David Lama

David Lama:
„Buddhist? Nein, ich bin Rationalist“

Text: Andreas Rottenschlager
Foto: MANUEL FERRIGATO

David Lama ist gut darin, sehr hohe Ziele zu erreichen. Auch weil er in der Lage ist, im entscheidenden Moment seinen Plan zu ändern. 

Er bestieg den vielleicht schwierigsten Berg der Welt, den Cerro Torre in Patagonien, als Erster ohne technische Hilfsmittel und schrieb damit Alpingeschichte – umso mehr, weil er hier zunächst gescheitert war. 

Wie beeindruckend David Lama mit Scheitern umgeht, zeigt auch die spektakuläre Dokumentation über seinen ersten Erstbesteigungsversuch am Lunag Ri (6895 Meter) in Nepal. Wir sprachen mit dem 26-jährigen Tiroler über die Kunst, im richtigen Moment cool zu bleiben. Und erfuhren zudem …

  • worum es auf Expeditionen und im Alltag geht
  • warum „mit dem Kopf durch die Wand“ keine gute Einstellung ist
  • was Rationalität wirklich heißt
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THE RED BULLETIN: David, du übst einen Beruf aus, in dem jede noch so kleine falsch getroffene Ent­scheidung tödliche Konsequenzen haben kann …

DAVID LAMA: Das mag stimmen, heißt aber nicht, dass ich Entscheidungen auf Expeditionen anders treffe als im Alltag. Es geht um Erfahrung und Selbsteinschätzung.

In deinen Filmen wirkst du so ruhig, cool, gefasst. Egal ob du durch tausend Meter hohe Wände oder nachts in vereiste Felsgrate steigst oder eine jahrelang geplante, unfassbar aufwendige Ex­pedition abbrechen musst. Du strahlst eine geradezu buddhistische Ruhe aus.

Was du Buddhismus nennst, ist in Wahrheit Rationalität. Müsste ich die Geisteshaltung­ erfolgreicher Alpinisten so knapp wie möglich beschreiben, würde ich sagen: rational-objektiv.

Das ist das Gegenteil dessen, was man von einem Top-Performer erwartet. Gehen in Sport oder Wirtschaft die Sieger nicht oft mit dem Kopf durch die Wand?

Es geht nicht darum, eine ­Sensation zu probieren. Wir steigen in keine Wand, in der wir nicht zumindest eine kleine Chance auf den Gipfel haben. Wir entscheiden rational: Du kennst deinen Kletterpartner, studierst das Wetter, rechnest das Fehlerpotential mit ein.

Trotzdem passiert es, dass du an Bergen scheiterst. Im Frühjahr musstest du an der Südostkante der Annapurna III in Nepal umkehren …

Das schlechte Wetter hat ein Weiterkommen unmöglich gemacht. Ob man das Scheitern nennt oder nicht, ist irrelevant. Es wäre falsch gewesen, anders zu entscheiden.

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Alle Aufwände, alle Mühen der monatelangen Vor­bereitungen waren in diesem Moment gegenstandslos ­geworden. Du hast gewirkt, als wäre dir das egal.

Klar fuchst einen so was. Aber rational entscheiden heißt auch, seine Pläne immer wieder zu ändern. So ist das eben.

Die meisten Spitzensportler würden es genau andersrum sagen: „Sei hartnäckig. Lass dich von Hindernissen nicht vom Ziel abbringen.“ 

Beim Bergsteigen musst du deine Vorstellungen permanent an der Realität prüfen. Ein Plan ist ja nichts anderes als eine Idee. Und eine Idee ist etwas Momentanes.

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Es gibt auf der Erde 41 höhere Berge als die Annapurna III. Was reizt dich an ihr? 

Die Südostkante wurde noch nie bestiegen. Der Kern des Alpinismus sind für mich Erstbesteigungen. Dazu kommen die Schwierigkeit und die Abgeschiedenheit der Route. Nächstes Jahr fahren wir ­wieder hin.

Du hast als Alpinist einen Ruf zu verteidigen. Wie gehst du mit gescheiterten Expeditionen um?

Natürlich will man immer Erfolg haben. Aber jede Expedition bietet unabhängig davon hunderte lehrreiche Erlebnisse.

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Kannst du ein Beispiel aus einer gescheiterten Expedition nennen?

Ich war im November 2015 zum ersten Mal mit dem Amerikaner Conrad Anker am noch unbestiegenen Lunag Ri unterwegs. Als die Wetter­prognose minus 35 für die kommende Nacht ankündigte, sagte Conrad: „Wenigstens wissen wir, dass es kalt wird.“ Klingt banal, oder?

Nun ja …

Ich habe aus Conrads Gelassen­heit gelernt. Dass es nicht hilft, über schlechte Nach­richten zu jammern. Dass jede Info ein Vorteil ist – in diesem Fall: packst du eine extra Gaskartusche ein. Und so weiter. Auf einer Expedition können ganz kleine Details in Summe den Unterschied machen.

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01 2017 The Red Bulletin

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