Raphael Honigstein über die Wichtigkeit des Ballbesitzes im Fußball

Warum „das Schimpfwort“ Ballbesitz im Fußball immer noch das Um und Auf ist

Words: Raphael Honigstein
Photo: Wikimedia Commons/Montage

Unser Experte Raphael Honigstein übt sich in einer detaillierten Analyse der Ballbesitz-Statistiken und verdeutlicht die Wichtigkeit der Kontrolle über das Spielgerät.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

2016 ist das Jahr, in dem Ballbesitz im Fußball zum Schimpfwort wurde. Leicester City bewies, dass man die Premier League auch ohne den Ball gewinnen kann. Ein durchschnittlicher Ballbesitz von 44,8 Prozent, der geringste Wert für einen englischen Meister seit neun Jahren, genügte den Foxes, um sensationell den Titel zu holen, während Louis van Gaals Manchester United seine Zuschauer mit langsamen, methodischen Passstaffetten ins Nichts zu Tode langweilte.

In der Champions League wurden Ballbesitzfetischist Pep Guardiola und der FC Bayern vom brillianten Umschaltspiel von Diego Simeones Atletico Madrid ausgeknockt, und bei der EM erwischte es Spanien, die größten Verfechter des dominanten Ballbesitzspiels unter den Nationalmannschaften, zum zweiten Mal in Folge früh im Turnier. Portugal schickte Frankreich im Finale trotz geringeren Ballbesitzes (47 zu 53 Prozent) ins Tal der Tränen und RB Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick vermutete, das größtes Problem von Deutschland bei der Niederlage gegen die Gastgeber in Marseille sei „zu viel Ballbesitz” gewesen: ein Spielaufbau, der zu viele Kontakte erforderte.

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Just in dem Moment, in dem man glaubte, Ballbesitzstatistiken seien komplett irrelevant, wenn nicht sogar irreführend, zeigte sich jedoch eine führende Figur des internationalen Fußballs von ihrer Wichtigkeit überzeugt.

Nach dem torlosen Unentschieden seines Teams bei Liverpool kehrte Manchester-United-Coach José Mourinho kurz in den Presseraum zurück, um zu verkünden, dass sein Team 42 Prozent Ballbesitz und nicht 35 Prozent gehabt hätte, wie der offizielle Datenlieferant der Premier League Opta berechnet hatte. Gemäß diesen Zahlen hatte United noch nie so wenig Ballbesitz in einer Partie verzeichnet, seitdem der Wert im Jahr 2003 erstmals gemessen wurde.

Der Unterschied zwischen Uniteds und Optas Daten lässt sich wahrscheinlich mit den verschiedenen Methodiken erklären, die angewendet werden. Während manche Analysten die tatsächliche Zeit messen, in denen eine Mannschaft den Ball in den eigenen Reihen hält, kalkuliert Opta Ballbesitz als prozentualen Anteil aller Pässe in einer Partien. Die Zahl reflektiert die Passfrequenz und -qualität einer Mannschaft, und auch ihre Fähigkeit, den Gegner im Passspiel zu stören; man kann sie als eine Kennziffer für die Bewegung des Balles verstehen.

Das erklärt allerdings noch nicht, warum sich Mourinho dafür interessieren sollte. Der portugiesische Trainer hat in der Vergangenheit oft eine reaktive Spielweise bevorzugt, vor allem bei Inter Mailand, wo fein austariertes Konterspiel 2010 den Champions-League-Titel einbrachte. 

„Vereine mit durchschnittlich höheren Ballbesitzwerten machen tendenziell mehr Punkte.“

Er konnte auch zurecht darauf verweisen, dass United die Partie an der Anfield Road  „zum Großteil kontrolliert“ hatte, obwohl Liverpool fast doppelt so viele Pässe gespielt hatte. Aber der 53-jährige war ganz offensichtlich verärgert über den geringen Ballbesitzwert, und das aus gutem Grund. Obwohl individuelle Ballbesitz-Statistiken uns nichts über die Effizienz zweier Teams sagen, gibt der Durchschnittswert auf die Dauer einen sehr viel deutlicheren Hinweis auf die Erfolgschancen von Mannschaften, als man zunächst annehmen mag. Ein Blick auf die vergangenen drei Spielzeiten in England und Deutschland macht das ersichtlich.

In den ersten Ligen der beiden Länder gab es zwischen 2013 und 2016 zahlreiche Sonderfälle und Sondereffekte, zum Beispiel Bayern Münchens absurd hohe Ballbesitzwerte, Leicesters erfolgreichen Minimalistenfußball der letzten Saison, die verschiedenen Gesichter von Brendan Rodgers‘ Liverpool, Mannschaften wie Hertha BSC und der 1. FC Köln, die aus wenig Ballbesitz viel machen oder van Gaals ManUnited, das aus viel Ballbesitz so gut wie nichts machte. Nichtsdestotrotz erweist sich Zusammenhang von Ballbesitz und zählbarem Erfolg in beiden Ligen alles andere als zufällig.

Wie wir in den obigen Grafiken, die Colin Trainor von Statsbomb.com freundlicherweise anhand offizieller Opta-Daten zusammengestellt hat, erkennen können, sammeln Vereine mit durchschnittlich höheren Ballbesitzwerten tendenziell in beiden Ligen mehr Punkte. In England gibt es größere Ausreißer -  Punktzahlen, die stark von der Regressionsgeraden abweichen -  aber insgesamt immer noch eine hohe, positive Korrelation (r = 0.70) zwischen Ballbesitz und erzielten Punkten pro Spiel. Dieses Verhältnis ist in der Bundesliga sogar noch stärker (r = 0.80) ausgeprägt.

r = 1 würde eine perfekte Korrelation anzeigen -  alle Vereinen wären exakt auf der selben Linie, und würden zuverlässig und gleichmäßig mehr Punkte verbuchen, je mehr Ballbesitz sie verzeichneten. Das ist in der Realität natürlich nicht der Fall. Der SV Darmstadt 98 der letzten Saison, zum Beispiel, war ein krasser Ausreißer. Die Lilien holten 1,12 Punkte pro Spiel mit lediglich 37 Prozent Ballbesitz, einem unglaublich geringen Wert. Kein anderes Team in beiden Ligen hatte in den letzten drei Jahren durchschnittlich weniger als 40 Prozent Ballbesitz, so etwas kommt in Top-Ligen schlicht nicht vor. (Vielleicht war Mourinho deshalb so unzufrieden mit der Statistik gegen Liverpool). Der englische Meister Leicester stellt sogar einen noch erstaunlicheren Einzelfall dar. Die Ballbesitzwerte der Foxes waren letzte Saison so gering (44,8 Prozent), dass sie mehr als einen Punkt pro Spiel mehr holten, als es die Regressionslinie vorhersagte.

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Wenn derart gravierende „Fehler im System“ möglich sind, wie tauglich ist es dann überhaupt als Vorhersageinstrument? Andere Kriterien, die hier nicht berücksichtigt wurden, wie zum Beispiel die Qualität und die Tiefe der Kader, Verletzungen, Fitness et cetera, haben natürlich ganz unabhängig vom Ballbesitz einen Einfluss auf die Ergebnisse. Aber lässt sich die Wichtigkeit des Ballbesitzes getrennt von diesen Dingen quantifizieren? Das ist in der Tat möglich.

r2, das Bestimmtheitsmaß, gibt an, wieviel Prozent der Punkte-Varianz einzig und allein mit den unterschiedlichen Ballbesitzwerten erklärt werden können. Der Wert für die Premier League liegt hier bei 0,50 - ohne Leicesters Wahnsinnssaison läge er bei 0,58 - und für die Bundesliga bei 0,65, da hier Punkte und Ballbesitz in engerem Verhältnis zueinander stehen. Das heißt: 50 bzw. 65 Prozent der Punktestreuung kann allein dem Ballbesitz zugeschrieben werden. Darüber lohnt es sich, eine Minute lang nachzudenken.

50 bzw 65 Prozent der Punkteabweichungen zweier Teams, über die wir rein gar nichts wissen - sie mögen defensiv oder offensiv, gut oder schlecht sein - lassen sich allein anhand der durchschnittlichen Ballbesitzwerte erklären. Ballbesitz ist also ein unglaublich wichtiger Erfolgsfaktor. So wichtig, dass sich mit Bestimmtheit vorhersagen lässt, dass in diesen zwei Ligen mit mehr Ballbesitz durchschnittlich auch mehr Punkte erzielt werden.

Einfach den Ball öfter hin und her zu spielen als der Gegner garantiert natürlich niemandem Punkte. Es wäre genauso albern, ein schwaches Team darauf auszurichten, möglichst viel Ballbesitz zu haben: es wäre schlichtweg nicht in der Lage dazu. Aber die Zahlen zeigen eindeutig, dass erfolgreiche Mannschaften besser und in höherer Frequenz passen - und umgekehrt. Und das sollte eigentlich auch niemanden überraschen.

Hohe Ballbesitzwerte sind Ausdruck von hoher technischer Qualität, von guten Bewegungsmustern auf dem Feld und von der Fähigkeit eines Teams, das Spiel des Gegners effektiv zu stören. Für die Teams auf der anderen Seite der Statistik ist es zwar  immer möglich, mit wenigeren, genaueren Pässen erfolgreich zu sein, aber statistisch gesehen eben auch viel unwahrscheinlicher, so zu gewinnen. Als Underdog Punkte zu holen, ohne den Ball, ist weitaus schwieriger als mit ihm.

Leicester, Portugal und Atletico mögen dem Ballbesitz einen schlechten Ruf beschert haben, aber es wäre falsch, aus deren unerwarteten Erfolgen einen generellen neuen Trend abzuleiten. Diese Teams sind Ausreißer, Ausnahmen, die eine weiter bestehende Regel bestätigen: Fußball bleibt ein Sport, der die belohnt, die das Spielgerät beherrschen.

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10 2016 The Red Bulletin

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