viele davon existieren noch heute. Doch mit Erfolgs­raten möchte Salzgeber sich lieber nicht rühmen. Bei einer Weltraum­mission ist Scheitern zwar keine Option, hier auf der Erde aber gehört es dazu – besonders wenn man technologisches Neuland betreten will.

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