Bekenntnisse einer Stewardess

Bekenntnisse einer Stewardess: Wie es im Flugzeug wirklich zugeht

Text: KITTY BEAN YANCEY
Foto: IntoConnection

Flugbegleiterin Heather Poole hat schon viel gesehen: Das Reiseverhalten von Passagieren, Piloten und Berühmtheiten. Der „Mile High Club“ scheint aber an Höhe zu verlieren.

Heather Poole ist seit 20 Jahren Flugbegleiterin bei einer namhaften amerikanischen Fluglinie. Sie hat schon viele kuriose Momente an Bord erlebt, sowohl im Cockpit, als auch mit den Passagieren. All diese hat sie in ihrem Buch „Cruising Attitude: Tales of Crashpads, Crew Drama and Crazy Passengers at 35,000 Feet“ (Deutscher Titel: “»Wir haben soeben unsere Reiseflughöhe vergessen«: Eine Stewardess erzählt“) zusammengefasst und 2012 veröffentlicht. Hier erzählt sie uns von ihren bewegendsten Momenten an Board.

RED BULLETIN: Wie hat sich das Fliegen verändert, seitdem Sie damit angefangen haben?

HEATHER POOLE: Das Verreisen ist kein sexy Erlebnis mehr. Da gibt es Sicherheitsdienste und die Flugzeuge sind überfüllt. Die Menschen müssen damit klarkommen, aber oft explodieren sie wegen Kleinigkeiten. 

Nicht sexy? Wie sieht es mit dem „Mile High Club“ aus (ein geheimer Club von Menschen, die an Bord eines Flugzeuges Sex mit einem Partner hatten), kommen da keine Pärchen mehr?

Das ist schon lange her, seitdem so etwas zuletzt passiert ist. Das Flugzeug ist so voll, du kannst dich nichtmal in deinem Sitz bewegen. Ich weiß nicht, ob die Toiletten kleiner, oder die Leute größer werden, aber es gibt wirklich keine romantischen Plätze im Flieger.

Gibt es noch Flugbegleiterinnen, die sich die Zeit mit Piloten in Zwischenstopps vertreiben?

Vielleicht bei neuen Fluglinien, wenn noch alles frisch und aufregend ist. Es ist extrem: Entweder sind Flugbegleiter hinter dem Piloten her, oder total unbeeindruckt. Piloten bekommen nun auch längere Pausen, sie haben mindestens 10 Stunden, wir haben 8. Sie wohnen möglicherweise in einem anderen Hotel und wir arbeiten schon wieder auf einem anderen Flug und sehen den Piloten nie wieder.

Und während der Flüge?

Vor 9/11 durften wir ins Cockpit, um mit den anderen abzuhängen, damals war das Gemeinschaftsgefühl größer. Seitdem haben sich die Dinge verändert und es verstehen sich nicht wirklich alle gut. Manchmal werden wir von den Piloten gebeten, mit dem Servierwagen den Gang zu blockieren, damit sie in Ruhe die Toiletten benutzen können. Wir sagen dann schon: „Wollt ihr wirklich JETZT rauskommen?”

Man hört viel über das schlechte Verhalten von manchen Passagieren. Ich bin sicher, Sie haben ein paar Geschichten für uns.

Oh mein Gott, ja! Aber ich habe heute schon viel mehr Selbstbewusstsein und kann besser damit umgehen. Ich hatte gerade erst einen Passagier, der sein Gepäck in der First Class verstaut hat, obwohl er Economy Class gebucht hatte. Das geht gar nicht. Dann bestellte er auch noch ein Getränk kurz vor der Landung und ich musste es ihm wegnehmen. Er fragte nach meinem Namen. Ein paar Tage später sah ich ihn am Flughafen und fragte: „Und, haben Sie schon einen Brief geschrieben?“ Er explodierte und schrie Schimpfwörter umher. 

„Das Verreisen ist kein sexy Erlebnis mehr.“

Gibt es manchmal Probleme mit Betrunkenen?

Ich fliege oft nach Las Vegas, wo viele Polterabende stattfinden. Einmal hatte ein irischer Boxer einen Kampf in Vegas und viele irische Fans flogen hin. Ich konnte noch nicht einmal den Getränkewagen richtig vorbereiten, da griffen schon von überall Hände nach den Drinks. Ich versuchte, sie zu beruhigen und bat sie, sich hinzusetzen. Ein Mann griff mir dann auf den Hintern, presste seine Lippen auf meine und wollte mich küssen. Ich hätte natürlich den Flug umlenken und ihn raushauen können, aber dann hätten viele Leute ihre Verbindungsflüge verpasst. Zu jedem Vorfall, über den in den Nachrichten berichtet wird, gibt es an die 20 Ereignisse, von denen niemand erfährt. Manchmal schluckst du es einfach runter.

Sind Sie schon mit vielen Berühmtheiten geflogen?

Oh ja. Jedes Jahr fliegen die Stars mit unserer Linie zu den Oscars und überall sind ihre Kleider. Einmal musste ich drei Kleider für Natalie Portman verstauen, und als ich dann die Oscars angesehen habe, erkannte ich eines der Kleider wieder.

„Zu jedem Vorfall, über den in den Nachrichten berichtet wird, gibt es an die 20 Ereignisse, von denen niemand erfährt.“

Hatten Sie schon mal einen Flug mit einem Prominenten, der zu viel trank?

Wir hatten mal einen jungen Star, der gerade erst aus der Entzugsklinik herausgekommen ist und ziemlich viel Wein trank. Wir fanden das ziemlich dumm, denn wenn du berühmt bist, und andere Leute davon wissen, dann kommt so etwas schnell in die Medien. 

Wie viele Drinks servieren Sie einem Passagier?

Das ist ganz unterschiedlich, denn jeder Mensch ist anders. Da muss man auf sein Gefühl hören. Wenn jemand ruhig ist und sich gut benimmt, dann ist das vollkommen okay, wenn er mehrere Drinks bestellt. Aber manchmal ist es recht schwer mitzuzählen, wenn verschiedene Leute einen Passagier bedienen.

„Beim Fliegen ist man niemals unsichtbar.“

Wie verweigern Sie ihnen die Drinks?

Manchmal verschwinden wir einfach und „vergessen“ auf die Bestellung. Oder ich sage: „Sie bekommen keine mehr, denn ich fühle mich unwohl dabei, Ihnen noch mehr zu geben.“ 

Ich habe gehört, dass Flugbegleiter Neulinge in der First Class daran erkennen, wie sie bestellen.

Ja, sie fragen zum Beispiel gleich nach fünf Getränken. Ich sage: „Machen Sie sich keine Sorgen, ich komme ja wieder,” und lächle, aber innerlich ärgere ich mich. Andere glauben, sie müssen alles ausprobieren und wechseln ständig ihre Drinks.

Haben Sie irgendwelche Tipps für Passagiere?

Das Wichtigste: Seid nett! Ich hatte einmal einen Typen, der in den Flieger kam, mir in die Augen sah und grüßte. Das passiert so selten. Wenn so jemand etwas will, dann schaue ich, dass er es auch schnell bekommt. Die Leute sagen auch selten Bitte und Danke. Oder sie haben Kopfhörer auf und ich muss mich ständig wiederholen. Ich könnte in der Durchsage mitteilen, dass mein Hund ein Ei gelegt hätte, und niemand würde es hören. Aber denkt dran: Einmal könnte ich eure Flugbegleiterin sein, beim nächsten Mal eure Sitznachbarin. Beim Fliegen ist man niemals unsichtbar. 

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04 2016 The Red Bulletin

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