Das Wunderkind der Washington Post

Joey Marburger: Das Wunderkind der Washington Post

Interview: Christoph Kristandl
Bild: Joey Marburger/joseph-jam.es

Joey Marburger könnte an der Tür jedes Medienunternehmens klopfen, überall würde man ihm den Roten Teppich ausrollen. Er führte die knapp 140 Jahre alte Washington Post ins digitale Zeitalter und an die Spitze der innovativsten Medienhäuser der Welt. Und das mit einem scheinbar simplen Erfolgsrezept.

Am Spagat zwischen hochqualitätivem Journalismus und der Finanzierung von selbigem scheitern traditionsreiche Zeitungen oftmals. Ebenso wie am Transfer ihres Inhalts auf digitale Plattformen. Bei The Washington Post ist das anders, seit Amazon-Gründer Jeff Bezos das Blatt im Sommer 2013 übernahm und Joey Marburger zum Director of Digital Products and Design machte.

Der heute 32-Jährige und sein Team überdachten das digitale Konzept der Post völlig neu, mit durchschlagendem Erfolg. Nach einem Jahr verzeichnete die Zeitung ein Plus von 61 Prozent in der Kategorie Unique Monthly Visitors – der größte Zuwachs in ihrer Geschichte.

Im November 2015 fuhr das Medienhaus mit rund 72 Millionen Usern einen weiteren Rekord ein, verdrängte in dieser Wertung die New York Times und nahm Rang vier der US-Portale ein. Hinter der Huffington Post, CNN und Buzzfeed.

Im Interview spricht Joey Marburger über …

  • das Erfolgsrezept der Post
  • die Rolle von Jeff Bezos
  • die Gründe, warum ihn die Times nicht interessiert
  • seine Motivation für jeden Morgen

THE RED BULLETIN: Manche Leute bezeichnen Sie als „Web-Wunderkind“. Würden Sie dem zustimmen?

JOEY MARBURGER: Das klingt natürlich mehr als gut. Aber ich bin einfach nur schnell gelangweilt und versuche deswegen, alles interessant zu gestalten. Auch wenn ich weiß, dass die Arbeit nicht immer nur Spaß sein kann, versuche ich genau das zu bewahren. Ich mag es, mich selbst zu überraschen und Produkte zu kreieren, die wir uns vorher gar nicht zugetraut hätten.

Aber Sie müssen doch spezielle Fähigkeiten haben?

Es fällt mir wirklich schwer, über mich selbst zu sprechen. Ich würde sagen, ich bin sehr leidenschaftlich, was meine Arbeit angeht. Vielleicht mehr als in anderen Bereichen. Ich werde nicht ärgerlich oder setze mein Team zu stark unter Druck. Für mich geht es darum, dass wir zusammen Spaß haben, genießen, was wir tun, und aufeinander hören. Jeff und ich arbeiten so gut zusammen, weil er sich auf derselben Wellenlänge befindet. Ihm geht es nicht darum, bis zum Ende der Woche ein Ziel zu erreichen. Er verfolgt ein langfristiges Ziel, an das er wirklich glaubt. So wie ich.

Joey Marburger

Neben seinem Studium (Digital Communication) interessierte sich Marburger auch stark für Journalismus und kombinierte die beiden Bereiche. „Das erwies sich als cleverer Weg. Bei meinem ersten Job als Online Editor war mein Boss begeistert und meinte: ‚Du kannst den Inhalt liefern und im Notfall die Webseite reparieren.‘“

Nach verschiedenen Tätigkeiten beim Purdue Exponent, The Northwest Indiana Times, The Indianapolis Star und Gannett landete Marburger 2010 bei The Washington Post.

Dort stieg er vom Mobile Design Director mittlerweile zum übergreifenden Director of Product auf.

Sie haben als relativ junger Kerl vieles bei der traditionsreichen Post umgekrempelt. Gab es da Ressentiments?

Ich denke jeder, innerhalb und außerhalb der Post, wird mir zustimmen, dass das althergebrachte Businessmodell von traditionellen Medien am Ende ist. Wir machen sehr kostenintensiven Journalismus, nicht jeder kann sich etwa Korrespondenten in Kriegsgebieten leisten. Das muss aber auch irgendwie finanziert werden. Wie das funktioniert, hat noch keiner herausgefunden. Auch Jeff nicht. Aber er wird nicht aufgeben, bis wir es geschafft haben. Und ich will derjenige sein, der es ermöglicht. Das kann ich natürlich nicht alleine, aber mit meinem ausgezeichneten Team und Jeff ist es möglich. Und man darf nicht vergessen, wir haben fantastischen Journalismus, mit dem wir arbeiten können.

© Youtube // Fifteen Seconds

Worin sehen Sie die größte Herausforderung, die traditionelle Medien hinsichtlich der Technologisierung zu bewältigen haben?

Die Balance zu wahren, das gilt auch für uns. Wir bauen das Technische immer weiter aus, aber wenn es größer und wichtiger werden würde als der Newsroom, dann wäre das falsch. Wenn der Newsroom nicht mehr existiert, existiert auch das Unternehmen nicht mehr.

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Als man die große Rivalin New York Times in puncto User überholt hat, war das ein wichtiger Moment. Wie viel hat Ihnen das bedeutet?

Das war natürlich eine große Leistung, aber in anderen Bereichen liegen sie noch vor uns. Ich stehe morgens nicht auf und denke darüber nach, wie ich die Times besiegen kann. Andere Menschen in anderen Jobs tun das und ich denke, das ist auch wichtig. Aber ich will Produkte entwickeln, die die Zeit der Leser wert sind. Denn die begrenzte Zeit der User ist unsere größte Herausforderung.

Entwicklungen der Post

Eines der erfolgreichsten Produkte ist „Floppy Candidate“. Ein satirisches Online-Game zum US-Präsidentschaftswahlkampf. „Es hat gezeigt, dass die Post auch etwas entwickeln kann, das Spaß macht. Und am Ende hat man das Gefühl, die Nachrichten gelesen zu haben. Denn es wurde von Reportern entwickelt, nicht von Gamern“, sagt Marburger.

Aktuell entwickelt man die „schnellstmögliche mobile News-Website“.

Die Post wurde zum innovativsten Medienunternehmen der Welt gewählt. Was macht sie so innovativ?

Die Kombination aus wirklich cleveren Menschen. Unser Hauptprodukt ist Journalismus – und der ist nie schlecht geworden. Die Kunst ist aber, das Wort Technologie nicht nur in den Raum zu werfen und darauf zu hoffen, dass sich etwas verbessert. Du musst auch wirklich alles aus den Möglichkeiten herausholen, um den Journalismus besser zu transportieren. In unserem Newsroom sitzen Techniker neben Reportern und sagen: „Hey, ich kann dir helfen, Geschichten auf eine smartere, bessere Art zu erzählen.“ Das passiert tausendfach und mittlerweile erkennst du nicht einmal mehr den Unterschied, weil sie auf einer gemeinsamen Ebene miteinander sprechen und zusammenarbeiten. Die Kultur hat sich einfach geändert. Bevor Jeff kam, hieß es oft, dies und das ist nicht möglich. Jetzt sagen wir, wir können das. Und wenn etwas technisch nicht umsetzbar ist, dann entwickeln wir eine Lösung, wie es funktioniert.

Aber nicht jede Idee ist erfolgreich. Wie gehen sie damit um, wenn etwas nicht funktioniert?

Im Grunde sollten wir mehr Fehler als Erfolge haben, das ist unsere Einstellung. Du kannst aber natürlich nicht immer scheitern, du musst aus Fehlern lernen und erkennen, warum sie Fehler waren. Das erlaubt es dir, neue, bessere Dinge zu entwickeln. Wir experimentieren viel, das ist der einzige Weg herauszufinden, was funktioniert.

Wie fühlt es sich an, dass Millionen von Menschen täglich in Kontakt mit Ihrer Arbeit stehen?

Ich mache ja keinen traditionellen Journalismus, aber ich stelle sicher, dass unsere Produkte ihn zu den Menschen bringen. Journalismus, Demokratie, das Erzählen von Geschichten und die Bildung der Menschen sind mir wichtig. Das zu transportieren ist es, was mich jeden Morgen aus dem Bett steigen lässt.

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