Im Zeichen des Sturms

Schnell, gefährlich, spektakulär, legendär und auch ein bisschen rustikal: Mit dem Rolex 24 in Daytona Beach, Florida, beginnt die Motorsport-Saison richtig laut.

Zum Start fehlt Linda Vaughn. In frühen Jahren gab es in ganz Amerika kaum eine Garage, kaum ein Jugendzimmer, das ohne ein Plakat mit den gewaltigen optischen Vorzügen von „Miss Hurst Golden Shifter“ ausgekommen wäre. Seit mittlerweile fast einem halben Jahrhundert war die Blondine gern gesehener und nicht wegzudenkender Gast im Fahrerlager der Rolex 24 Hours of Daytona, jenes legendären Rennens in Florida, mit dem für die Motorsportwelt traditionell die Saison beginnt. Diesmal eben ohne Linda.

Ehemalige Formel-1-Fahrer, Sportwagen-Größen, Gentlemen-Driver und Showstars bilden ein buntes Fahrerfeld, das es einen Tag und eine Nacht lang im Oval des Superspeedway wissen will. Um hie und da auch der Rechtskurve zu ihrem Recht zu verhelfen, biegt man nach Start/Ziel ins Infield ab, zum East und zum West Horseshoe, bevor es wieder raus ins Oval mit seinen stark überhöhten Kurven geht, das Tempo jenseits der 300 km/h.

Die Stahltribünen erzittern, als das Feld in die erste Runde geht.

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Ein Paul Newman war bis zu seinem siebzigsten Geburtstag hier am Start, die Andrettis haben in Daytona gewonnen, die Unsers, Hurley Haywood und Chris Amon. Die Karriere von Red Bull Racing-Genie Adrian Newey ist in Daytona so richtig ins Fliegen gekommen, als der Jungdesigner im Jahr 1983 einen March-Sportwagen innerhalb kürzester Zeit von einer abgeschriebenen Fehlkonstruktion zum Überraschungs-Führenden umgebaut hatte. Nur Motorprobleme in der 23. Stunde verhinderten, dass sich Neweys Piloten abends eine Uhr aufs Nachtkästchen legen konnten – die Sieger in Daytona werden nämlich traditionell mit einer Rolex gleichen Namens ausgezeichnet. 2014 markiert bei aller Historie den Aufbruch in eine neue Zukunft der US-Langstreckenrennen: Endlich haben sich die zwei lange Jahre einander spinnefeind gewesenen Rennserien Grand-Am und die American Le Mans Series auf ein gemeinsames Reglement geeinigt. In Daytona wurde das erste Rennen unter einem Dach gefahren: United Sportscar Series heißt das Baby, und 68 Autos, unterteilt in vier Klassen, stehen am Start.

In der Königsklasse („Prototypes“) haben die Vertreter der ehemaligen Grand-Am leichtes Spiel mit den offenen Sportwagen der American Le Mans Series. Die Daytona Prototypes (DPs) machen sich die Spitze untereinander aus. „Man sagt zwar, dass bei Langstreckenrennen Konstanz über schieren Speed siegt, aber hier geht es von der ersten Runde an voll zur Sache“, sagt der dreifache Daytona-Sieger Guillermo „Memo“ Rojas. „24-Stunden-Rennen sind Langzeit-Sprints geworden.“

Im Nord-Lager an der Strecke sind die jungen Fans daheim, die lauten. Das passt sehr schön zu den Autos, die an dieser Stelle mit 300 km/h vorbeidonnern.

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Die Zehntausende an Zuschauern verlieren sich fast auf den Grandstands des Daytona International Speedway, derart gigantisch ist die Anlage. Die mächtigen Stahltribünen erzittern, als das Feld in die erste Runde geht. Nach einer knappen Viertelstunde stehen bereits die ersten Überrundungen an, so groß sind die Leistungsunterschiede, auch wenn man die ärgsten Rübenbomber, diese selbstgebastelten Familienprojekte mit viel Herzblut, doch (zu) wenig Substanz, schon bei der Anmeldung aus dem Feld eliminiert hat.

Es ist auch so gefährlich genug.

Um 16:58 Uhr, nach einer Fahrzeit von zwei Stunden und 47 Minuten, schert der zu diesem Zeitpunkt führende Memo Gidley aus dem Windschatten eines Langsamen aus, um ihn zu überrunden – und knallt mit gewaltigem Geschwindigkeitsüberschuss in die Nummer 62, den Ferrari von Matteo Malucelli, der wegen eines gebrochenen Antriebsstrangs nur über die Strecke kriecht. Der Einschlag der Corvette DP im Ferrari-Heck ist so gewaltig, dass man das Schlimmste befürchten muss. An dieser Stelle fahren die Autos in die tiefstehende Sonne, „einen Moment lang sieht man überhaupt nichts“, beschreibt ein geschockter Fahrer die Verhältnisse. Das Rennen wird gestoppt, Memo Gidley muss aus dem Wrack geschnitten werden. Längst wird wieder gefahren, als endlich Entwarnung kommt: Beide Fahrer sind ansprechbar.

Unfälle gehören in Daytona dazu, sie sind genauso Teil der Legende dieses Rennens wie Linda Vaughn, das Absingen der amerikanischen Hymne vor dem Rennstart, die Messe im Mediacenter am Sonntagvormittag oder das Campen im Infield, streng unterteilt in wilden Norden, reichen Osten und konservativen Süden.

Im Norden, zwischen Turn 3 und 4, hat sich das gemeine Fußvolk breitgemacht, die Jugend, Neigungsgruppe Exzess. Es regieren Wurfzelt und Bierdose, angereist ist man in Pick-up, SUV und ähnlich agrarisch angehauchtem Gerät. Logisch, man braucht die Kapazität zum Transport von genügend Holz für die Lagerfeuer, die hier im Norden gern ein wenig höher ausfallen. Die Feuerwehr bezieht sicherheitshalber einmal Stellung. Noch vor Mitternacht stolpern die ersten über Zeltleinen, es gilt das gegrölte Wort. Im Inneren einiger Zelte kommen sich Pärchen offensichtlich nahe. Keine Rede davon im Süden, Heimplatz der RVs, der recreational vehicles für die richtig Verwöhnten. Hier reisen Zimmer, Küche, Kabinett, das tote Tier wird statt am offenen Feuer am Gasgrill verkohlt. Sowohl die Fleischstücke als auch die Bäuche der Grillenden sind im Süden tendenziell voluminöser als im Norden. Lauter routinierte Camper hier. Kaum einer, der auf einen Flatscreen verzichtet, elegant in die Karosserie des Wohnmobils eingearbeitet. Die Reviere sind fein säuberlich abgesteckt, Passanten wird der Blick auf die Rennstrecke durch massive Vorzelt-Konstruktionen verwehrt. Eine Schrebergarten-Idylle mit röhrenden Achtzylindermotoren als Kulisse.

Das Leben der Mechaniker oszilliert zwischen kurzen Phasen heftiger Intensität und scheinbar immer länger werdenden Spannen endlosen Wartens.

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Das ganz große Geld ist aber trotzdem im Osten daheim. Hier gibt es zwar keine Menschen, die sind vermutlich dort, wo das Essen serviert wird. Sie haben nur ihre befüllten Parkplätze zurückgelassen, gewissenhaft nach Marken unterteilt. Der größte ist der Porsche-Parkplatz: Seinen Traum-911er kann man sich hier nach Farbe und Modell aussuchen, jede denkbare Kombination ist vorrätig. Besonders geschmackssichere Menschen sind gar mit ihrem 928 oder einem frühen 1600 Super angereist. Schön auch: Die plumpen Panameras und Cayennes, Schmuddelkinder in den Augen echter Racer, müssen getrennt parken. Freilich gibt es auch massenhaft Corvettes, Camaros und Mustangs, wenngleich ihnen hier im amerikanischen Motorsport-Kernland etwas Banales anhaftet. Die Rolex 24 sind von jeher ein europäisch angehauchtes Rennen. Das spiegelt sich auch in den Steckenpferden der Besucher wider.

Bescheidene Selbstbeschreibung des Daytona International Speedway: „The World Center of Racing“

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Halb fünf Uhr in der Früh ist eine gute Zeit zum Angriff. Wenn Mechaniker in orthopädisch bedenklichen Positionen einschlafen, Fahrer mit der Zahnbürste im Mund selbstverloren durchs Fahrerlager schlurfen und die letzten Hartnäckigen draußen auf den Campingplätzen vom Vortag in die Knie gezwungen werden, ist es Zeit, Attacken zu reiten. Die großen Teams haben die Routiniers, die das Auto mit Doppelstints durch die Nacht getragen haben, gegen die Supersprinter getauscht. Selbst wenn die Streckentemperatur absolute Rekordzeiten verhindert: Zu dieser Zeit werden keine Gefangenen gemacht. Der erst 22 Jahre alte Porsche-Junior Klaus Bachler klettert nach einer makellosen Fahrt aus seinem Porsche 911. Sein Team schickt ihn aber nicht ins Bett, sondern holt ihn gleich zum Debriefing an die Kommandobrücke. Für Jungs wie ihn gibt es noch viel zu lernen. Es sind Nächte wie diese, die aus hoffnungsvollen Youngsters gestandene Rennfahrer machen.

Kurz vor Schluss wird es noch einmal dramatisch. Das Pace Car, in den USA gern eingesetzte Maßnahme zur Spannungssteigerung, kommt nach einem relativ banalen Crash raus und schiebt das Feld zusammen. In drei der vier Klassen muss die Entscheidung in der letzten von 96 Viertelstunden eines 24-Stunden-Rennens fallen. Auch das TV schaltet sich live zu. Zuschauer beißen Nägel, es wird gefightet bis zur vorletzten Kurve, in der kleinsten GTD-Klasse gibt sogar noch Blechkontakt beim Rangeln um den Klassensieg. Nach dem Fallen der schwarzweiß karierten Flagge brechen schließlich die Dämme, Fanmassen umringen Fahrer, betatschen Autos. Konfetti, Musik, Tränen, Uhren für die Sieger.

Sébastien Bourdais, einst mit Toro Rosso in der Formel 1 aktiv und 2014 in Daytona siegreich, zeigt bei der Pressekonferenz glücklich seine brandneue Rolex Daytona vor: „Das ist eines jener Rennen, die man einmal im Leben gewinnen will. Der Blick ans Handgelenk wird mich täglich an diesen Sieg erinnern.“

Linda Vaughn ist dieses Jahr übrigens nicht mehr aufgetaucht.

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The Red Bulletin | 05 2014

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