Warum Borussia Dortmund wie eine Bank agiert

Borussia Dortmund: Der cleverste Klub der Welt?

Text: Raphael Honigstein
Foto: Wikimedia Commons/Montage

Raphael Honigstein wirft einen Blick auf Borussia Dortmunds Transferpolitik und erklärt, warum sie ein Vorbild für andere Klubs sein muss.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2016 Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Vor ein paar Jahren hätte die Nachricht, dass Borussia Dortmund einen 17-jährigen für 8,6 Millionen Euro verpflichtet, in Deutschland für heftige Reaktionen a la „Der Fußball ist verrückt geworden!” gesorgt. Aber die Zeiten haben sich geändert. „Erneuter Transfercoup“ für den BVB, lautete die Schlagzeile des führenden Boulevardblattes „Bild“ nach der Bekanntgabe des Transfers des schwedischen Stürmers Alexander Isak von AIK Solna zu den Schwarzgelben letzte Woche.

Man darf davon ausgehen, dass weder bei der Bild noch bei einem anderen Blatt in Deutschland irgendjemand viel von Isak in der schwedischen Liga (Allsvenskan) gesehen hat. Das einhellige Lob für Borussias neueste Errungenschaft speist sich vor allem aus dem großen Vertrauen in die Kompetenz von Sportdirektor Michael Zorc und Chef-Scout Sven Mislintat, die immerhin Real Madrid ausstechen konnten - und aus der Tatsache, dass 8,6 Millionen Euro ein geradezu vernachlässigbares Investment darstellen.

Isak wird Dortmund in den Finanzbüchern, abgesehen vom Gehalt, nur 1,5 Millionen Euro pro Saison kosten, da die Ablösesumme über die (kolportierte) Vertragslaufzeit von fünfeinhalb Jahren abgeschrieben wird. Zudem wird sich der Wert des Spielers schon bei der kleinsten Verbesserung um ein Vielfaches steigern. Die Mannschaft, ohnehin schon gespickt mit attraktiven Talenten, bekommt einen weiteren hervorragend vermarktbaren jungen Spieler hinzu.

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Der ehemalige Präsident Bayern Münchens Franz Beckenbauer beschwerte sich um die Jahrtausendwende häufig darüber, dass sein Verein sich zu sehr „wie eine Bank“ verhalte, lieber Geld sparte und es nicht für Stars ausgeben wollte. Der Rekordmeister hat seine Strategie seit dem Umzug in die Allianz-Arena 2005 geändert, aber Dortmund agiert in der Tat wie eine Bank. Genauer gesagt, wie eine Investmentbank. Das Geschäftsmodell liegt darin, günstig ein- und extrem teuer zu verkaufen.

Spielerverkäufe beliefen sich diese Saison auf einen Umsatz von 111 Millionen Euro, etwa ein Viertel des Gesamtumsatzes. Dieses Extrakapital hat es dem Verein im Gegenzug ermöglicht, eine Bundesliga-Rekordsumme von 120 Millionen Euro (inklusive Isak) in neue Spieler zu investieren, um die Mannschaft neu aufzubauen.

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Dortmund ist der Vorreiter eines Trends in der Bundesliga: die stärkere Fokussierung auf (Transfer-)Wertschaffung. Die Entdeckung der Spieler als Anlageposten und wichtigen Teil des Umsatzmixes ist eine logische Reaktion auf die Hyperinflation der Marktpreise in den letzten beiden Jahren. Während 2014/15 Transfereinnahmen für die gesamte Liga nur 8,8 Prozent der kombinierten Einnahmen ausmachten (230 Millionen Euro), war es in der vergangenen Saison fast das doppelte: 16,6 Prozent (532 Millionen Euro). Der Gesamtumsatzerlös betrug 3,24 Milliarden Euro.

„Die Bundesliga erlebt keinen Ausverkauf, sondern reinvestiert aktiv, um künftige Einnahmen zu generieren.“

In der laufenden Spielzeit stehen Transfereinnahmen von 534 Millionen Euro Ausgaben in Höhe von 611 Millionen Euro gegenüber. Dieses kleine Handelsdefizit von 77 Millionen Euro - die Nettoausgaben für Einkäufe von Spielern außerhalb der Bundesliga - kann sich die Liga locker leisten.

Es zeigt, dass die Bundesliga keinen Ausverkauf erlebt, sondern aktiv  reinvestiert, um künftige Einnahmen zu generieren. Der Gesamtumsatz dürfte für die Saison 2016/17 nur knapp unterhalb der Marke von 4 Milliarden Euro liegen. Nächste Saison setzt der neue TV-Vertrag mit Erträgen in Höhe von 1,16 Milliarden Euro pro Spielzeit ein. Fällt das Transferdefizit ähnlich gering wie im laufenden Spieljahr aus, läge es gemessen an allen Einnahmen bei ungefähr zwei Prozent.

Ein Vergleich  der Transferstrategien der Bundesligavereine und der Premier League ist aufschlussreich. Die Top-20 der englischen Clubs haben zusammen 1,54 Milliarden Euro investiert und im Gegenzug Spieler für 753 Millionen Euro verkauft. Das macht ein Transferdefizit von 784 Millionen Euro, eine Summe, zehnfach höher ausfällt als in der Bundesliga, und in etwa 15 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht.

Natürlich kann sich die Premier League leisten, Spieler teuer aus dem Ausland einzukaufen, da sich die Einnahmen seit 2014/15 (4 Milliarden Euro) beinahe verdoppelt haben. Die gewaltige und systematische Wertvernichtung, die das Geschäftsmodell auf der Insel unterfüttert, ist vor allem für ausländische Vereine von Relevanz. Da es nur eine geringe Nachfrage für die unglaublich teuren englischen Spieler in anderen Ligen gibt, kommt wenig fremdes Geld in die Liga.

Umgekehrt halten die Reichtümer der Premier League immer mehr den Betrieb in anderen europäischen Ligen am Laufen. In den letzten fünf Jahren flossen aus England mehr 3 Milliarden Euro an Transfers in andere Märkte. 

Der Inflationsdruck auf Ablösesummen und Gehälter, den Englands unersättlicher Hunger nach Auslandsimporten hervorgebracht hat, macht es für Dortmund und vergleichbare Vereine überlebensnotwendig, Spieler entweder selbst zu entwickeln oder sie früh in ihrer Karriere an den Verein zu binden.

Zukünftige Stars wie Isak oder Ousmane Dembélé zu verpflichten ist nicht nur clever, sondern alternativlos für alle Vereine, die nicht der Superclub-Elite angehören. Es gibt nur eine, nicht zu unterschätzende Komplikation: Langfristige Investitionen und sofortige Dividende in der Form von Ergebnissen und sportlichem Erfolg gehen leider nicht immer Hand in Hand.

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01 2017 The Red Bulletin

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