Tommie Sunshine

„Am besten lebst du ohne Kontrolle“

Text: Andreas Tzortzis
Bilder: SHEVIN DISSANAYAKE

Tommie Sunshine vergönnt anderen die Millionen. Ihm ist wichtiger, dass sich Leute bei seinen Gigs so richtig treiben lassen können.

Wenn Tommie Sunshine durch die Tür kommt, ist das mehr ein Schweben als ein Gehen. 1,83 Meter groß, Blumenshirt, Sonnenbrille, lange Mähne, der Dude. Für ausgefallenen Stil stand der Amerikaner schon in den 1980ern, als er die House-­Szene von Chicago in Cord-Schlaghose und Polyester-Shirt betrat. Bald wurde aus dem Partygänger ein Produzent und DJ. Dabei konnte er die Finger weder von den Decks noch von Pillen und Alkohol lassen. Heute ist er clean, schwimmt auf der Erfolgs­welle elektronischer Musik und moderiert die Reihe „After the Raves“ auf Red Bull TV.

THE RED BULLETIN: Es heißt, du bist eines Morgens in Peru aufgewacht und hast dich selbst nicht im Spiegel erkannt. Was der Auslöser war, mit dem Zeug aufzuhören. Wie schwer fiel’s?

Tommie Sunshine: Es war viel einfacher, als man denkt. Mir war klar, was zu tun war. Hätte ich weitergemacht wie bis dahin, hätte ich jede Aussicht auf Erfolg vergessen können. Karriere als DJ und Produzent? Vergiss es. Ich wäre heute bloß ein Drogenjunkie.

Tommie Sunshine

Tommie Sunshine hat sich für einen anderen Weg entschieden.

Klingt nach einer ungeheuren Willensleistung.

Es war eher eine Erkenntnisleistung. EDM (Electronic Dance Music; Anm.) war groß im Kommen. Das war offensichtlich. Und ich wusste, ich musste entweder auf der Erfolgswelle schwimmen – oder ich würde in ihr untergehen. Ich hätte es sonst nie im Leben geschafft, heute hier zu stehen. Die Explosion, die EDM 2009 nahm, hätte mich zerfetzt. DJs waren mit einem Schlag die größten Rockstars der Welt. Mann, ich hätte mich längst ausgeklinkt. Ich hätte mich an allen vorbei ins Jenseits geravt.

Und du hattest dabei immer einen Plan für den nächsten Schritt in deiner Karriere?

(Lacht.) Ehrlich gesagt wusste ich nie, was als Nächstes zu tun ist. Ich weiß es heute noch nicht. Ich wache jeden Morgen auf und habe keine Ahnung, was ich machen soll. Und ich finde das klasse! Wenn du frei bleibst und dein Leben nicht zu kontrollieren versuchst, dann passieren abgefahrene Dinge. Es gibt nicht viele Menschen, die schlechte Tage ebenso akzeptieren können wie gute. Aber klarkommen musst du mit beiden, ob du willst oder nicht. Die ­Alternative ist es, jeden Tag die Stempeluhr zu drücken. Willst du das? Ich nicht.

Tommie Sunshine

Seitdem Tommie clean ist, schwimmt er auf der Erfolgs­welle elektronischer Musik.

Du hast den Moment richtig gelesen. EDM wurde zum Milliardengeschäft, DJs wie Calvin Harris machen 75 Millionen Dollar im Jahr. 

Ein talentierter Junge. Er hat viele Songs gemacht, die Menschen ihr Leben lang singen werden. Er verdient den Erfolg. Mir ist lieber, er bekommt die Kohle und nicht irgendein Promoter-Fuzzi. Was ist schlecht dran? Das Geschäft boomt, die Musik ist beliebter denn je. Für mich zählt aber nur eine Sache: Wenn ich bei meinen Gigs einen Blick in die Crowd werfe und ich sehe da eine Person, die allein und mit geschlossenen Augen tanzt, also einfach abschaltet und sich treiben lässt – dann bin ich für die nächsten zehn Jahre zufrieden. Und ich sehe so jemanden immer, jedes einzelne Mal. Bei jedem Festival, in jedem Club macht einer die gleiche transzendentale Erfahrung wie ich, als ich zum ersten Mal elektronische Musik gehört habe.

Wie kommst du mit dem ­Zynismus der Branche klar? 

Ich spiele einfach nicht mit. Wenn ich einen Raum betrete und es herrscht eine feindselige Stimmung, hau ich ab. Und komme erst wieder, wenn sich alle beruhigt haben. Ich musste deshalb schon Manager feuern und auf Plattenverträge und Agenten verzichten. Hat mir zu schaffen gemacht, hat sich aber ausgezahlt.

tommie sunshine

Tommie Sunshine, 45, Stilikone: „Ich spiele einfach nicht mit.“

Niemals Selbstzweifel gehabt in solchen Momenten?

Du musst ziemlich selbstsicher sein, um solche Entscheidungen zu treffen. Du musst daran glauben, dass da draußen eine bessere Gelegenheit auf dich wartet. Ich schätze, das hält die meisten Menschen davon ab, ihr Leben zu verändern. Sie bilden sich ein, sie können nichts verbessern oder verdienen nichts Besseres. Diese Unsicherheit habe ich überwunden.

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08 2016 The Red Bulletin

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