Wie unser Lebensraum in der Stadt der Zukunft aussehen könnte

Urban Innovations: Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Text: Thomas Wernhart
Foto: Pexels

Die Urbanisierung bringt spannende Innovationen mit sich – hier ein kleiner Blick in die Zukunft unseres Lebens(t)raums.

Die Stadt ist unbestritten der Lebensraum der Zukunft, dabei spricht eine Zahl deutliche Worte: auf nur zwei Prozent der Erdoberfläche beherbergen Städte rund die Hälfte der Weltbevölkerung - bis zum Jahr 2050 wahrscheinlich sogar mehr als zwei Drittel.

Diese rasante Urbanisierung stellt Stadtplaner, Soziologen, Forscher und auch die Menschen, die mit Wissenschaft gar nichts am Hut haben, vor Fragen und Probleme, die nach kreativen Lösungen schreien. Die Smart City - also eine effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver gestaltete Stadt - ist das Ziel. Doch wo soll man beginnen?

Dieses Thema ist so komplex und am Ende weiß niemand, wie die Zukunft aussehen wird. Wir wagen aber einen Versuch und stellen dir einige Konzepte und Innovationen vor, die künftig in den Städten Einzug halten könnten und die aktuell in der Ausstellung „urban innovations“ im Technischen Museum Wien zu sehen sind.

Der Traum vom Wohn(t)raum

Das Wachstum der Bevölkerung in den Städten schreitet mit unglaublichem Tempo voran. In der modernen Stadt treffen auf engstem Raum Millionen Menschen und damit genauso viele unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Eines der wichtigsten ist natürlich jenes nach Wohnraum, der in vielen Städten sehr knapp ist und vor allem die unterprivilegierte Bevölkerung vor ein Problem stellt. Innovative Bau- und Raumkonzepte beziehen sich immer auf die Bedürfnisse, wichtig ist es aber auch, den Erfindungs- und Innovationsdrang der Menschen nicht zu vergessen.

Ein spektakuläres Exempel ist der Shanty Scraper, der bei der Skyscraper Competition des amerikanischen eVolo-Magazins ausgezeichnet wurde und für flexiblen, vertikalen Lebensraum steht.

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Die Architekten Suraksha Bhatla und Sharan Sundar haben hier mutig Lebensraum für die Ärmsten der Armen im indischen Chennai geschaffen, der an postapokalyptische Filme erinnert. Gebaut aus Altmetall und Holz, jederzeit erweiterbar, wird den Fischerfamilien in Nochikuppam, statt sie zu delogieren und ihnen damit die Lebensgrundlage zu rauben, ein funktionaler und sicherer Zufluchtsort zur Verfügung gestellt.

Quinta Monroy, Chile

Quinta Monroy: Die inneren Werte zählen

© Elemental Quinta Monroy

Ein weiteres interessantes Beispiel ist die Quinta Monroy in Chile. Dort stellt Elemental den Menschen eine Minimalwohnung, den sogenannten „Doing Tank“  zur Verfügung und schafft Wohnungseigentum für die Ärmsten. Das öffentliche Förderbudget von 7.200 US-Dollar pro Wohnung reicht für Baugrund, Infrastruktur und Rohbau, der Rest wird dem Eigenbau überantwortet.

Die Bauten bestehen aus zwei übereinander gelagerten Wohnungen mit jeweils ca. 30 Quadratmeter, die mit geringem Aufwand auf 72 Quadratmeter erweiterbar sind. Ziel ist es, von Armenvierteln zu sozialem Wohnbau zu gelangen, in dem die Menschen weiterhin selbst mitbestimmen können.

Doch nicht nur neue Wohnungen für jeden zu bauen, kann die Lösung sein, wie die PPAG architects zeigt. Das Bauprojekt Urban Living Berlin zeichnet sich durch allgemein nutzbare Innen- und Freiräume aus, das heißt fast allen Wohnungen sind „neutrale“ Zimmer zugeordnet. Diese sind von den jeweiligen Wohnungen direkt begehbar und selbstorganisiert gemeinschaftlich oder alternierend für verschiedene Zeiträume nutzbar. Beispiele: Ich muss meine Seminararbeit fertig machen, dafür miete ich im Haus ein Büro. Die Schwiegermutter ist zu Besuch, sie bekommt ein eigenes Schlafzimmer.

Auch temporäre Bauten werden in den Metropolen von heute immer wichtiger. Oder bieten sich an, wenn bestimmte Regionen mit Krisen wie dem Flüchtlingsstrom oder Naturkatastrophen umzugehen haben. Schon in den 60er Jahren entstanden erste Konzepte, heute gibt es schnelle Lösungen, die einfach aufzubauen sind und alle Bedürfnisse bedienen.

Das österreichische Unternehmen Tripan Leichtbau ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet und hat diverse Ansätze, wie etwa den Tripan-Cube Modell Noah. Dabei handelt es sich um einen 24 Quadratmeter großen Wohncontainer, der einfach zu errichten ist, auf unbefestigtem Boden aufgestellt werden kann und in Abstimmung mit dem zuständigen Bundesministerium vorgeschriebene Standards für Flüchtlingsquartiere erfüllt. Die Bauteile zeichnen sich durch Widerstandsfähigkeit und Leichtigkeit aus und sind zudem simpel wieder abbau- und verlegbar.

Kampf dem Blackout - mehr Energie für alle!
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Wenn man bedenkt, dass es um 1910 weltweit nur zwölf Millionenstädte gab und es heute mehr als 300 sind, erkennt man, dass die Energiebereitstellung in den Metropolen eine große Rolle spielt. Alternative Energiegewinnung unter Nutzung der urbanen Gegebenheiten beschäftigt die Forscher seit geraumer Zeit und manche Konzepte und Anlagen, die bereits Anwendung finden, sind einfach und doch effektiv.

Ein Bürogebäude, geheizt mit Menschenwärme

Kungsbrohuset: Alternative Wärmeerzeugung

© Kungsbrohuset

Der Bahnhof in Schwedens Hauptstadt Stockholm wird zum Beispiel zur Energiegewinnung genützt. 250.000 Reisende heizen das angrenzende 13-stöckige Bürogebäude Kungsbrohuset mit ihrer Körperwärme. Je nach Aktivität erzeugt jeder Mensch zwischen 50 und 100 Watt Energie, das ist ungenutztes Potential, das sich die Schweden zunutze machen. Die aufgewärmte Luft der Bahnhofshallen wird durch Ventilatoren zu großen unterirdischen Wassertanks geleitet und wärmt das Wasser im Heizsystem.

„Die Technik ist sehr einfach, spart bei diesem Projekt etwa ein Fünftel der Heizkosten, wurde weltweit jedoch bisher kaum umgesetzt“, sagt Karl Sundholm, Sprecher des Betreibers Jernhusen

Wir stecken heute viel Energie in Arbeit und auch wenn es uns kaum auffällt, selbst die Zeit, die wir am Computer verbringen, kann in Energie umgesetzt werden. Das beweisen die Forscher der TU Wien: das Plus-Energie-Bürohochhaus ist das weltweit erste seiner Art mit dem Anspruch, mehr Energie ins Stromnetz zu speisen, als für Gebäudebetrieb UND Nutzung benötigt wird. So wird zum Beispiel die Wärme von Server- und Medienstation zum Heizen verwendet. 

Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte Energy Floors: Böden, die die Energie von Schritten bzw. fahrenden Autos aufnehmen. Portabel funktioniert das Ganze auch mit  den Energy Harvester von InStep NanoPower, der beim Gehen die Energie im Schuh speichert.

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Technik und Innovationen für Zuhause

Unsere Bedürfnisse bestimmen die Stadt als Lebensraum und in einem gewissen Grad haben wir die Möglichkeit mitzubestimmen. Im kleinsten Teil, den eigenen vier Wänden, können wir uns gestalterisch ausleben, die verschiedensten Techniken und Innovation nutzen, uns das Leben erleichtern und verschönern.

Stadtlärm ist ein Thema, das uns schlaflose Nächte bereitet und an den Nerven zehrt. Doch was wäre, wenn man Motorengeräusche in Vogelgezwitscher umwandeln könnte? Rudolf Stefanich möchte genau das mit Sono erreichen. Sein Device soll am Fenster angebracht werden und macht dieses zu einem fortgeschrittenen Noise-Cancelling-System, das dem Bewohner die volle Kontrolle über den Lautstärkepegel gibt.

Weiters soll der Apparat auch elektromagnetische Strahlung sammeln und den E-Smog reduzieren. Klingt alles sehr interessant, aber leider fehlt der letzte Schritt für die Verwirklichung. 

Sono: Noise Cancelling für die eigenen vier Wände

© id2studio.at

Was immer interessanter wird und viele Endverbraucher ebenso wie Stadtplaner anzieht, ist die eigene Nahrungsherstellung im urbanen Raum. „Vertical Farming“, wie es schon der Wiener Erfinder Othmar Ruthner in den 60er Jahren vorgeschlagen hat, soll ermöglichen, dass in Gebäudekomplexen auf mehreren übereinander gelagerten Ebenen ganzjährig Früchte und Gemüse erzeugt werden können.

Vertical Farming

Vertical Farming“ im Technischen Museum Wien

© Paul Bauer

Energiekosten für den Transport vom Erzeuger zum Konsumenten lassen sich dadurch reduzieren und den Menschen wird ein gewisser Grad an Selbstbestimmung zurück gegeben.

In der Ausstellung „urban innovations“ gedeihen gerade 150 Pflanzen mitten im Technischen Museum Wien. Die Hydroponikanlage der Universität für Bodenkultur steht seit Juni 2016 im geschlossene Raum und wird über Gießwasser mit Nährstoffen versorgt, was ebenso elektronisch gesteuert wird wie die Lichtzufuhr.

Man versucht hier zu verstehen, was die Pflanzen zu welchem Zeitpunkt brauchen, um die Wachstumsfaktoren kontrollierbar zu machen und auf die Städte anzupassen. 

Dieser kurze Ausblick ist natürlich nur die Spitze des (Tech-)Eisberges und täglich kommen neue Innovationen hinzu, die das Leben in den Städten revolutionieren wollen. Die Zukunft bleibt also spannend und ungewiss. Im Technischen Museum Wien kann man sich noch bis Juni 2018 zumindest ein wenig darauf vorbereiten, was sie uns bringen könnte.

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10 2016 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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