Is money destroying football?

Die Champions League wird immer exklusiver

Text: Raphael Honigstein
Bild: Getty Images/Montage

Raphael Honigstein erklärt, warum die Champions League wie ein exklusiver Nachtclub ist und warum die Fußballfans eine Teilschuld an dieser Situation tragen.
Raphael Honigstein
Raphael Honigstein

u.a. Fußball-Korrespondent bei „The Guardian“, Autor bei der „Süddeutschen Zeitung“ und seit kurzem Kolumnist bei „The Red Bulletin“
twitter.com/honigstein

Die Champions League lässt sich mit einem angesagten Nachtclub vergleichen. Die selbstzufriedenen Stammgäste an den mit Promis gespickten Abenden unter der Woche - Partys am Wochenende sind dem gemeinen Volk vorbehalten - freuen sich, dass das provinzielle Klientel nicht eingelassen wird.

Die draußen Wartenden hassen diese Affektiertheit und wünschen doch nichts sehnlicher, als selbst Eintritt zu erhalten - aber nur, wenn die Türsteher ansonsten weiterhin streng bleiben und die anderen Outsider schön draußen schmoren lassen.

Das ungeniert dekadente Geschäftsmodell der Champions League sorgt jedoch zunehmend für Missstimmung. Die westliche Welt sorgt sich in Friedenszeiten um wachsende Ungleichheit; dass die Reichsten auf dem Rücken der kleinen Clubs noch reicher werden, stößt vielen auf.

Gemessen an einer Unzahl von Kommentaren der Journaille und Reaktionen in den sozialen Netzwerken hat die Ablehnung gegen die Europäische Fußballelite mittlerweile eine merkliche Champions-League-Verdrossenheit hervorgebracht. Für den klugen Kommentator und Fan gehört es jetzt zum guten Ton, die Gruppenphase als besonders langweilig, spektakelarm und letztlich als Zeitverschwendung abzutun.

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Fans von Leicester City, Borussia Mönchengladbach, Napoli und Legia Warschau werden das wohl etwas anders sehen. Darüberhinaus gibt es hier aber ein viel größeres Problem. Das Zusammenspiel von Exklusivität, Fairness und sportlicher Klasse ist deutlich komplexer als viele Kritiker zugeben.

Nehmen wir die neueste, vielgehörte Beschwerde über einseitige Partien wie Dortmunds 6:0-Kantersieg gegen Legia oder Barcelonas 7:0 gegen Celtic. Die Schieflage, die aus diesen Ergebnissen spricht, ist keineswegs das Resultat einer zu elitär gewordenen Champions League. Das exakte Gegenteil ist der Fall.

Ohne Michel Platinis Reformen von 2007, die fünf Meistern aus kleinen Nationen die Qualifikation zur Gruppenphase gewähren - zu Lasten höher angesehener Teams, aus besser platzierten Ländern - wären  Warschau und Celtic überhaupt nicht im diesjährigen Wettbewerb vertreten gewesen. 

Es war von Anfang an klar, dass das geänderte Format die sportliche Qualität der Gruppenphase verwässern würde. Aber die Vergrößerung des Pools von Mannschaften mit einer reellen Chance zur Teilnahme wurde mit Hinweis auf die Tradition angepriesen und nützte außerdem dem (teilweise politisch motivierten) Ansinnen der UEFA, Gelder an die kleineren Nationen umzuverteilen.

„Die Gruppenphase wird interessanter, mit deutlich weniger 6:0-Demontagen.“

Das jetzige Format ist ein wackeliger Kompromiss zwischen mehr Inklusivität - einem abwechslungsreicheren aber qualitativ schwächeren Teilnehmerfeld - und der daraus resultierenden Verminderung des sportlichen Wettbewerbs in der Gruppenphase. Die Folge: allgemeines Jammen über einen Mangel an Spannung vor Weihnachten, etc. 

Mit dem neuen Format, das 2018 in Kraft treten soll, kommt mehr Qualität in die Gruppenphase zurück, da die Hälfte der 32 Startplätze zu Lasten der kleineren Länder an jeweils vier Teams aus den vier Top-Nationen (momentan Spanien, Deutschland, England und Italien) vergeben werden. Nimmt man die besten Mannschaften aus Frankreich, den Niederlanden und Portugal dazu, sollte es für die Eliteclubs in Zukunft etwas schwieriger werden.

Die Gruppenphase wird interessanter, mit deutlich weniger 6:0-Demontagen, aber der Chor der verstimmten Außenseiter und neutralen Fans mit Underdog-Sympathien wird zwangsläufig lauter werden. Der neue UEFA Präsident Aleksander Ceferin hat bereits angekündigt, die Machtergreifung der großen Clubs „erneut zu überprüfen.“ Ob der Anwalt aus Slowenien etwas dagegen unternehmen kann, steht auf einem ganz anderen Papier. 

Wie könnte man einen gerechten Wettbewerb gestalten, der nicht die zentrale, unglaublich erfolgreiche Idee der Champions League unterwandert - dass die besten Clubs des Kontinents an ihr teilnehmen?

Es gibt keine einfachen Lösungen. Die UEFA kann nicht für die bereits bestehenden Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Ligen verantwortlich gemacht werden, denn diese beruhen auf Größe und anderen externen Faktoren. Ungleichheiten innerhalb der Ligen werden sicher durch die Champions League-Gelder verschlimmert, aber auch das liegt nicht einzig und allein an Nyon: Manche Vereine haben reichere Investoren, bessere inländische TV-Verträge, höhere Marketingeinnahmen, mehr Fans oder ein größeres Stadion als andere.

Eine großzügigere Umverteilung der Preisgelder an Clubs die nicht teilnehmen, im Rahmen eines Solidaritätsbeitrags, wäre hilfreich. Aber die Drohung der Großklubs, einen unabhängigen Wettbewerb ins Leben zu rufen, setzt dem Sinn der UEFA für das Allgemeinwohl enge Grenzen.

Der Effekt der Globalisierung auf den Fußball, das Auseinandergehen der Schere zwischen Reich und Arm, kann von internationalen Verbänden bestenfalls abgefedert, nicht aber gestoppt oder gar umgekehrt werden.

Wir, die Zuschauer, sind auch mitschuldig an dieser Entwicklung. Wir sehen lieber den besten Teams der Welt zu, als einen ausgeglicheren Wettbewerb auf niedrigerem Niveau - zum Beispiel in der Europa League. Wie der Typ, der von vor der Tür die schönen Menschen im Club bewundert, können auch wir uns dem Zauber, der von der Exklusivität ausgeht, nicht entziehen. Selbst wenn wir sie eigentlich verachten.

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09 2016 The Red Bulletin

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