Max Verstappen fährt im RBR Boliden

Fährt die Formel 1 bald 400?

Text: Martin Datzinger
Bild oben: Getty Images / Red Bull Content Pool

Valteri Bottas hat im Baku-Qualifying 378 km/h auf der Uhr. Knacken die Formel-1-Boliden bald die magische Marke? Und was steckt dahinter? Wir klären auf.

400km/h. Im Rundstrecken-Motorsport kennt man diese Marke aus längst vergangenen Zeiten im 24h Rennen von Le Mans. Roger Dorchy schaffte dort 1988 mit seinem Peugeot P88 - interne Bezeichnung „Projekt 400“ - sagenhafte 407 km/h. Über die ganze Runde war die extrem windschlüpfrige Flunder gegen Jaguar und Porsche chancenlos, das schnellste Auto zu bauen, war für die Franzosen dennoch eine Frage des Nationalstolzes, naturellement. Dieses aberwitzige Tempo war freilich nur möglich, weil die 6 km lange Mulsanne damals noch eine richtige Gerade war. 1990 wurde sie mit zwei Schikanen entschärft, weil bei diesen irrsinnigen Geschwindigkeiten aus Fahrzeugen mitunter Flugzeuge wurden.

Wer gern den Blick über großen Teich wagt, der weiß natürlich, dass die US-amerikanischen Indy Cars auf den Ovalstrecken die Formel 1 auf ihren verwinkelten Kursen locker davonrasen. Selbst im Rundenschnitt fahren die kruden Ami-Renner mitunter schneller, als es Bottas im Hightech-Flitzer für nur einen Moment geschafft hat. Was den absoluten Topspeed angeht, so wurde Paul Tracy wurde im Jahr 1996 mit sagenhaften 413 km/h gemessen. Übrigens dieselbe Geschwindigkeit, die ein Honda Formel 1 am Salzsee von Boneville hingelegt hat. Aber das war ein richtiger Frankenstein: Ohne Flügel am Heck und ohne Kurven in Sicht gilt die Zahl einfach nicht.

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Stark und windschlüpfrig

Trotzdem – wie kommt es in der Formel 1 neuerdings zu den purzelnden Temporekorden? Neben all der Häme über die viel zu leisen, viel zu komplizierten, viel zu schweren Hybridantriebe muss man zugeben – die Dinger sind inzwischen richtig stark. Über 900 PS gelten als sicher. Nach dem entfesselten Turbowahnsinn der 80er und den schrillen V10 der frühen 2000er eine neue Bestleistung. Und sie könnten noch viel, viel mehr leisten, wäre der Benzindurchfluss zum Verbrennungsmotor und die Leistung des ERS nicht per Reglement begrenzt. Weil das aktuelle Reglement neben dem Spritverbrauch auch die Downforce reduziert wissen wollte, sank der Luftwiderstand. Insbesondere, weil sich Teams wie Williams in ihrer Design-Philosophie stark auf Effizienz im Höchstgeschwindigkeitsbereich konzentrieren.

Windschatten am kaspischen Meer

Hermann Tilke hat ordentlich tiefgestapelt, als er Aserbaidschan als den schnellsten Stadtkurs der Welt bezeichnet und Geschwindigkeiten von locker 340 km/h prophezeit hat: Tatsächlich können die Piloten hier auf einem 2,1km langen Teilstück durchgehend ungeniert Vollgas geben - genug Platz zum Schwungholen! A pro pos ungeniert: Weil die Stadt 27m unter Meereshöhe liegt und dort die Luft dick ist, wäre Valteri Bottas aus eigener Kraft unmöglich auf diesen Speed gekommen. Eigentlich müsste er sich bei Max Verstappen fürs Windschattenspenden bedanken!

Die Physik bezwingen

Die Autos werden immer besser – lesen wir also bald in den Formel 1-Schlagzeilen von neuen Rekorden? Das kann doch nicht so schwer sein! Doch, denn jedes Auto, jedes Motorrad und jedes Flugzeug bewegt sich mit steigendem Tempo durch eine schnell zäher werdende Suppe aus Luft – die nötige Leistung steigt mit der dritten Potenz der Geschwindigkeit. Aus harmlos klingenden 22 km/h werden so plötzlich grob 170 PS mehr Leistungsbedarf. Außerdem geht die Formel 1 nächstes Jahr wieder erheblich in die Breite, nämlich um 20 Zentimeter.

Die so gewachsene Stirnfläche wird in diesen Geschwindigkeitsbereichen alleine ca. 100 PS verschlingen. Zudem dürfen die Autos mehr Downforce generiere - Abtrieb, der mit Luftwiderstand erkauft wird. 300 PS mehr in einem Jahr? Wird schwierig, aber vielleicht dreht die FIA ja kurzfristig für die Show am virtuellen Dampfrad und lässt zumindest im Qualifying mehr Benzindurchfluss und ERS-Leistung zu - wäre doch beeindruckend, die 400 km/h fallen zu sehen!

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06 2016 The Red Bulletin

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