Swell-Gründer Peter Buchroithner im Interview

Peter Buchroithners Vision vom Swell-Netzwerk

Interview: Christoph Kristandl
Foto: Swell/Tom Roschanek

Mit der App Swell will Peter Buchroithner den Grundstein zu einem umfassenden sozialen Netzwerk für Entscheidungshilfe legen. Gedacht wird dabei groß, verrät der mehrfache Gründer.

Entscheidungen zu treffen ist nicht einfach. Die einen tun sich leicht damit, die anderen sind damit völlig überfordert. Für Peter Buchroithner sind Entscheidungen zur Lebensaufgabe geworden. 

„Über die Jahre habe ich immer wieder gemerkt, dass sich Leute in Geschäften nicht entscheiden können. Das ist der Hauptgrund, warum Menschen nichts kaufen und den Laden verlassen“, sagt der selbsternannte Fashion Geek, der sich schon im Alter von 18 Jahren in der Modebranche selbständig machte. „Wenn du deine Freunde nicht mit dabei hast, brauchst du von irgendwo anders Bestätigung, bevor du 80 Euro für eine Hose ausgibst. Du hast einfach ein besseres Gefühl, wenn dir Leute sagen, dass etwas gut aussieht.“

Das ist die Idee hinter Swell. Die App ist – vereinfacht gesagt – so etwas wie Instagram für Entscheidungen. Zwei Fotos, zwei Optionen und die Community, die befragt wird. Rock oder Röhrenhose, Fisch oder Fleisch, Mailand oder Madrid – Followerpower hilft mittlerweile bei jeder kniffligen Frage.

Für CEO Buchroithner, der 2006 mit SeKtion8, einem Skate & Streetwear-Shop in Eferding, seine Gründer-Karriere startete, erfüllt sich mit Swell der Traum von Los Angeles. Denn nach einem erfolgreichen Auftritt bei „2 Minuten 2 Millionen“, bei dem Swell noch unter dem Namen dvel überzeugte, übersiedelte sein Startup in die Stadt der Engel.

© Swell // Youtube

Von dort aus wollen er und sein Team nicht nur das Leben vieler Unentschlossener erleichtern, sondern auch den US-Markt erobern und ein Netzwerk für Entscheidungen aufbauen. Größenordnung: Am liebsten groß genug, um Google kaufen zu können …

Swell-Gründer Peter Buchroithner im Gespräch über

  • die Vorteile der Unzufriedenheit
  • den Traum, Google zu übernehmen
  • Herausforderungen für junge Gründer
  • Rückhalt in schweren Phasen
  • Kreativität in Kalifornien

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back at Pete-Pace! 72 hours in L.A. and my life is back at the pace I need to perform best & to enjoy it to the fullest. Here's a brief insight in our...

THE RED BULLETIN INNOVATOR: Sie sagen von sich selbst, dass Sie 2009 bei Ihrem kurzen Intermezzo als Angestellter schnell gemerkt haben, dass das nichts für Sie ist. Wieso diese Erkenntnis?

PETER BUCHROITHNER: Als ich von Belinda (Belinda Matthes, Gründerin Trash Fashion, Anm.) ein Jobangebot bekam, dachte ich, das wäre schon ganz cool. Das Geschäft hat mir getaugt und ich wollte dort im Marketing etwas bewegen. Obwohl nur Belinda als Chefin über mir stand, dauerten mir gewisse Dinge aber einfach zu lange. Wenn du eine Woche auf eine Entscheidung warten musst, weil der Entscheidungsträger sehr beschäftigt oder unterwegs ist, dann geht nicht viel weiter. Da wusste ich nach wenigen Monaten, ich will Entscheidungen schnell treffen, ich will meine eigenen Dinge machen.

Peter Buchroithners unternehmerische Laufbahn

- 2006 Gründung von SeKtion8, ab 2008 österreichweiter Vertrieb von importierten Labels

- u.a. Co-Founder von Fetzenhaus und Pandemic Clothing, CEO und Co-Founder von troutloud

- 2015 Gründung von dvel, 2016 Umbennenung in Swell

Was macht Ihrer Meinung nach einen Gründer aus?

Ich glaube, du brauchst eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Status Quo in einem gewissen Bereich. Es braucht die Einstellung „ich will etwas bewegen und verändern“. Und die bekommt man meistens, wenn man nicht zufrieden ist. Deswegen ist völlige Zufriedenheit auch ein Zustand, den man nicht erreichen sollte, es ist nichts Erstrebenswertes. Man braucht auch den Willen viel zu arbeiten, aber eben für etwas, das man unbedingt machen will. Man sollte nicht selbstständig werden, weil man in kürzester Zeit viel Geld verdienen will. Du solltest dir die Frage stellen: Wenn ich nur so viel verdiene, dass es gerade zum Leben reicht, würde ich es dann trotzdem zehn Jahre lang machen? Nur wenn du diese Frage mit Ja beantwortest, solltest du selbstständig werden.

„Menschen dabei zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, ist für mich so eine Mega-Vision, dass ich das theoretisch mein ganzes Leben lang machen kann.“

Sie werden also noch etliche Jahre an Swell arbeiten und brauchen in absehbarer Zeit keine neuen Projekte?

Menschen dabei zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, ist für mich so groß und so eine Mega-Vision, dass ich das theoretisch mein ganzes Leben lang machen kann. Es gibt natürlich auch andere spannende Dinge. Als Unternehmer hat man immer viele Ideen. Im Moment bin ich aber voll fokussiert auf Swell und will, dass das etwas ganz, ganz Großes wird. Mein Co-Founder Manfred sagt immer, er will einmal Google kaufen. Bis dorthin ist es ein langer Weg. (schmunzelt)

Man braucht große Ziele.

Genau. Wir wollen ein eigenständiges Netzwerk werden und sehen uns über die App hinaus als Medium, in dem du Entscheidungen gemeinsam mit Freunden oder Experten triffst, Leute befragst, Antworten bekommst und auch deine Meinung abgibst. Egal ob du dabei auf einem Smartphone votest oder in der Auslage eines Modegeschäfts oder im Restaurant, wo deine Top-Gerichte angezeigt werden und du deine Freunde live dazu befragen kannst. Der kürzlich erfolgte Launch unserer Swelly Bots war für uns schon ein wichtiger Schritt in Richtung Multi-Platform-Strategy.

Lavenda's Closet - Timeline | Facebook

I just discovered Swell.wtf- a new voting app that helps me get feedback on all my beauty and fashion questions! See which lip color WON by downloading the app with code: LOVE20. See you there! xoxo

Sind das schon konkrete Ideen, in welche Richtung es gehen könnte?

Wir müssen kleine Entwicklungsschritte machen, aber gleichzeitig groß denken und nicht übersehen, dass es in Modegeschäften vielleicht in ein paar Jahren Smartmirrors gibt, über die man direkt mit Freunden kommunizieren kann. Du musst immer die Möglichkeiten erkennen.

„Du kannst mit allem, was du tust, auf die Schnauze fallen, aber gerade als Junger hast du wenig zu verlieren.“

Welchen Tipp würden Sie einem angehenden Gründer geben, der sich fragt, wie er seine Idee umsetzen soll?

Da hast du schon den ersten Fehler gemacht, wenn du dir diese Frage stellst. Einfach machen. Du kannst mit allem, was du tust, auf die Schnauze fallen, aber gerade als Junger hast du wenig zu verlieren. Am meisten verlierst du, wenn du wartest und Zeit vergehen lässt.

Ist das Leben als Gründer so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Je mehr ich gemacht habe, desto besser hat es zu dem gepasst, was ich wollte. Swell ist da etwas ganz Besonderes, weil ich mir L.A. immer erträumt habe. Man unterschätzt aber immer, wie viel man eigentlich arbeitet und wie schwierig es vor allem ist, die richtigen Sachen zu machen. Man hat immer viele Dinge zu tun, die einem wichtig erscheinen, aber bei 80 Prozent davon geht die Welt nicht unter, wenn du sie liegen lässt. Du musst dich auf die zehn oder 20 Prozent fokussieren, die wirklich wichtig sind. Das ist etwas, über das ich immer wieder reflektiere und bei dem ich Manfred und Philipp viel besser Prioritäten aufzeigen kann als mir selbst. Zum Glück können sie das aber auch bei mir.

Das Gründerteam von Swell

Manfred Strasser (COO), Peter Buchroithner (CEO) und Philipp Holly (CTO) - das Gründerteam von Swell

© Swell/Tom Roschanek

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Das klingt nach dem alten Problem mit dem Nein sagen.

Nein sagen zu können ist eines der wichtigsten Dinge als Unternehmer.

Gibt es etwas, das Sie im Business auf die harte Tour lernen mussten? 

Dass Umsatz nicht gleich Gewinn ist. (lacht) In meinem ersten Modegeschäft habe ich richtig viel verkauft und echt guten Umsatz gemacht, aber auch dementsprechend viel Geld rausgehauen. Ich habe auch gelernt, dass man sich nie zurücklehnen darf, dass man immer Gas geben muss und dass nichts von selbst besser wird. Bei meinem Skateshop habe ich damals wirklich viel gemacht: ein Musikfestival veranstaltet, Kunden SMS oder Gutscheine zum Geburtstag geschickt usw. In der Routine vergisst man irgendwann leicht, wie wichtig diese ganzen kleinen Dinge vielleicht waren. Die fünf Prozent, die das bringt, die zehn, die das bringt und die drei, die das bringt - in Summe machen diese Kleinigkeiten vielleicht 100 Prozent mehr Umsatz aus. Du musst immer dran bleiben.

„Je öfter du darüber nachdenkst, was du heute Cooles gemacht hast oder wie es dir gerade geht, desto mehr merkst du, wie viele glückliche Tage du in einem Jahr eigentlich hast.“

Wie sah das mit der Unterstützung in Ihrem Umfeld aus, waren immer alle begeistert von Ihren Ideen?

Es hat natürlich immer Zweifel geben. Meinen Eltern wäre es vermutlich heute noch lieber, wenn ich irgendwo angestellt wäre oder die Matura fertig gemacht hätte. Aber wenn ich Jobangebote bekomme, bei denen ich dreimal so viel verdienen kann, vielleicht ein tolles Dienstauto und hohes Ansehen hätte, die Sache für mich persönlich aber nichts ist, dann lasse ich es. Als Selbstständiger gibt es natürlich immer Ups und Downs. 2014 war bei uns ziemlich dramatisch, weil ich viel Zeit in die Arbeit bei troutloud gesteckt habe und daneben noch meinen Modevertrieb hatte. Das Geld, das ich beim einen verdient habe, wurde beim anderen investiert und übrig geblieben ist nichts. Im Gegenteil, ich bin sogar mit einem Minus dagestanden. Da war ich schon ein wenig verzweifelt. Dann sind wir aber auf die dvel-Idee zurückgekommen. Das und mein Team haben mich aus diesem Loch herausgezogen. Wenn du richtig viel arbeitest und wenig dafür kriegst, ist das aber schon hart.

Was gibt einem in solchen Phasen Halt?

Natürlich Familie, Freunde, Freundin. Was mir auch sehr geholfen hat: Ich habe so eine Art Tagebuch, in das ich Dinge hineinschreibe, über die ich glücklich und für die ich dankbar bin. Je öfter du darüber nachdenkst, was du heute Cooles gemacht hast oder wie es dir gerade geht, desto mehr merkst du, wie viele glückliche Tage du in einem Jahr eigentlich hast. Die Phasen, in denen du einmal einen Monat unglücklich bist, die hast du auch in einem normalen Job. Als Unternehmer denkst du oft, das alles schlecht ist und siehst nur die guten Seiten eines anderen Lebens. Aber mit ehrlicher Selbstreflexion kannst du dich auch ein Stück weit selbst rausziehen.

© Swell // Youtube

Würden Sie heute rückblickend etwas anders machen?

Dazu habe ich zwei Antworten: Sehr vieles und Nein. Ich sage jetzt im Moment Nein, weil ich so happy mit der Situation bin, weil Swell geil ist und ich ein super Team habe. Und weil ich nicht da wäre wo ich jetzt bin, wenn ich irgendetwas anders gemacht hätte.

„Mit dem Longboard am Strand herumfahren, Musik hören, ein paar hübsche Mädels sehen und ein bisschen auf die Wellen starren … das kostet nicht einmal Geld, es gibt aber wenig Besseres.“

Viele Gründer sagen, dass es kein Problem ist, 18 Stunden am Tag zu arbeiten, wenn man das was man tut, gerne macht und es sich nicht wie Arbeit anfühlt. Sagen Sie mir dasselbe?

Wenn ich eine Woche lang 18 Stunden arbeiten würde, müsste ich danach eine Woche schlafen. Gerade kreative Dinge kann ich nur bis zu einem gewissen Grad machen. Normalerweise arbeite ich fünf Tage mit meinem Team vollgas, am Wochenende mache ich aber eigentlich nichts, was ich machen muss. Da ist eher Zeit für ein wenig Brainstormen oder Laufen, Surfen, usw. - Dinge die mich ablenken und bei denen ich auf gute Ideen komme. Natürlich gibt es auch Wochen, in denen man durchhackeln muss, vielleicht auch mal einen Monat. Aber das Wichtigste als Unternehmer ist, gesund und fit zu sein. Wenn du das nicht bist, kannst du deine Leistung nicht bringen. Ich will noch viel machen und gründen. Selbst wenn Swell so groß wie Google wird, werde ich noch etwas anderes gründen, ich brauche also noch viel Energie. Ich habe immer gesagt, dass ich entweder mit 27 sterben oder richtig alt werden will – und jetzt bin ich schon 28. 

Surfen, Laufen – haben Sie sonst noch ein spezielles Rezept, um zu entspannen.

Ich mache tatsächlich ein bisserl Yoga. Mir taugt das, ich bin aber recht faul und komme deswegen selten dazu. Früher musste ich mich zum Ausgleich zwischendurch wirklich mal betrinken, aber das mache ich jetzt nicht mehr so oft. Damit ich ruhig werde, lese ich in letzter Zeit immer wieder. Ich kann zwar nicht lange lesen, weil mir Lesen eigentlich überhaupt nicht gefällt, aber eine halbe Stunde, das beruhigt mich.

Das Swell-Team in L.A.

So lässt es sich leben - und arbeiten.

© Swell

Welche Bücher lesen Sie?

Eigentlich sind das auch mehrheitlich Business-Bücher. Oder Selbsthilfe-Dinger –„Wie werde ich reich in 10 Tagen“ und solcher Blödsinn. (lacht)

Wenn Ihre Kreativität gefragt ist, wie helfen Sie ihr auf die Sprünge?

Musik ist extrem inspirierend für mich, die brauche ich eigentlich jeden Tag. Songs von Blink 182 oder Placebo, eine meiner Lieblingsbands, und Muse. Wahrscheinlich auch, weil sie mich an meine Jugend erinnern. Früher habe ich auch viel Hardcore-Emo-Musik gehört. Geschrei und so, auch ganz gut. Richtig motivierend ist für mich aber Rockmusik, bei der man abgehen kann.

Und das Umfeld fördert natürlich auch die Kreativität. Sie leben ja den O.C., California-Traum.

Ganz genau. Frauen, Villen, Champagner, Yachtclub – das ist mein Leben. (lacht) Es ist aber auch schlimm. Man braucht viel Sonnencreme und hat ständig Sand in den Augen.

Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Nein, ehrlich, es hilft natürlich schon. Im Tanktop mit dem Longboard am Strand herumzufahren und Musik zu hören ist richtig cool. Wenn man dann noch ein paar hübsche Mädels sieht und ein bisschen auf die Wellen starren kann … das kostet nicht einmal Geld, es gibt aber wenig Besseres. 

Dieser Lifestyle spielte ja auch bei der Namensänderung von dvel zu Swell eine Rolle.

Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir mit dvel in den USA nicht weit kommen. Die Aussprache ist für viele unklar und es gibt Assoziationen zu „development“ oder – noch schlimmer – „devil“. Swell hingegen beschreibt perfekte Surfbedingungen, gleichmäßige Wellen, auf denen man gut reiten kann. In den 50er, 60er Jahren wurde der Begriff zu einem absoluten Hip-Wort in den USA. Wir wollten das aufnehmen und es mit einem etwas frischeren Touch anhauchen.

Das dürfte mit der Homepage swell.wtf gelungen sein.

Wir dachten uns, wir brauchen die wtf-Domain. swell.wtf  - das ist so kontrovers, das passt genau für unsere Zielgruppe. 

Und der Swell-Wal an Ihrem Handgelenk, echt?

Ja.

Buchroithners Swell Wal-Tattoo

Dazu gibt es doch sicher eine gute Story.

Ich wollte mir jedes meiner Firmenlogos schon einmal tätowieren lassen, habe es letztlich aber nie gemacht. Bei Swell ist es mehr. Der Wal, dieses riesige Tier, das im Meer lebt und eigentlich unantastbar für andere Tiere ist, symbolisiert für uns eine gewisse Weisheit. Dazu die Lebenseinstellung, das Surfen, das Herz – das sind alles Dinge, die mich unabhängig von der App berühren und die für mich wichtig sind. Ich wollte das seit längerem unbedingt und irgendwann war ich um ein Uhr, mit ein paar Bier intus, auf der 6th Street in Austin, auf der vergeblichen Suche nach einer Pizza. Stattdessen fand ich ein Schild mit „Tattoo“ und daneben eines mit „Open“. Zum Glück hatte ich nicht noch ein Bier mehr, sonst hätte ich wahrscheinlich auf das falsche Icon auf dem Handy gezeigt und jetzt ein Snapchat-Logo auf dem Arm.

… und dann müssten Sie statt Google Snapchat kaufen.

Richtig. Auch eher schwierig. Im Moment.

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08 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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