MC Guimê

So schrill ist São Paulo

Text: Fernando Gueiros
Bilder: Robert Astley Sparke

São Paulo, schwere Bässe, kurze Röcke, goldene Ketten: Funk-Superstar MC Guimê zeigt uns Nightlife à la Brazil.

São Paulo ist Brasiliens größte und wohl­habendste Stadt, wirtschaftlich und ­kulturell prägend für das ganze Land, zwölf Millionen Einwohner auf 60 mal 80 Kilometern. São Paulo hat das auf­regendste Nachtleben, die schönsten Frauen, die sparsamsten Schneider und einen Superstar: Funk-Rapper MC Guimê, acht Millionen Facebook-Fans, Interpret der inoffiziellen brasilianischen Hymne zur Fußball-WM, best buddy von Neymar

Das gemeinsame YouTube-Video der zwei schoss in Rekordzeit auf 50 Millionen Klicks, was keine besondere Überraschung war: Kein anderer Musiker in Brasilien brachte es jemals auf mehr YouTube-Klicks als der Zweiundzwanzigjährige mit sehr vielen Tattoos auf sehr wenig Körper. 

„Neymar ist ein völlig normaler Typ“, sagt MC Guimê. „Null abgehoben, Mann. Mit dem kannst du rumhängen und Spaß haben wie mit jedem anderen. Einer wie du und ich.“ Dazu sollte man wissen: Neymar und MC Guimê begegnen einander, nicht nur was die Körpergröße betrifft, auf Augenhöhe.

Auch beim Prominentenstatus spielen beide in Brasiliens Top-Liga. Mit MC Guimê in São Paulo rum­hängen ist ungefähr wie mit Snoop Dog in New York rumhängen. Nur ein wenig, sagen wir, absolutistischer.

Es ist stockdunkel in dem tiefergelegten pechschwarzen Luxus-Van. Die Lichter der Nacht streifen nur gedimmt hinter den getönten Scheiben vorbei. MC Guimê und sechs seiner Freunde fläzen auf den dunklen Ledersitzen, tragen Sonnenbrillen, Schirmkappen und Goldketten. Das Soundsystem bombt Brazilian-Funk-Beats in den Wagen, „Brazil We Flexing“, eine Zusammenarbeit von MC Guimê mit US-Rapper Soulja Boy.

MC Guimê

Party Animal: Guimê arbeitete sich von São Paulos Arbeiterviertel Tatuapé hinauf in die VIP-Areale der Clubs.

Brazilian Funk besteht aus Miami Bass, Electro Funk, Hip-Hop, traditioneller  brasilianischer Musik und einem offensiv inszenierten Lebensstil mit teuren Autos, Schmuck, Frauen und Partys. Niemand kann Brazilian Funk besser als MC Guimê, in jeder Hinsicht. Ein Uhr früh, Donnerstag. Es ist eine der wenigen freien Nächte für MC Guimê, der vierzig Shows pro Monat spielt. Er ist heute hier, um mit seinen Freunden Spaß zu haben.

Spaß, das heißt in São Paulo zunächst einmal: Lions. Der Club ist São Paulos Kompetenzzentrum für Hip-Hop und Rap, mit einem Publikum aus Rappern, Models, Gays. MC Guimê durfte hier einmal zu ­Beginn seiner Karriere spielen, „als ich noch ein Niemand war, ein kleiner Junge aus armen Verhältnissen. Heute habe ich ­genug Geld, um mir hier eine VIP-Lounge zu mieten und mit meinen Freunden in Ruhe zu feiern. Darauf bin ich stolz.“ MC Guimê und seine Entourage ­schreiten durch den Club wie Moses einst durchs Rote Meer.

Mit MC Guimê in São Paulo rumhängen ist wie mit Snoop Dog in New York rumhängen.

Facundo Guerra, Besitzer des Lions, ein Hüne mit Hipster-Bart und T-Shirt, ist der wichtigste Mann in São Paulos Nacht­leben. Er hatte den Mut, das Lions vor fünf Jahren im damals runtergekommenen Zentrum der Stadt zu gründen. „Das war kein Geniestreich“, sagt er und lacht. „Nirgendwo sonst waren die Mieten so niedrig.“ 

Mit dem Lions erweckte er einen ganzen Stadtteil zum Leben. Heute pulsiert Downtown São Paulo regelrecht, steht für die lebhafteste Szene aus Clubs, Bars und Konzerthallen. Die spannendsten davon hat Guerra gegründet.

Lions Nightclub

Der Dresscode unter den weiblichen Club-­Besuchern São Paulos: feminin, elegant, sexy

São Paulo ist nicht eine Stadt“, sagt Guerra. „São Paulo sind fünf Städte. Jedes Viertel hat seinen eigenen Charakter, sein eigenes Nachtleben. São Paulo ist verrückt genug für jede Art von Spaß und Events. 

DJ King

Hip-Hop-DJ im Lions Club, einer wahren Kultstätte in São Paulo für Rap und R ’n’ B

Du kannst in einem Club abtanzen, der sich genauso gut in Chicago oder New York befinden könnte. Und du kannst genauso gut mit einem Bier, Sneakers und nacktem Oberkörper auf dem Gehsteig abhängen und deinen Spaß haben.“ 

„Doch das Wichtigste“, fährt er fort, „das Allerwichtigste: Das Nachtleben in São Paulo ist nicht kommerzialisiert wie anderswo. Schau mal nach London, Ibiza, Madrid oder Paris. Da leben die Clubs von den Touristen. In São Paulo gibt es kaum Touristen. Deswegen ist unsere Szene so dicht, so lebendig und so vielfältig.“

Blitzschnell hat sich herumgesprochen, dass Guimê im Haus ist. Auf der Tanz­fläche vor seiner VIP-Lounge drängen sich immer mehr Mädchen, der Kellner bringt einen neuen Eiskübel mit Wodkaflaschen, aber Guimê winkt seinen Freunden zum Aufbruch. „Jetzt Casa 92“, sagt er, steht auf und geht, seine Freunde springen auf und folgen ihm.

Casa 92

In der Casa 92 im Stadtteil Pinheiros trifft sich nach Mitternacht São Paulos Clubbing-Szene.

„Eis und Drinks vorbereitet?“, fragt einer von Guimês Freunden in sein Handy, als die sieben ein paar Minuten später wieder im Van sitzen. Und nach einer kurzen Pause: „Gut. Wir sind nämlich gleich da.“ 

MC Guimê

Musikerleben: „Selbst wenn ich wollte – ich könnte nicht vor vier Uhr früh einschlafen“, sagt MC Guimê.

Er wirkt tatsächlich erleichtert. Guimê war noch nie im Casa 92, also sind alle ein wenig unentspannter, als man es nach zwei Flaschen Wodka um halb vier Uhr früh üblicherweise ist. Aber es klappt alles. Als der Van vor dem Club hält, wirft der DJ drinnen „Blister in the Sun“ von den Violent Femmes an, eine der Lieblingsnummern von Guimê, man ist gut vorbereitet.

Casa 92 ist ein Club im Stadtteil Pinheiros, in einem alten Haus zwischen Wolkenkratzern. Pinheiros hat ein ganz anderes Publikum als Downtown, und auch die Violent Femmes passen besser hierher als in die Hip-Hop-Nacht im Lions. Ein Mädchen fasst sich ein Herz und läuft auf Guimê zu, umarmt ihn, er mustert sie, grinst und beginnt Smalltalk.

„Selbst wenn ich müde bin“, sagt er ein wenig später auf einer Couch in einem abgetrennten Outdoor-Bereich unter einer ausladenden Palme, „selbst wenn ich müde bin, kann ich nicht vor drei oder vier Uhr früh schlafen. Ich verbringe viele Nächte im Studio bei Aufnahmen. Und wenn nicht, dann genieße ich das Nachtleben von São Paulo. Vieles in dieser Stadt ist eine Katastrophe, der Verkehr, das Chaos, aber das Nachtleben ist Weltklasse. Ich bin viel unterwegs, aber nach Plätzen wie diesem habe ich Heimweh.“ 

4.20 Uhr morgens, „Bizarre Love Triangle“ von New Order, Guimê auf der Tanzfläche unter Palmen, danach „Sex Machine“ von James Brown, Mädchen bitten Guimê um Selfies und bedanken sich mit Küssen.

„Das ist es, worum es geht“, ruft Guimê, „einfach den Moment genießen, alles vergessen.“ Hoch oben wird der Himmel zwischen den Wolkenkratzern lila, es läuft „99 Luftballons“ von Nena.

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07 2015 THE RED BULLETIN

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