Gelatine aus ausgestorbenen Tieren wie Dinosauriern

Können ausgestorbene Tiere im Kampf gegen den Klimawandel helfen?

Text: Jürgen Furian
Foto: Pixabay/AzDude

Eine faszinierende Diskussion mit Alex Lorestani, CEO von „Geltor“, über die Zukunft der Lebensmittelindustrie und  „Mastodon-Gelatine“.
Jürgen Furian
Jürgen Furian

Co-Founder von Pioneers.io. Erforscher von futuristischer Technologie, die an die Grenzen geht. Kolumnist für The Red Bulletin Innovator. Folge ihm auf linkedin, twitter und IG (juergen_furian).

Es ist absolut vernünftig, sich für den Genuss von Essen zu entscheiden, das nie herumgeflogen, auf der Weide gestanden oder im Meer geschwommen ist. Veganismus zugunsten der Lebewesen wird immer hipper. Aber was wäre, wenn wir nun von einem Tier sprechen würden, das schon seit Jahrtausenden ausgestorben ist?

Die Lobby gegen Massentierhaltung ist aktuell stark, doch die Lebensmittelindustrie der Zukunft wird vielleicht kaum noch Angriffsfläche für Proteste liefern - weil sie nichts mehr mit lebenden, atmenden Tieren zu tun haben wird. Stattdessen müssen wir an sterile Laboratorien und gigantische Gärtanks denken.

Ihr glaubt vielleicht, die veganen Muffins wären mir zu Kopf gestiegen, aber genau das ist es, wohin wir uns bewegen. Fragt nach bei Alex Lorestani, Co-Founder und CEO von Geltor.

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Er präsentierte der Welt bereits die „Mastodon-Gelatine“, die sein Startup direkt aus der Mastodon-Proteinsequenz ableitet. Oder in Laiensprache: Sie lassen sich von der DNA unserer alten Freunde aus der Mammut-Familie inspirieren, um künstliche Gelatine zu bauen.

#prototype Building food with biology opens new

prototype Building food with biology opens new possibilities. We're making custom materials, like designer gelatin. Here is a peek at a gummy candy that we made with mastodon gelatin*. *No mastodons were harmed in the production of this prototype. Instead of extracting gelatin from animal scraps like skin and bone, we build microbes that build gelatin.

„Unser Prozess ist völlig unabhängig davon, ob das Tier lebt und auf der Erde herumläuft oder eben nicht, denn es werden keine tierischen Komponenten verwendet“, sagt Alex, der Geltor gemeinsam mit seinem Princeton-Studienkollegen Nick Ouzounov gründete. „Die Mastodon-Gelatine zeigt, dass wir nur eine Proteinsequenz brauchen, nicht mehr. Dank DNA-Synthese müssen wir nicht einmal mit einem Tier oder Tiergewebe in Kontakt treten, um zu bauen, was wir bauen.“

„Viele Lebensmittel, Medikamente und Kosmetika basieren auf einer Zutat - Gelatine. Tausende Jahre haben Menschen Tierabfälle verwendet, um Gelatine zu produzieren. Bei Geltor machen wir Gelatine, ohne Tiere.“
Geltor

Im Sommer 2015 starteten Alex und Nick ihr Business über den Biotech-Accelerator IndieBio. In etwas mehr als eineinhalb Jahren bekamen sie schon einiges an Aufmerksamkeit und Geltors Kern-Produkte – die momentan auf Kollagen, dem Hauptbestandteil von Gelatine, basieren – haben bereits Interesse von Kunden geweckt.

Was Alex wirklich aufregend findet, ist aber, wohin die Technologie seines Unternehmens die Lebensmittel-Produktion von morgen führen kann.

„Das Ziel ist es, das Nummer-1-Unternehmen bei der Protein-Produktion zu werden. Und wir wollen Tiere als Proteinproduzenten ersetzen.“
Alex Lorestani

„Wir können die Proteine und Materialien, die die Leute wollen und brauchen, direkt bauen, anstatt uns mit dem zu begnügen, was wir aus einem Schwein oder einer Kuh herausbekommen.“

Künstliches Protein ist wirklich nichts Neues. Aber spannend ist das Potenzial an Skalierbarkeit und Individualisierung für den Kunden, das Geltor aufdeckt. „Ein bisschen, extrem teures Protein herzustellen, ist nicht schwer. Die Schwierigkeit ist, Tonnen davon zu einem wettbewerbsfähigen Preis zu produzieren.“

Gärtanks

Die riesigen Gärtanks der Biotreibstoff-Industrie könnten nun anderweitig genutzt werden.

© WikiCommons/Steven Vaughn

Alex verweist auf die „Millionen Liter Fermentierungskapazität“, die ein Erbe der Biotreibstoff-Industrie sind, und sieht sie als einen entscheidenden Faktor, um dieses Ziel möglich zu machen. Der andere ist die sprunghafte Entwicklung der Technologie. „Als ich Student war, war es noch unermesslich teuer, DNA-Sequenzen zu drucken, es war weitaus weniger verlässlich und es hat viel länger gedauert.“

Auch wenn kein Fleischfresser den Geschmack eines guten Steaks auf die Schnelle vergessen wird, könnte er doch bald von Produkten der veganen Welt gelockt werden, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.

„Indem wir auf zehn Milliarden Hühner und rund eine Milliarde Stück Vieh vertraut haben, haben wir nur an der Oberfläche gekratzt und nicht verstanden, wie wir die Materialien der Natur nutzen können. Aber wenn du das wertvolle Zeug in Gramm, Kilo oder Tonnen produzieren kannst … da gibt es wirklich interessante und aufregende Anwendungen für die Lösungen, die die Natur uns bereits bietet.“

„Evolution ist das beste Produktentwicklungsprogramm. Anstatt Tiere als Proteinquellen zu sehen, sehen wir sie als Informationsplattformen.“
Alex Lorestani

In unserem Streben, mehr Menschen mit mehr Fleisch zu einem geringen Preis zu ernähren, haben wir ein außer Kontrolle geratenes System der Lebensmittelproduktion geschaffen. Mit Vieh als Hauptursache für den Klimawandel und dem Fakt, dass 80 Prozent aller Antibiotika in den USA an Tiere verfüttert werden, müssen wir einen besseren Weg finden, die Welt zu ernähren. Und die Lösung muss eine schrittweise Reduktion der Abhängigkeit von Vieh sein.

Massenviehzucht

Es gibt bessere, effektivere Alternativen zur Massenviehzucht.

© WikiCommons/Xcx

Bei steigenden Ethik-Ansprüchen und der Suche nach effektiveren Distributionsketten ohne Qualitätsverlust, ist es kein Wunder, dass die Kunden bei Geltor Schlange stehen. Mit Spannung wird der Markteintritt des Unternehmens im Laufe des Jahres erwartet. 

Hoffen wir also, dass der Druck, den Bedarf an Tieren für unsere Lebensmittelproduktion zu senken, aufrecht erhalten bleibt. Das wäre eine gute Nachricht für unsere Gesundheit, die Zukunft unseres Klimas und die Tiere, mit denen wir den Planeten teilen.

Alex Lorestani ist am 1. und 2. Juni zu Gast beim Pioneers Festival 2017 in Wien.

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03 2017 THE RED BULLETIN INNOVATOR

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